Jan gone this Way

Vor langer Zeit, als ich 44 war, bin ich schon einmal den Jakobsweg gelaufen. Damals zum ersten Mal. Es war kurz nach einer Trennung. Und ich weiß noch, wie gut mir das Gehen getan hat. Während ich das hier schreibe, merke ich, dass ich eigentlich über etwas anderes schreiben will. Etwas, das mir auf der Seele liegt. Ich komme darauf, weil ich mir alte Bilder angeschaut habe. Und eines davon ist mir über Jahre im Gedächtnis geblieben. Es ist ganz unscheinbar. Ein gelber Pfeil aus Holz. Ein Wegweiser nach Santiago. Und darauf stand: Henry gone this way.

​Ich fand das damals irgendwie lustig. Aber ich habe mich auch gefragt: Wer hat das geschrieben? War es Henry selbst? Oder jemand anderes? Und warum ist Henry den anderen Weg gegangen? Aber das Eigentliche, worüber ich nachdenke, ist ein Gefühl, das nicht so schön ist. Es macht mich traurig. Und auch ein bisschen schuldbewusst. Damals hat mich einer meiner besten Freunde, Jan, auf dem Jakobsweg besucht. Es war eine Zeit, in der es ihm nicht gut ging. Und ich erinnere mich an mein eigenes Gefühl. Ich dachte: Oh nein. Ich bin gerade auf meinem eigenen Weg. Ich kann Jan jetzt nicht wirklich annehmen.

​Ich wollte allein laufen. Ich war fast durstig nach den Begegnungen, die mir dieser Weg geschenkt hat. Und irgendwie wollte ich mich nicht um ihn kümmern. Wir sind dann oft tagsüber getrennt gegangen und haben uns abends getroffen. Zum Ende hin wurde es etwas leichter. In Finisterre, am „Ende der Welt“, haben wir zusammen Wein getrunken. Ich war glücklich. Leicht. Beseelt von dem, was ich erlebt hatte. Und Jan sagte: „Ich wünschte, bei mir würde eine halbe Flasche Wein ausreichen, um dieses Gefühl zu erzeugen, das du hast.“ Ich habe es gehört. Aber ich konnte ihn nicht wirklich trösten. Vielleicht wollte ich mir dieses Gefühl auch nicht nehmen lassen.

​Ein Vierteljahr später ist Jan nach Thailand gereist. Vielleicht, um sich selbst zu finden. Er schrieb mir eine lange Nachricht. Dass er endlich etwas gefunden habe, wonach er immer gesucht hat. Ich war misstrauisch. Jan hatte öfter solche Momente, in denen plötzlich alles gelöst schien. Und irgendwie habe ich das nie ganz geglaubt. Dann ist er bei einem Motorradunfall gestorben. Und seitdem ist da dieser Gedanke: Jan gone this way.

​Das macht mich traurig. Und zurück bleibt das Gefühl, dass ich einen guten Freund nicht wirklich umarmt habe. Nicht innerlich. Als er mich vielleicht gebraucht hätte. Weil ich es nicht konnte. Oder nicht wollte. Und manchmal habe ich Angst, dass mir auf meinen Reisen wieder etwas entgeht, weil ich zu sehr bei mir bin. Und manchmal ist da noch ein anderer Gedanke. Leise, schwer zu greifen. Als würde ich Jan innerlich ein paar Jahre hinterherlaufen. Nicht, weil ich es will. Sondern weil sich etwas in mir ähnlich anfühlt. Und ich merke, wie ich diesen Gedanken nicht ganz loswerde.

​Ich habe ihn sehr geliebt.

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