Wie geschnitzt

So, wieder schön aufgewacht und losgelaufen – heute erst um 9 Uhr, weil der Weg nicht weit ist: nur 16 Kilometer bis nach Bad Münstereifel. Fünfter Tag, und irgendwie merke ich das auch in den Beinen. Und wie ich so durch den Wald stapfe, fällt mir ein, dass ich euch ja ganz vergessen habe, die Geschichte zu erzählen von Gitte, die mir gestern den Stempel gegeben hat, und wie sie mit ihrem Mann zusammengekommen ist.

Es war ein Juli im Jahre 1954. Sie sagt, daran kann sie sich noch ganz genau erinnern, weil die Glocke in der Dorfkirche, wo sie wohnte und die im Krieg zerstört worden war, am 1. Januar 1954 mit Gold repariert wieder in die Verankerung des kleinen Kirchturms gelassen wurde.

Seit diesem Tage hatte sie das Bedürfnis, auch repariert zu werden, denn wie die Glocke hatte der Krieg auch sie beschädigt. Gold stand zwar nicht zur Verfügung, um die Risse in ihr zu flicken, aber es gab etwas anderes, das gleichsam Heilung versprach.

Die kleine Kirche wurde überall im Dorf nur Muschelhäuschen genannt, und das hatte einen bestimmten Grund, denn sie war dem heiligen Jakobus gewidmet, welcher, in Stein gehauen, am Eingangsportal die mehr oder weniger freiwilligen Besucher sonntags in Empfang nahm. Er war aber nicht ganz aus Stein, sondern hatte in den Händen eine Jakobsmuschel aus Messing, welche durch die vielen Berührungen der auf Wunscherfüllung hoffenden Menschen einen ganz und gar goldenen Glanz bekommen hatte. Auch wenn kein Wunsch von ihr jemals in Erfüllung gegangen war, so oft sie die Muschel auch streichelte, so war etwas anderes passiert. Die Muschel hatte ihr einen Wunsch gegeben, den Wunsch, durch Laufen zu heilen.

Und so ging sie im Juli 1954 los.

Sie sagt, sie weiß es noch wie heute, wie heiß es an diesem Tag war, als sie gerade den Ortsausgang von Brühl verlassen hatte. Eine kleine, schattige Gasse direkt vor der Stadtmauer versprach Kühlung, und so huschte sie hinein, um ein wenig auszuruhen und Kraft zu tanken für den staubigen Weg, der vor ihr lag. Ein kleines Fenster, eingelassen in eine geweißelte Wand mit morschem Holzkreuz, war geheimnisvoll hinter einer Brombeerranke versteckt. Neugierig sah sie sich um, fand einen kleinen Stock, und mit Hilfe des hölzernen Werkzeuges schob sie die Brombeerranke zur Seite und sah in eine Welt.

Figuren, so zart und filigran aus Holz geschnitzt, standen hinter der staubigen Scheibe auf einer Fensterbank, und sie hätte nicht sagen können, welche von ihnen ihr Herz am meisten berührte. Tänzerinnen, kleine Löwen, Springbrunnen, deren Fontänen wie Wasser aus braunem Gold zu fließen schienen, eine Prinzessin auf einem Leviathan, ein Fischer mit einem Netz aus Holz. So lebendig alles, als wäre es nicht Holz, sondern beseelt, mit echtem Haar, mit echten Augen.

Augen, so schön und stark, auch ein bisschen traurig. Die blinzelten.

Die blinzelten? Hätte sie sich nicht die Hand vor den Mund geworfen, sie hätte laut geschrien.

Schnell ließ sie die Brombeerranke fallen, warf das Stöckchen weg und wollte aus der Gasse hinaus, wenn dann nicht eine Tür, die sie vorher nicht bemerkt hatte, sich vor ihr öffnete und den Weg nach draußen auf die Straße versperrte.

Ein großer, etwas grober junger Mann mit braunem Haar und dunklen Augen sah sie an. Und kurz dachte sie: wie geschnitzt.

Erst jetzt sah sie den kleinen Holzbecher, welchen er in der Hand hatte und ihr entgegenstreckte. Das Nächste, an das sie sich erinnerte, waren die vom Gewicht der Decke und der Jahre gebogenen Balken des kleinen Fachwerkhauses über ihren Köpfen.

Und weil Menschen, die eigentlich schüchtern sind, das Gegenteil von dem tun, womit man rechnen würde, fing sie sofort an zu erzählen. Wie ein lebendiger Waldbach strömten ihre Worte durch den Raum direkt in ihn hinein. Sie erzählte vom Muschelhäuschen, von den verschiedenen Stationen, an denen sie auf ihrem Weg schon so herzlich empfangen worden war. Sie zeigte ihm die ganzen Stempel, die sie schon gesammelt hatte und wie einen Schatz in ihrem Rucksack hütete. Die Einfachheit des Lebens, die Früchte am Wegesrand, der Wandel der Jahreszeiten. Die Sonne, der Regen, die Einsamkeit. Die Heilung. Und während der ganzen Zeit blickte er ihr in die Augen, die noch so viel mehr erzählten. Wie viele Becher sie getrunken hatte, hatte sie nicht gezählt, denn eigentlich hatte sie schon längst keinen Durst mehr; sie trank nur noch, um da zu bleiben. Um weiter zu erzählen, denn in jedem zustimmenden Grummeln des geschnitzten Burschen lag seine Welt, und diese hatte sie gesehen in dem kleinen Fenster.

