Tag43

Heute ist mein 43. Tag, seitdem ich unterwegs bin, und es war das erste Mal, dass ich heute Mittag gedacht habe: Mir reicht es jetzt mit dem Alleinrumlaufen.

Es mag bestimmt auch daran liegen, dass der Weg heute nicht so spannend war. Eigentlich hatte ich nur 22 km zu laufen, aber heute Morgen hat es so stark geregnet. Deswegen bin ich erst spät los, so um 10:30 Uhr, und wie ihr wisst, zieht es sich dann immer, weil es dann schon 12 oder 13 Uhr ist und man erst die Hälfte gelaufen ist.

Und nach dem Regen kommt die Sonne raus und dampft bei 28 Grad die ganze Feuchtigkeit nach oben, und man läuft auf einer geraden Straße wie durch eine französische Waschküche. Da hatte ich heute mal richtig keinen Bock mehr. Ich hatte ja eingekauft, weil die Unterkunft mir eigentlich abgesagt hatte und ich im Zelt übernachten wollte. Heute Abend soll es auch noch richtig Regen und Donner geben. Gerade reizt mich die Vorstellung nicht so sehr, ein Zelt auf dem warmen, nassen Boden aufzubauen, und außerdem sind die Wälder hier irgendwie nicht so luftig, dass man darin wirklich gut einen Platz findet.

Zum Glück kommt eine Nachricht von der Unterkunft, dass ich doch dort unterkommen kann. Das bessert meine Laune schon ein bisschen. Trotzdem ziehen sich die letzten Kilometer wie Kaugummi.

Und als ich oben auf dem Schlossberg ankomme – ich werde heute nämlich in einer alten Burg oder einem alten Kloster übernachten –, sitzt da schon ein Pilger. Was für eine Überraschung. Es ist Didier, er kommt aus Metz. Das Erste, was er zu mir sagt: „Du bist der Deutsche.“ Ich bin ein bisschen verwundert, aber er erzählt, dass er jetzt schon vier Wochen läuft und ihm jeden Tag gesagt wird: „Ein Deutscher läuft einen Tag vor dir.“ Und heute hat er es nicht mehr ausgehalten und ist zwei Etappen an einem Tag gelaufen. Das finde ich allerdings ein bisschen lustig.

Er ist sehr nett, 68 Jahre alt, hat Hörgeräte und sagt, er wolle den ganzen Jakobsweg von seiner Haustür aus laufen. Das ist sein Traum seit zwölf Jahren: Damals ist eine junge Frau mit dickem Rucksack bei ihm in Metz an der Tür vorbeigelaufen, und als er sie gefragt hat, wo sie hinläuft, hat sie mit strahlendem Gesicht geantwortet: „Nach Santiago.“ Sie hätte sich sechs Monate freigenommen. Seitdem wusste er: Das will er auch machen.

Er hat die ganzen vier Wochen keinen einzigen Pilger gesehen – ich habe wenigstens mal einen gesehen. Aber ich glaube, er ist auch froh, wenn ab Le Puy vielleicht ein paar Leute dazukommen. Und ich freue mich natürlich total auf Sebastian, der morgen kommt. Es ist irgendwie lustig, weil genau jetzt der Moment ist, wo es nötig wird.

Wir haben im Kloster übrigens Halbpension. Die sieht folgendermaßen aus: Zwei Fertiggerichte im Kühlschrank, die wir uns in einer Mikrowelle warm machen können. Und zum Frühstück müssen wir runter in die Stadt zum Bäcker und ihm einen Zettel geben. Der gibt uns dann wahrscheinlich einen Kaffee und ein Croissant.

Jetzt sitze ich hier im Fenster der Burg und schreibe euch. Nachher gibt es bestimmt ein nettes Abendessen aus der Mikrowelle, mit Didier. Ich habe ihm übrigens schon ein paar Süßigkeiten von mir gegeben. Darüber hat er sich sehr gefreut. Und ich bin ganz froh, heute nicht im Zelt zu sein, sondern vielleicht ein nettes Gespräch führen zu können.

Schön, dass du dabei bist! Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

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7 Kommentare zu „Tag43“

  1. So ist das mit guten Freunden….die kommen, wenn man sie braucht.

    Das wird sicher fein mit Sebastian!
    Grüß ihn ganz lieb!

    Ich hatte heute ein schönes Tête à Tête mit Fatou, der ältesten Gorilladame der Welt. Ich hab immer ein bißchen Angst, es ist das letzte Mal, daß ich sie sehe.

    Und nun bin ich wieder daheim.

    Die Kollegen müssen ja seit letzter Woche wieder ran
    Und ich merke…ich bin froh,daß ich nicht muß. 🙂

    Eine gute Burgnacht!!!

  2. Dann kommt Seb ja genau zur richtigen Zeit! Ich hoffe, ihr bleibt von Unwettern und Tornados verschont! In Carcassonne hat es ja ordentlich gescheppert heute! Wie heißt der Ort, wo ihr euch trefft? A bientot, mon cher.

  3. Ohhhh wie schön, dass Sebastian genau zum richtigen Moment kommt!

    Hoffe, Du hattest eine feine Begegnung mit Didier. Lustig, dass er Gas gegeben hat, um Dich zu treffen!

    Hab’s schön 😊

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