Tag 20

Das große Pech ist, wenn man schon eine Stunde dreißig gelaufen ist und dann merkt, dass man seine Kopfhörer in der Unterkunft hat liegen lassen. Ich ärgere mich wahnsinnig, weil Zurücklaufen für mich irgendwie keine Option ist – das würde meine Strecke ja um drei Stunden verlängern. Außerdem sind meine Gastgeber, glaube ich, gar nicht zu Hause.

Die nächste Option ist, jetzt einen Umweg von nur 15 Minuten zu machen und in das Industriegebiet von Pont-à-Mousson zu laufen, weil es dort einen Elektronikladen gibt. Das wird der letzte sein, der mir in den nächsten Tagen überhaupt begegnet – was schon wieder ein kleines Glück ist.

Ich stehe vor den Toren des Kopfhörerparadieses und sie haben bis 9:30 Uhr geschlossen. Was wieder 60 Minuten Warten bedeutet. Hätte ich doch zurücklaufen sollen? Hier im Industriegebiet ist es sehr schön: Es gibt gar nichts außer einem Haufen Einkaufscontainern und überhaupt keine Menschen. Dafür ist der Himmel schön grau. Wie ich es hasse.

Hilft alles nichts. Da keine Bank da ist, setze ich mich auf den traurigsten Spielplatz, den ich seit Langem gesehen habe. Ich frage mich dann immer: Wer sind wohl die Architekten und wer saß irgendwo und hat gesagt: „Hier müssen wir echt einen traurigen Spielplatz hinbauen“? Das frage ich mich ganz oft. Denn in irgendwelchen Köpfen sind diese Ideen ja entstanden. Fanden diese Menschen die Ideen dann gut oder waren sie ihnen egal?

Pünktlich um 9:30 Uhr öffnet der Laden und um 9:35 Uhr bin ich wieder raus. Ich habe die einzigen Kopfhörer mit Kabel gekauft, die es noch gab – ansonsten alles nur Bluetooth. Als ich wieder auf dem Weg bin, ist es 10:30 Uhr und ich habe so gut wie die ganze Strecke noch vor mir.

Hier mal mein kleines subjektives Zeitempfinden: Wenn ich um 6 Uhr morgens loslaufe und um 11 Uhr schon 20 km geschafft habe, geht die Zeit irgendwie schnell vorbei. Aber wenn ich um 10:30 Uhr loslaufe, die Sonne anfängt zu brennen und es schon 25 Grad hat, dann habe ich die 20 km erst um 15:30 Uhr geschafft – und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.

Mittags zu laufen ist sowieso scheiße. Die Sonne steht hoch am Himmel und alles sieht irgendwie gleich aus. Es gibt keinen Schatten, keine Lichtspiele, nur Hitze und Verdammnis.

Wie auch immer: Um 15 Uhr, also bei Kilometer vielleicht 23 (ich bin ja heute Morgen schon eineinhalb Stunden gelaufen), reicht es mir endgültig. Ich spanne meine Hängematte einfach im Wald auf und esse meine Salami. Wenigstens das ist gut. Und dann schlafe ich ein.

Jetzt, um 16:45 Uhr, habe ich diesen Text geschrieben und freue mich, dass ich immer noch 4 km laufen muss. Kleiner Scherz. Aber dafür werde ich heute auf einem gemütlichen Campingplatz sein. Ist eh viel besser als ein Bett, weil nicht so bequem. Dafür gibt es im Ort ein Restaurant und einen Dönerladen. Ich werde nachher mal ein paar Beispielbilder einsetzen, das sieht nämlich ziemlich schlimm aus.

Die letzten Reste schreibe ich später. So viel erst mal bis hierhin. Ach ja: Stimmung würde ich trotzdem eine 6,5 von 10 geben.

Nachtrag: Der letzte Rest hat die Wertung nicht nochmal nach oben verbessert .

Schön das Du dabei bist 

Florian

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13 Kommentare zu „Tag 20“

  1. Auweia, es liest sich heiter…. Gut, auch dieser Weg ist gegangen – auf einen frischen Tag morgen mit erbaulicheren Bedingungen !
    Bon Courage, Buen Camino und danke für s Teilen!

  2. Oje.

    Französische Spielplätze waren übrigens immer schon das Grauen. Schon vor vierzig Jahren.
    Aus unerfindlichen Gründen liegen sie immer ohne jeden Schatten in der prallsten Sonne und die Geräte sind aus Metall, so daß sie sich auch so richtig schön aufheizen.
    Ich hab mich immer schon gefragt, warum die Franzosen ihren Kindern nicht gleich vier heiße Herdpatten und ein Bügeleisen zum Spielen hinstellen.
    Allerdings habe ich auf französischen Spielplätzen auch noch nie Kinder spielen sehen.
    Dem Ganzen liegt wohl ein gänzlich anderes Konzept zugrunde als bei uns.
    😉
    Vielleicht ist ja heute wenigstens das Abendessen lecker.
    Und sonst kann morgen eigentlich nur alles besser werden!

  3. Florian – Du bist der Knaller – ich hab gestern Deine ganzen Berichte am Stück gelesen und erst jetzt wird mir das Ausmaß deiner Expedition so richtig klar. Auch wenn der Tag hart war Du gehst sicher weiter und weiter und ich bleib dran an Deinen Berichten – Du hast mich jetzt schon süchtig gemacht nach dem News 🤣

  4. Vom Sofa aus liest es sich gut und unterhaltsam.
    Du bist aber der, der es erleben muss um es aufschreiben zu können. Ich fühle zu hundert Prozent mit dir. Dank der Trostlosigkeit des Spielplatzes und der liegengelassenen Kopfhörer hast du eine tolle Geschichte zu erzählen.

  5. Kopf hoch, Du schaffst das!
    Und es komme hoffentlich ganz bald schönere Wegabschnitte.
    Ich drücke Dir fest die Daumen.
    „Buen camino“ (wie ich durch Deine Berichte gelernt habe). –

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