Ultraleicht, ultraklamm, ultragenervt

Gerade bin ich auf Teneriffa und was gibt es Besseres, als hier schon mal die Berge rauf und runter zu laufen, um sein ganzes Equipment zu testen? So habe ich mir das jedenfalls gedacht. Und wenn ich ehrlich bin, meinte ich eigentlich nicht „testen“, sondern einfach losgehen und feststellen, wie toll alles funktioniert und wie genial ich alles ausgesucht habe.

Normalerweise ist ja hier immer Frühling, aber vor zwei Tagen ist wohl der Sturm des Jahrhunderts hier durchgefegt und die Ausläufer sind immer noch zu spüren. Also muss ich mich als Erstes von meiner Vorstellung verabschieden, dass ich bei milden Temperaturen und vor allem strahlend blauem Himmel „well prepared“ loslaufe. Was soll’s, denke ich, kann ich wenigstens auch meinen Poncho ausprobieren. Der ist ja so superleicht und war auch superteuer: 120 Euro für Plastik, aber halt ultraleichtes Superplastik.

Ich packe also alles in meinen Rucksack, den Gossamer Gear Gorilla 50 Ultralight. Den Namen schreibe ich nur für euch, ich muss den immer wieder googeln; das Einzige, was ich mir merken kann, ist Gorilla 50. Der Gorilla ist gelb und hat sogar ein Sitzkissen am Rücken – also alles top. Jetzt noch mein Zelt rein, das ich auch extra mitgenommen habe, damit ich es das erste Mal aufbaue, und natürlich die Isomatte mit Pumpsack. Wow, ich bin so super ausgestattet!

Also, ich suche mir eine Tour aus und los geht es. Der Rucksack fühlt sich ganz gut an. Der Wanderweg ist erst mal ein kleiner Bach wegen des vielen Regens. Egal, denke ich, einfach weiter. So, nun meine tollen Schuhe, die Altra Olympus 6: nicht wasserdicht und marineblau. Also kurz marineblau, dann sinke ich in den Matsch und zu meiner Überraschung bleiben sie nicht wasserdicht, sind dafür aber auch nicht mehr marineblau, sondern einfach nur dreckig und mit Morast überzogen.

Hier merke ich, wie es mir einen kleinen Stich versetzt. Klar werden Schuhe irgendwann schmutzig, aber die Vorstellung, im Sommer mit runtergerockten, dreckigen Schuhen mein großes Abenteuer zu starten, fühlt sich komisch an. Vielleicht ist es Eitelkeit, aber in meinem Kopf suche ich schon nach einem Grund, mir neue zu kaufen – in Schwarz. Ich weiß, darum sollte es nicht gehen, aber irgendwie geht es halt doch auch ein bisschen darum, mit Würde und Schönheit loszugehen, so meine innere Rechtfertigung.

Ich laufe weiter durch Wasser und dann wird es mir zu bunt. Ich nehme eine Abkürzung direkt auf einen steilen Berg, der wieder in einen steilen Berg mündet. „Super Abkürzung“, denke ich, während ich schwitze wie die Hölle. Dann endlich der Regen – und jetzt der Poncho. Ich denke mir: Ich kann auf keinen Fall jetzt das teure, klebrige Plastik über mich werfen und darunter noch mehr verdampfen. Aber das Gute ist: Mein Rucksack ist nicht wasserdicht, also hätte ich eigentlich keine Wahl.

Jetzt bin ich in Gedanken auf dem Weg durch Frankreich. Ich sehe mich Berge rauflaufen und schwitzen und ich weiß, ich werde auf gar keinen Fall diesen Scheiß-Poncho anziehen. Lieber eine Regenhülle über den Rucksack und einfach nass werden. Apropos Rucksack: Er hängt mir am Arsch. Toll. Ich beginne ihn zu hassen. Außerdem schwitzt mein Rücken wie verrückt, weil er die ganze Zeit an dem Kunststoffkissen klebt – ultraleicht natürlich, aber auch ultranervig.

Na gut, jetzt baue ich einfach das Zelt auf, denke ich, und finde tatsächlich einen Platz, der flach ist, aber natürlich auch total nass. Genau, denke ich, in meiner Vorstellung war es so eine trockene Ebene, leichte Brise, Meer im Hintergrund, und ich baue mein Zelt auf und lege mich kurz rein. Alles scheiße, denke ich. Habe gar keinen Bock, jetzt das Zelt aufzubauen und dann nass in den Rucksack zu stopfen, obwohl das ja eigentlich egal ist, weil das Scheißding ja sowieso nicht wasserdicht ist und ich auf keinen Fall den Poncho anziehe.

Abends liege ich im Bett und bin irgendwie unzufrieden. Ich dachte, alles ist toll, ich wollte nur noch die Bestätigung – und jetzt ist alles viel Geld ausgegeben und gar nicht toll. Das einzig Gute ist: Ich weiß jetzt, was ich nicht will und was ich brauche. Wieder Recherche: Habe vier Stunden später zwei Rucksäcke gekauft. Zuerst einen in der Größe L, bis ich mit einem Schnürsenkel meine Rückenlänge nachmesse, vom oberen 7. Halswirbel bis zum Beckenknochen. Dabei sehe ich mich halbnackt im Spiegel und bin mal wieder deprimiert. Dann bestelle ich den in der Größe M, weil L scheinbar zu lang ist und der Rucksack dann am Arsch hängt. Ich schaue noch mal auf meinen blöden, verhassten Gorilla und da steht auch Größe L.

Egal, jetzt noch eine leichte Regenjacke, die man unter den Ärmeln aufmachen kann. Und irgendwie habe ich das Gefühl, einfach nur Geld verballert zu haben. Ich rechne kurz, was mir der Poncho und der Gorilla wohl bei Kleinanzeigen bringen. Naja, toll ist es nicht, aber es wird wohl auch nicht mein Bankrott sein.

Jetzt hoffe ich, dass der neue Rucksack gut ist. Immerhin habe ich die gleiche Marke schon mal auf einer langen Wanderung gehabt und den habe ich geliebt. Es ist nicht ganz dasselbe Modell, weil leichter, aber ich hoffe, die Liebe bleibt. Und auch der Gedanke, eine Jacke statt eines Ponchos anzuziehen, beruhigt mich. Bleiben noch die Schuhe – und soll ich euch was sagen? Sie sind die besten, die ich bis jetzt hatte. Nasse Füße machen mir nichts aus, solange die Schuhe wieder gut trocknen, und das tun sie. Und was die Farbe angeht: Tja, Stand jetzt denke ich mir, wenn ich erst mal bis nach Trier gekommen bin mit ihnen, dann bin ich ja bestimmt schon mit Einlaufen 800 km gegangen und ich kann mir getrost ein paar neue in das kleine, hübsche Hotel schicken lassen, wo ich bei Sonnenschein und warmer Brise meinen wohlverdienten Pausentag mache.

Und es wird bestimmt genauso schön wie auf Teneriffa 

2 Gedanken zu „Ultraleicht, ultraklamm, ultragenervt“

  1. Eva-Maria Reuschling

    Erste AMAs sind doch irgendwie immer Scheiße.
    Aber eben auch hilfreich.
    Und immerhin KANN man danach noch was ändern.
    😉
    Bis Montag!

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