Foortsetzung
Ein nicht enden wollender Fluss von Farben, mal kurz, mal lang, unterbrochen nur vom endlosen Blau des Plastiks – jetzt wusste sie es.
Sie wollte in den bunten Strom springen und sich mitreißen lassen; zu lange war sie schon am gleichen Punkt.
Sie hielt den Globus an. Ihr Zeigefinger lag irgendwo weit unten, wo das Beige schmal wurde und das Blau wieder anfing. Sie sah nicht nach, wie das Land hieß.
Und ihre Hand faltete den Zettel und schob ihn unter den Standfuß des Globus, damit er nicht wegflog.
Dann ging sie zum Schrank und holte einen Koffer. Er roch nach Mottenkugeln und Reisen, von denen sie nichts wusste. Am Griff baumelte ein Anhänger, die Schrift darauf so verblasst, dass nur noch das Papier sprach. Sie packte, ohne zu falten.
Das Telefon klingelte wieder, sie nahm ab und legte den Hörer daneben, ließ das Flüstern hinter sich, bis nur noch ein Tuten leise zu hören war und dann nichts mehr.
Die Schnallen des Koffers klickten, und der Griff knarzte, als sie ihn anhob und, ohne sich umzudrehen, aus der Wohnung ging, bereit, das Land zu verlassen, das auf dem Globus beige war.
Und hätte sie sich umgedreht, so hätte sie einen kleinen Zettel gesehen, der sich unter dem Standfuß des Globus festklammerte.
Festgeklammert hatte sich Addley nun schon zwanzig Jahre an dem Zettel, den er einst in einem Anflug von Panik vom Kopf der Null heruntergerissen hatte, bevor er seine Überraschungsparty fluchtartig verlassen hatte. Dabei war „festklammern“ gar nicht der richtige Begriff: Er hatte sich festgebissen, weil er es nicht greifen konnte, das Gefühl, das er hatte, wenn er den Satz „Sie warten schon“ las.
Mittlerweile lebte er zurückgezogen auf einer Farm in Texas. Von seiner Frau hatte er sich zwar nicht getrennt, aber sie hatten beschlossen, nicht zusammenzuwohnen: Sie lebte drei Autostunden entfernt in der Stadt, er mitten im Nirgendwo.
Er war Professor für Statik geworden, aber seine Leidenschaft war ein Zimmer auf der Farm. Es hing voll mit Zetteln.
Es hatte nie ein Bett gesehen. Die Zettel hingen in Reihen von der Decke bis zu den Dielen, mit Reißzwecken, mit Tesafilm, einer sogar mit Kaugummi, und auf jedem stand derselbe Satz, nur nie in derselben Sprache.
Die ersten waren Zahlen. Er hatte jedem Buchstaben seine Stelle im Alphabet gegeben, A gleich 1 bis Z gleich 26, und so wurde aus SIE 33, aus WARTEN 81 und aus SCHON 59, zusammen 173. Er schrieb 173 auf einen Zettel, dann auf zwanzig, dann auf den Rand der Zeitung. Die Quersumme war 11, die Quersumme von 11 war 2. Weil das so schön in sich zurückfiel, rechnete er es noch einmal von vorn, jeden Buchstaben einzeln auf eine Ziffer heruntergekocht, und landete bei 65, dann wieder bei 11, bei 2. Es lag kein Trost darin, nur Bestätigung.
Dann zerlegte er. 33 war 3 mal 11, 81 war 3 hoch 4, und das gefiel ihm so sehr, dass er es laut sagte. Aber 59 ließ sich nicht zerlegen, und 173 auch nicht, beides Primzahlen, einsame Brocken, an denen jedes Teilen abrutschte wie ein Messer am Kieselstein. Nachts fand er sich barfuß vor der Wand wieder, wie er leise „nicht teilbar“ sagte, immer wieder, als wäre es ein Vorwurf.
173 war 13 zum Quadrat plus 2 zum Quadrat. Er spannte eine Schnur quer durch das Zimmer, um die Diagonale zu sehen, Wurzel aus 173, 13,15 und ein bisschen, und stolperte seitdem jeden Morgen darüber.
Zum Frühstück rechnete er hexadezimal. 173 war AD. Er sagte es in die Küche, AD, wie Addley, wie Anno Domini, im Jahr des Herrn, und die Kaffeemaschine antwortete nicht. Er schrieb AD mit dem Finger auf den beschlagenen Spiegel und auf die staubige Windschutzscheibe des Pick-ups und fuhr dann los, um Studenten beizubringen, wann ein Haus stehen bleibt.
