Das Märchen vom Weiterwollen

Es war einmal – so fangen ja alle Märchen an, also auch dies. Ein Kind – ob es nun ein Mädchen oder ein Junge war, ist nicht überliefert, aber es war bekannt für seine freundliche Art und sein fröhliches Gemüt. Aber was es vor allen anderen auszeichnete, war seine schier endlose Neugier. Daraus erwuchs eine Abenteuerlust, wie man sie lange nicht gesehen hatte, und diese Mischung war so ansteckend, dass sich schon bald eine Gruppe von Freunden um dieses Kind geschart hatte.

Da sprach das Kind zu den anderen: „Wisst ihr was? Ich kenne in der Nähe einen tollen Schrottplatz. Da sind Autos übereinandergestapelt, da können wir spielen und die besten Abenteuer erleben.“ Alle Augen leuchteten, und so zogen sie johlend und lachend los. Und es war nicht zu viel versprochen: Alte Autos türmten sich zu Burgen, waren Türme, und manch ein alter VW-Bus oder ein runtergekämpfter Käfer verwandelte sich in einen Ballsaal oder einen vornehmen Salon. Reifen wurden Hüpfburgen und Auspuffrohre Fanfaren. Hier ließ es sich leben und vor allem spielen, und so blieb diese kleine Hofgesellschaft auf unbestimmte Zeit zusammen.

Eines Morgens, als das Kind einen alten Jeep untersuchte, fand es eine Postkarte. Und da es schon ein bisschen lesen konnte – nicht viel, aber so, dass es nur einen ganzen Nachmittag brauchte, bis es die paar Zeilen entziffert hatte: „Hier ist es toll, das Wetter ist schön und es gibt einen herrlichen Strand.“ Vorne auf der Karte war ein Bild, aber es war nicht mehr zu erkennen. Das Kind wusste nicht, wer oder was ein Strand sein sollte, aber allein, dass dort „herrlich“ stand, war genug. Da war ihm klar: Das musste gesehen werden. Und mit jedem Tag, der verging, wurde der Wunsch größer und das Kind merkte, es wollte weiter.

An einem Abend wurde ein gemütliches Feuer auf dem Schrottplatz gemacht und das Kind tat sehr geheimnisvoll, bis es die Karte rausholte und anfing, vom Strand zu erzählen. Auch wenn es nicht wusste, wie man sich einen Strand vorzustellen hatte, war eine solche Begeisterung in seinen Augen und ein Feuer in seinem Herzen, das es auf der Zunge trug, dass es nicht lange dauerte und die meisten mitwollten, um alles in der Welt. Ja, sie wollten weiter. Nur ein kleines Grüppchen fand es einfach zu schön in den Schrottautos, die zu Hause geworden waren. Alle waren einander zugewandt; es wurde sich verabschiedet und ein letztes Mal umarmt, und dann zog die etwas kleinere Gruppe weiter.

Wie lustig es war! Hüpfend und lachend, ja manchmal auch schräg singend, zogen sie Richtung Strand – auf jeden Fall dorthin, wo es offensichtlich herrlich war. Sie fragten jeden, dem sie begegneten, ob er oder sie denn einen Strand kenne. Und wenn sie gefragt wurden, welchen sie meinten, dann sagten sie nur: „Es muss der Strand sein, der herrlich ist.“

Keiner weiß, wie lange es dauerte, aber irgendwann kam die Gruppe tatsächlich an. Das war er: der Strand! Und jetzt wussten sie auch, was es war: eine endlose Sandkiste, ein Spielplatz, an dem die Welt aufhört und sich in ein unendliches Planschbecken verliert. Mit einem Wort: Es war herrlich. „Wie gut“, dachte das Kind, „dass wir weitergegangen sind, sonst hätten wir das nie gesehen.“

Und sie bauten sich aus Treibholz erst kleine Hütten, und aus Schnur und umgebogenen Nägeln, die sie im Treibholz fanden, wurden Angeln gebaut. Und so verging die Zeit. Die Gruppe von Kindern war älter geworden, die Strandhüttchen kleine Häuschen und die Nägel an Schnüren wurden zu Netzen. Ja, es gab sogar einen kleinen Palmenhain mit Datteln und Kokosnüssen – es war also für alles gesorgt.

An einem Tag fand das, was Kind war und nun ein junger Mensch, eine Flasche am Strand. Darin war ein zusammengerolltes Papier und auf dem Papier ein kleines Gedicht:

Einst fuhr ich über das Meer hinaus,

im fremden Land fand ich ein Haus

und meine Liebe auch.

Mit eigenen Augen musst auch du es seh’n,

ich werde nie, nie wieder geh’n.

Lange schaute der junge Mensch auf die Rolle, und wenn er auch nicht wusste, wer oder was diese „Liebe“ sein sollte: Er hatte eine unstillbare Sehnsucht danach. Und allem Anschein nach lag sie hinter diesem Meer, auch wenn man – so sehr man sich auch anstrengte – kein Land sehen konnte, selbst wenn man die Augen zusammenkniff. Da erinnerte sich der junge Mensch an das, was ihm schon einmal geholfen hatte: Weiter.

