Tag 12

Wieder 11 Grad heute Morgen. Aber ich habe einen Euro, also zittere ich mich zur Dusche. Werfe ihn ein und es folgen 10 Minuten absolute Wellness. Das warme Wasser läuft über mich rüber. Das allererste Mal denke ich an meine Badewanne, die ich zurückgelassen habe. Aber sei es drum, ich bin wenigstens schön aufgewärmt, also zurück zum Zelt und abbauen. Ein ganz normales Entenpärchen watschelt um das Zelt herum, aber denkst du, es war nur die Vorhut? In kurzer Zeit bin ich mitten in einer Enteninvasion, die an meinem Rucksack rumpickt und lustige Geräusche von sich gibt. Leider habe ich all mein Essen aufgegessen, sonst hätten sie natürlich etwas abbekommen.

Alles zusammengepackt und ich wandere am Fluss entlang. Mittags mache ich eine Pause in einem Rasthof und trinke eine Cola. Und nach 10 Minuten setzt sich die Wirtin Hildegard neben mich. Sie fragt, ob ich ein Jakobspilger bin und ob ich denn wüsste, dass morgen der Tag des heiligen Jakobus ist. Sie erzählt mir, dass sie selber so gerne einmal den Jakobsweg gelaufen wäre, aber ihre Eltern hätten sie nicht gelassen, und dann war sie auch schon verheiratet und hat drei Kinder bekommen. Aber immer, wenn ein Pilger vorbeigeht, hat sie ein Ziehen im Herzen. Sie hat die Wirtschaft von ihrem Vater übernommen. Eigentlich wollte sie Doktor werden. Am liebsten in Afrika, aber jetzt kümmert sie sich ja auch irgendwie um die Leute, sagt sie und lacht, und ein gutes Schnitzel macht auf jeden Fall mehr Spaß als der Zahnarzt, sagt sie.

Jetzt geht es den Berg hoch, 2 Stunden lang in absolutem Sonnenschein. Es ist das erste Mal, dass ich mein Lorenz-von-Arabien-Gedächtnis-Nackenschutztuch heraushole. Ich bin noch in Gedanken dabei, wo ich wohl heute schlafe, weil es in Welschbillig ja keine Herberge für mich gibt. Da komme ich an einem Denkmal vorbei; es liegt über dem Dorf Eisenach und wurde für die Corona-Toten errichtet. Seltsam, wie weit weg das für mich ist. Ich sitze ein wenig auf der Bank und schaue auf Eisenach.

Dann kommt ein Mann vorbei. Ich würde schätzen, 62, 63, nur mit Hotpants, also kurzer Jeans, absolut braungebranntem Oberkörper und weißen Haaren. Er spricht mich an und sagt, es ist genau das Richtige rumzulaufen, und dann ist man weg von den Verrückten unten. Sowieso wäre die Welt ein Irrenhaus. Ich sage, dass ich eigentlich bis jetzt sehr gute Erfahrungen gemacht habe und alle sehr freundlich waren, und dass ich glaube, dass 99 % der Leute sowieso gut sind. Er lacht ein wenig und sagt, ja, aber oft trifft man einfach auf das eine Prozent. In Trier hätte ja jetzt wieder ein Afghane einen Menschen niedergestochen, die seien alle nicht normal, und dann geht der Mann in Hotpants und oben ohne einfach weiter. Und irgendwie denke ich mir: Es ist schon seltsam, dass gerade dieser Mann sich über nicht normale Leute aufregt.

Weiter geht es den Berg hinunter, und als ich an einem Wald zwei Kilometer vor Welschbillig vorbeikomme, denke ich mir: Ich weiß nicht, ob ich unten was Besseres finde, laufe hinein und finde tatsächlich einen schönen Schlafplatz. Jetzt nur noch einmal 30 Minuten den Berg runterlaufen zu einem Rewe und 30 Minuten wieder rauf. Heute gibt’s Hühnchen, denn der Hühnchen-Hannes war da vor dem Rewe.

Morgen werde ich in Trier ankommen, und irgendwie ist das die erste Etappe einer langen, langen Reise.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass du dabei bist,
Florian!

Bilder des Tages

Da bin ich

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10 Kommentare zu „Tag 12“

  1. Ich mag deine bildhaften und humorvollen Beschreibungen sehr – sie sind so lebendig, dass man das Gefühl hat, selbst dabei zu sein. Und tatsächlich gefallen mir auch deine Titelbilder jedes Mal aufs Neue. Sie stecken immer voller schöner, liebevoller Details, die den Text wunderbar ergänzen.
    LG

  2. Hach, diese Bilder, vor zwei Tagen war ich genau da. Heute nun bin ich wieder zuhause angekommen, aber richtig angekommen, nein, es wird dauern. Der Weg fehlt mir jetzt schon, kein Rucksack packen heute abend, keine Aschheim schnüren morgen früh…😪

    Ich werde den Weg hier vorerst mit Dir virtuell weitergehen, bevor ich es wieder selbst erleben darf. Dafür danke ich Dir und wünsche Dir weiterhin Buen Camino und wundervolle Begegnungen 🐚🎒⛰️

  3. Guten Morgen lieber Florian,
    Zu meiner Morgenroutine gehört nun ein Kaffee und eine neue Geschichte von Dir zu lesen.
    Du bist der beste Jakobswegwandererbotschafter.
    Danke , dass Du so schön schreibst und die Kleinigkeiten, die gar nicht so klein sind aufschreibst.

  4. Finde deine Zielorientiertheit und dein Durchhaltevermögen schon beachtlich! Und dann so allein daherzuwandern….👌 lese alles mit echtem Interesse! Gerade, weil es für mich eine total fremde Welt ist 😊 good luck!!

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