Daniela und Anna

Mein Schnupfen hält sich hartnäckig, und ich glaube, das Wetter trägt auch nicht zur Genesung bei: Es ist kalt und feucht.

Heute wäre die Fortsetzung der Geschichte dran, und Mash-Potato-Maria hat auch schon dringend darum gebeten, aber ich muss sie ein allerletztes Mal aufschieben. Versprochen! Heute war wieder ein langer Tag, 31 km, und ich habe zwei nette Frauen kennengelernt. Es wäre schade, wenn ich ihnen nicht einen Platz in meinen Erinnerungen einräumen würde.

Ich starte wieder in der Dunkelheit und hoffe, dass es das letzte Mal in Dunkelheit ist. Eigentlich sollte um 8 Uhr die Sonne aufgehen, aber der Himmel hängt tief mit grauen Wolken, und richtig hell wird es den ganzen Tag nicht. Es ist ungemütlich, es kann jederzeit anfangen zu regnen, und es ist feuchtkalt, sodass ich die ganze Zeit entweder Jacke oder Regenjacke anhabe. Das Blöde an der Regenjacke ist, dass man darunter irgendwann feucht wird, weil man schwitzt, und dann kühlt man aus, weil es windet. Es gibt einfach kein Richtig.

Um 11:30 Uhr habe ich gut 18 km der 31 geschafft und will in dem Dorf, das gleich kommt, eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Am besten einen Cola Cao, so heißt das Schokopulver, das man hier mit heißer Milch bekommt, und dann noch irgendwas Süßes.

„Einen frischen Orangensaft”, höre ich von hinten leise auf Deutsch. Ich drehe mich um und sehe zwei Frauen, die mir in ordentlichem Tempo immer näher kommen. Sie reden darüber, was sie sich im nächsten Ort Köstliches kaufen werden. Ich muss schmunzeln, dass wohl alle dem ungemütlichen Wetter mit kulinarischen Köstlichkeiten begegnen wollen.

Ich sage zu ihnen: „Na, freut ihr euch auch schon?”

Etwas überrascht, dass ich sie verstanden habe, sagen sie ja und meinen, das sei wie die Karotte für den Esel. Die letzten 200 Meter laufen wir zusammen in das Dorf. Es sind Daniela aus Halle und Anna aus Spanien, die formidables Deutsch spricht. Sie fragen mich, ob ich Lehrer bin, weil ich so viel Zeit habe, um zu laufen. Ich sage, dass ich Schauspieler bin und mir ein Jahr freigenommen habe, weil es einen Intendantenwechsel gegeben hat.

Daniela fragt mich, ob mir die Arbeitslosigkeit keine Angst macht und ob ich nicht die ganze Zeit daran denken muss.

Nein, ich habe keine Angst, weil ich mich nicht arbeitslos sehe, sondern auf Reisen. Das ist gerade mein Selbstverständnis, Angst kommt da nicht vor. Daniela hat beruflich gerade einen Umbruch hinter sich, und ihr fällt es schwer, keine Angst zu haben. Anna hat sich zwei Monate Zeit genommen, um, wie sie sagt, ihr „frittiertes Gehirn” zu beruhigen.

Die beiden haben sich vor etwa einer Woche auf dem Weg gefunden und laufen seitdem immer zusammen. Sie lachen und albern herum wie junge Mädchen, die ihre beste Freundin gefunden haben. Ich muss an meine Clique denken und freue mich einfach für die beiden.

Am Abend treffe ich sie wieder. Wir teilen uns eine Waschmaschine und einen Trockner, was günstig ist, und ich helfe bei der Planung für ihre Unterkunft morgen in León, wo sie zwei Tage bleiben und gemeinsam die Stadt genießen wollen.

Zum Abendessen gibt es vegan, was ich eigentlich gruselig finde. Aber der Kichererbseneintopf ist wunderbar und richtig scharf. Dazu gibt es einen kleinen Topf mit Schweinefleisch, und ich muss lachen. Half-Half-Vegan-Flo.

Dort treffe ich auch Alois, der eigentlich anders heißt, was ich aber leider vergessen habe. Er kommt aus Österreich, ist 67, und läuft, seit vor fünf Jahren seine Frau gestorben ist. Er war im Frühjahr in Japan und ist den 88-Tempel-Weg gelaufen. Ich frage ihn natürlich aus und freue mich jetzt noch mehr.

Mit Daniela und Anna gehe ich morgen in León vielleicht zu Abend essen, bevor ich übermorgen weiterziehe, noch 350 km bis Santiago.

Schön, dass du dabei bist.

Florian

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9 Kommentare zu „Daniela und Anna“

  1. Eighty eight
    🄴🄸🄶🄷🅃🅈 🄴🄸🄶🄷🅃
    €ƗǤĦŦ¥ €ƗǤĦŦ
    ᴱᴵᴳᴴᵀᵞ ᴱᴵᴳᴴᵀ
    ᏋᎥᎶᏂᏖᎽ ᏋᎥᎶᏂᏖ
    𝕰𝖎𝖌𝖍𝖙𝖞 𝖊𝖎𝖌𝖍𝖙
    ɛɨɢɦȶʏ ɛɨɢɦȶ
    88
    …..
    💙💛

  2. Ich finde es nicht so schlimm wenn die Geschichte noch etwas pausiert. Ich lese so gerne deine persönlichen Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken.
    Und jetzt soll die volle Kraft wieder zurückkommen und die Sonne auch. ☀️☀️☀️☀️☀️☀️☀️☀️

  3. Das ist wirklich sehr schön, wie sich beim Pilgern immer wieder Leute finden,
    die sich sonst nie begegnet wären und auch gar nichts gemeinsam zu haben scheinen
    und dann haben sie sich doch soviel zu sagen und zu geben.

    Da denkt man sich schon, so sollte man auch im Alltag sein….nicht so konzentriert aufs eigene Umfeld und die Bubble, sondern offen für alle, die sonst noch den Weg kreuzen.

    Nur im Alltag haben halt alle immer schon mit so Vielem zu tun, was bewältigt und bedacht werden will.

    Pilgern ist einfach toll. Vor allem menschlich. Auch wenn der Weg vielleicht gerade kein so prickelndes Erlebnis ist.

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