„Ja, genau“, dachte er bei sich, „nicht stehen bleiben. Weiter.“

Am Abend erzählte er der Gruppe von dieser Liebe und er malte sie, obwohl er nicht wusste, was es war, in so herrlichen Bildern, dass schon bald ein paar bereit waren mitzukommen. Jetzt war nur die Frage, wie sie über das Meer kommen sollten. Da sie keine Ahnung von Schiffen hatten, bauten sie einfach das nach, womit die Schriftrolle gekommen war. Und nach einigen Wochen brach eine Gruppe junger Menschen in etwas auf, das wie eine große Flaschenpost aussah. Alle hatten geholfen, das sonderbare Gefährt mit Lebensmitteln zu beladen, und so schaukelte die große Flasche mit Liebessuchenden über das Meer und winkte ein letztes Mal zum Strand und den Freunden, die geblieben waren.

So toll war die Fahrt nicht, denn nicht alle waren seefest, und dann und wann mussten sie Tage ertragen, in denen es nach dem roch, was sie gegessen hatten, aber nicht bei sich behalten konnten. Auch wurden sie von Hitze und Flaute geplagt, aber mutlos wurden sie nie, denn sie waren ja auf dem Weg zur Liebe – oder dem, was sie dachten, dass sie sei. Und der junge Mensch dachte: „Wie gut, dass wir weitergegangen sind.“

Und nach endlosen Tagen schaukelte die große Flasche an einen anderen Strand in einem anderen Land. So was hatten sie noch nie gesehen und gerochen: Tiere mit kleinen Bergen auf dem Rücken oder Nasen, die so lang waren, dass sie auf dem Boden schleiften; Menschen, die in Zelten statt Häusern wohnten, und Früchte, die aussahen, als hätten sie nur einen stacheligen Bauch, aber eine lustige Palmenfrisur. Oft mussten sie lachen, und sie zogen mit offenen Augen und freiem Herzen durch die Länder, die eine Welt waren.

Und jeden, dem sie begegneten, fragten sie nach der Liebe und wo sie denn zu finden sei. Und obwohl ihnen niemand diese Frage beantworten konnte, passierte etwas Eigentümliches: Von Zeit zu Zeit, wenn sie wieder nach der Liebe fragten, blieb plötzlich einer aus der Gruppe stehen und sagte, er habe sie gefunden. Zu sehen und zu erklären war das nicht, aber jeder, der die Liebe fand, blieb. Bis der junge Mensch, der nun erwachsen war, alleine weiterzog. Viele Freunde hatte er verlassen, aber in seinem Herzen wusste er, dass „Weiter“ ihm helfen würde, wie es ihn immer nicht verlassen hatte.

Und an einem Tag, plötzlich und völlig unerwartet, stand ihm jemand gegenüber. Und ohne zu fragen, wusste der Mensch, was Liebe war. Er versank in den Augen seines Gegenübers bis in sein Herz, und sie erkannten sich. Jahre vergingen voller Glück und Zufriedenheit, bis eines Tages der alte Mensch spürte, dass etwas aus seiner Kindheit leise an sein Herz klopfte. Nicht laut, aber beständig. Es war das „Weiter“.

Natürlich war er nicht blöd oder egoistisch. Er besprach alles mit seiner Liebe, und die Liebe sah ihn an und ließ ihn gehen. Der alte Mensch hatte sich einen Berg ausgesucht, direkt vor der Haustür, auf den noch nie einer gestiegen war, aber von dem es hieß: „Wenn du ihn besteigst, wirst du alles wissen.“

„Alles wissen“, dachte der alte Mensch. Das war, was er schon immer wollte. Nicht aus Gier, sondern aus Neugier. Und er umarmte das „Weiter“ inniglich, weil es ihn sein Leben lang in Bewegung gehalten hatte. Und mit dem Kuss wahrer Liebe verabschiedete sich der alte Mensch und stieg auf den Berg. Es war ein langer, beschwerlicher Weg, aber das „Weiter“ stützte, trug und hielt den alten Menschen. Unten sah er das Haus seiner Liebe und ein Licht, das im Fenster brannte. Es wurde immer kleiner.

Und endlich, nach einer Zeit – ob es nun Stunden, Tage, Monate oder Jahre waren, wusste der alte Mensch nicht – kam er auf dem Gipfel an. Es war so kalt geworden, dass ihm klar war: Ein Zurück würde es nicht mehr geben. Aber was machte das schon, denn jetzt würde er gleich alles wissen.

Und er drehte sich noch einmal um und sah das kleine Licht verlöschen. Da traf es ihn wie ein Schlag und er wusste es: Er wollte nicht weiter. Er hatte nicht bleiben können.

Dann wurde es Nacht.

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