„Hast du eine Toilette?“, brach es aus ihr heraus. Dann Stille. Nur der Waldbach und der geschnitzte Grummel standen sich gegenüber.

Und bevor sie rot werden konnte, lachte es so herzlich aus dem Grummel heraus, dass jeder Platz für Peinlichkeit im Nu verschwunden war. Er deutete mit dem Finger auf eine Tür. Und auf der Toilette sitzend, dachte sie darüber nach, was er in der Hand gehalten hatte.

Sie hätte gerne noch mehr getrunken, aber irgendwie ging das nicht mehr. Denn manchmal spürt man, dass Dinge und auch Begegnungen nur eine gewisse Zeit haben, bis sie vollständig sind und nicht mehr angefasst werden dürfen.

Und so standen sie sich gegenüber. Er reichte ihr zum Abschied seine Hand. Jedenfalls war es das, was sie dachte, aber die Hand öffnete sich nicht. Sie zitterte auch nur ganz unmerklich und hielt ihr etwas entgegen.

Es sah aus wie ein kleiner Holzpilz. Als sie ihn genauer betrachtete, war es ein Stempel. Ein Muschelhäuschen, geschnitzt von ihm, während sie erzählte und er in ihren Augen versunken war.

Ihr Blick hob sich, und das hübsche geschnitzte Gesicht verschwand in einem Schleier von Tränen.

Dann rannte sie raus, den Stempel fest in der Hand, die kleine schattige Gasse entlang, bog rechts hinter der Stadtmauer auf den Weg ab und war verschwunden.

Er stand noch lange wie angewurzelt im Dämmerlicht der Werkstube und konnte seine Augen nicht von der Türöffnung abwenden, durch die sie gerade verschwunden war.

Erst als eine Fliege Anstalten machte, in sein Nasenloch zu kriechen, lösten sich seine Glieder mit einem heftigen Nieser.

Zögerlich durchschritt auch er die Türöffnung und sah die kleine, dunkle Gasse hinunter, an deren Ende das Sonnenlicht des Weges hell glänzte. Dann ging er wieder zurück und schloss die Tür.

In den nächsten Tagen und Wochen passierte es immer wieder mal, dass er völlig ohne Grund, ja ohne es zu bemerken, gedankenverloren vor seine Tür trat und minutenlang auf das Licht am Ende der Gasse starrte.

Und plötzlich huschte durch das Licht eine Gestalt – es traf ihn wie ein Blitz. Erst langsam, dann immer schneller, bis er am Ende fast fallend, atemlos auf die große Dorfstraße kam und schon rufen wollte, als sich ein junger Mann mit Rucksack, halb erschreckt und ziemlich erstaunt, zu ihm umdrehte.

„Haben Sie vielleicht etwas Wasser?“

Enttäuscht und verständnislos schaute er ohne Regung auf den Pilger, der sich nach einer Zeit etwas verunsichert wieder auf seinen Weg machte.

Als er nur noch ein ganz kleiner Punkt war, fühlte er, wie etwas in ihm hochstieg – schleichend erst, aber es kroch unaufhaltsam aus jeder Pore seines Körpers in seinen Kopf, welcher feuerrot wurde.

Er drehte sich um, ging in seine Werkstatt, und in wenigen Stunden hatte er eine kleine Bank zusammengezimmert. Er trug die Bank zur Dorfstraße. Auf die Bank stellte er einen gezimmerten Becher und einen Krug mit frischem Wasser.

So vergingen die Monate.

Und jedes Mal, wenn ein Pilger einen Schluck Wasser trank oder ein paar Brombeeren gegessen hatte, die er auch ab und zu in einer kleinen Schale auf die Bank stellte, spürte er sie. Und so wurde er nicht müde, die Suchenden zu versorgen.

Im Juli 1955 stand ein junger Mann, etwas grob wie geschnitztes Holz, in seiner Werkstatt. Seine Gedanken waren bei ihr und der kleinen Figur, die er gerade fertiggestellt hatte: ein Mädchen mit Rucksack und forschem Schritt, einen kleinen Stempel in der Hand haltend. Er rieb sie noch einmal mit Leinöl ab und dann stellte er sie auf ein kleines Fensterbrett, das sich unter zwei von der Zeit milchigen Scheiben festklammerte.

Mit einem Mal wurde es hell, und er sah nur Weiß, bis er sich langsam an das Licht gewöhnte. Jemand musste die Brombeerranke zur Seite geschoben haben.

Und er sah in zwei blinzelnde Augen.

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Da bin ich

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8 Kommentare zu „Wie geschnitzt“

  1. Oh, das ist aber eine wunderschöne Liebesgeschichte!
    Und nicht nur das, nicht nur irgendeine,
    sondern sie hat mit Wandern, mit Pilgern, mit Gastfreundschaft, mit Weggehen und Zurückkommen,
    also einfach mit allem zu tun, wozu Du gerade aufgebrochen bist.
    So schön.
    Den Stempel hätte ich auch ausgesucht!

  2. Was für eine wunderschöne Geschichte. Man hatte beim Lesen das Gefühl, selbst ein kleines Stück davon mitzuerleben. Umso trauriger ist es, dass die beiden heute nicht mehr zusammen sein können. Umso schöner, dass diese besonderen Erinnerungen bleiben.

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