So ein bisschen ein mulmiges Gefühl hatte ich natürlich. 26 km sind schon eine Ansage, aber hilft ja nichts. Also alle Sachen gepackt, aus der Pilgerunterkunft hinausgestiefelt und rein in den frühen Morgen. 7 Uhr morgens in Brühl. Ich kann euch sagen, es gibt wirklich Schlimmeres.
Kurz hinter Brühl steht in meinem Reiseführer, dass es ein Haus mit der Nummer 15 gibt, wo es angeblich einen Pilgerstempel gibt. So kleine Aufgaben sind manchmal ganz nett. Ich habe übrigens aufgehört, mit GPS-Navigation zu laufen, und lese jetzt ganz klassisch den Pilgerführer und halte mich an die Pfeile. Das macht irgendwie mehr Spaß. Außerdem hat man nicht ständig diese nervige Stimme auf dem Ohr.
An der Straße angekommen: Juhu, Hausnummer 40, alles klar, bald bin ich da. Jetzt ist es aber schon Hausnummer 45. Hä? Hausnummer 50? Oh nein, ich bin vorbeigelaufen! Aber bei 26 Kilometern wieder umkehren? Auf gar keinen Fall. Also laufe ich ein bisschen enttäuscht weiter.
Aber überraschenderweise sehe ich etwas anderes Nettes, und zwar einen Wegweiser an einer Hauswand. Er deutet nach Santiago, und es sind nur noch 2486 km. Wow, das ist ja ein Katzensprung. Irgendwie ist es aber trotzdem lustig. Ich gucke hoch, und es ist Hausnummer 15. Irgendwie verrückt.
Ich gehe in die Hofeinfahrt, drücke auf einen Knopf, und es ertönt eine unglaublich lange Glockenklingel. Ich glaube, es hätte auch Big Ben sein können. Auf macht Gitte, eine unglaublich freundliche Frau. Sie strahlt mich an und sagt: „Du willst doch bestimmt einen Stempel.“ Ich nicke, sie verschwindet und kommt mit einem Kästchen zurück, in dem zwei Stempel liegen.
Sie sagt mir, dass sie auch schon viel mit ihrem Mann gepilgert ist. Er ist vor vier Jahren gestorben, aber er hat einen eigenen Stempel geschnitzt. Jetzt bekomme ich den von der Kirche und auch noch den von ihrem Mann in mein Pilgerbuch gestempelt. Den von ihrem Mann hätte ich mir immer ausgesucht. Ich werde sehr herzlich verabschiedet und irgendwie bin ich ganz beseelt.
Jetzt laufe ich weiter durch den Wald, richtig lang, und danach an der Erft entlang, und glücklicherweise gibt es da überhaupt gar keinen Schatten. Das ist allerdings das Beste bei 32 Grad. Irgendwann zieht ein Gewitter auf. Ich verstecke mich schlauerweise unter Bäumen. Man muss halt abwägen: Nicht nass werden? Dann sind Bäume gut. Vom Blitz erschlagen werden? Dann sind Bäume scheiße.
Irgendwann komme ich dann auch endlich in Euskirchen an, was richtig hässlich ist. Ich dachte irgendwie, alle Städte in der Eifel sind schön. Dann komme ich in meiner nächsten Pilgerunterkunft an. Dort werde ich von meiner zweiten wunderbaren Begegnung in Empfang genommen: Hansi. Er betreut die Unterkunft ehrenamtlich und ist nach seiner Frührente zu seiner Frau gezogen, weil er vorher in Köln gewohnt hat. Er sagt mir, das war eigentlich richtig gut, dass man getrennt voneinander gewohnt hat. So konnte man sich immer aufeinander freuen. Wir plaudern, und in mir freut sich etwas, weil mir Gastfreundschaft entgegengebracht wird.
Es gibt auch noch einen Kühlschrank mit Getränken für 50 Cent. Pilger haben es schon gut. Und auch noch eine Telefonnummer, wo ich anrufen kann, um morgen angeblich in Bad Münstereifel übernachten zu können. Und was soll ich euch sagen? Ich rufe an, Steff sagt: „Klar, morgen kannst du auf jeden Fall kommen. Und willst du auch mit uns essen?“ Ich sage einfach ja – und euch gute Nacht.
Bilder des Tages
Da bin ich
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Schöne Stempel-Geschichte und wunderschöne Bilder 🩵
😘
Ja, das mit dem Stempel war wirklich toll
Lieber Florian,
was war das für ein toller Moment heute dich kennen zu lernen. Es war zwar leider nur kurz aber mir ist das Herz aufgegangen. Wie gut das tut und schön das ist Menschen wie dir zu begegnen. Danke für nen wunderschönen Moment.
Und natürlich wünsche ich dir das du zufrieden deinen Weg gehst und Begegnungen mit lieben interessanten Menschen die es gut mit dir meinen.
Fühl dich ganz lieb und herzlich umarmt.
Hansi
Lieber Hansi,
mir war es auch eine große Freude, dich kennenzulernen.
Ich wünsche dir nur das Beste
Florian!