Zuletzt kam der Winkel. 173 Grad. Sieben fehlten zur Geraden. Er stellte die Tür des Zimmers mit dem Geodreieck genau auf 173 Grad und klemmte sie dort mit einem Keil fest, sieben Grad, bevor sie flach an der Wand gelegen hätte. Und wenn er nachts im Zimmer stand, zog es durch diesen Spalt, und der Wind aus der Prärie bewegte alle Zettel gleichzeitig, wie die Seiten eines Buches, das sich selbst umblättert.
P.S.
Heute bin ich übrigens in León angekommen, und es ist nun endgültig richtig Herbst. Es war ein wunderbarer Tag mit blauem Himmel und Sonne, dabei aber klirrend kalt. Ich liebe es zu sehen, wie sich die Farben an den Bäumen verändern und all die Kastanien nun auf dem Weg liegen. Komischerweise muss ich dann immer an Braunschweig denken, wo ich als Kind war und Kastanien gesammelt habe. Ich weiß noch, dass ich mir schon damals gewünscht habe, sie mögen immer so schön glatt und leuchtend bleiben, aber es ergeht ihnen wie uns allen: Sie werden stumpf und schrumpelig, und irgendwann schmeißt man sie weg und wartet auf die neuen.
Wir bleiben natürlich immer schön glatt und frisch, gell, meine Kastanien?!
Am Abend treffe ich mich noch mit Daniela und Anna, und wir haben ein sehr gemütliches Abendessen. Ich fand unsere Begegnung sehr schön, auch wenn sie nur zwei Tage gedauert hat. Ich denke, beide werden noch viel Spaß und schöne Erlebnisse zusammen haben.
Morgen werde ich etwas später aufbrechen, weil ich mir heute ein kleines eigenes Zimmer genommen habe, und morgen soll das Wetter toll werden. Also werde ich noch ein wenig in León herumlaufen, in die Kathedrale gehen, Fotos machen und dann bei herrlichem Sonnenschein, so hoffe ich, meine 25 km laufen, an der, wie es heißt, schön hässlichen Strecke. Da wird meine Kastanienhaut noch ein wenig nachrunzeln.
Schön, dass du dabei bist.
Florian
P.P.S.
Die Geschichte wird natürlich fortgesetzt, in unregelmäßigen Abständen.
Bilder des Tages
Da bin ich
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🥰 die Kastanienliebe und ~erinnerung teile ich – allerdings von einer Kindheit im Rheinland. Bestimmt finden sich in manch einer Tasche noch solche Glücksgefühlquellen.
Wie immer schwer beeindruckt von deinem Vorwärtskommen wünsche ich dir von Herzen ☀️Buen Camino☀️ im herbstlichen Spanien!
Ich hebe immer noch 1 Kastanie auf, am besten eine ganz frische, die man noch aus der Schale herausholen muss. Und wenn ich sie in meiner Hand halte, denke ich an meine Kindheit. Natürlich kommt sie in meine Tasche und bleibt dort eine ganze Weile😊.
Ich wünsche dir weiterhin einen guten Weg und bin sicher, dass du morgen auf der „hässlichen“ Strecke etwas schönes finden wirst ☺️
„They’re are waiting“
Who, why, where , whom – such important words.
One person impulsive, rotating a globe, no logic, just went with the flow.
And find?
Another spends 20 years to figure it out through different mathematical reasonings and are still 7°short. Things can not always be reasoned logically as there is so many variables (wind).
And miss out?
Chestnuts: not a South-African thing (so no childhood memories) and not a NZ thing. For me chestnut trees symbolizes STEEP, TIRESOME inclines. I came across large plantations on my walk in France and it was always a hot and very difficult day that ended trying to find a flat area without prickly bits.
You are very lucky to experience the seasons – (although you may miss out on winter)
💛💙
😄☀️
Zu den Kastanienaufhebern gehöre ich auch.
🙂
Die erste im Herbst wird immer in die Jackentasche gesteckt.
Und manchmal finde ich sie dann im Frühling da wieder.
Manche sehen schon, wenn man sie findet, eher runzlig aus.
Und manche glänzen einen auch nach dem Winter noch an.
Auf jeden Fall bringen sie Glück.
Und deshalb habe ich in manchen Jackentaschen auch zwei,
denn Glück wegschmeißen, das darf man nicht.
Allerdings geht es manchmal einfach verloren.
Dieses Jahr habe ich noch gar keine gefunden.
Muß ich mal die Augen aufhalten die nächsten Tage!
😉