Ich mache die Augen auf und über mir: ein Weberknecht und eine Fliege. Irgendwie scheint sich die Fliege für den Weberknecht zu interessieren. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ob sie vielleicht irgendwie verwandt sind. Die Nacht war „so geht so“. Irgendwie hat das, was ich mir mit meinem Kissen überlegt habe, nicht so richtig funktioniert. Aber schon in der Nacht ist mir eine Idee gekommen, wie ich es morgen verbessern kann.
Ich krieche aus dem Zelt, und „kriechen“ ist das genau passende Wort dafür. Irgendwie bin ich heute ein bisschen erschlagen. Der Himmel ist grau, und es sind sage und schreibe 11 Grad. 23. Juli, Hochsommer. Es dauert ewig, bis ich alles zusammengepackt habe, und ich kann mich irgendwie nicht überwinden, mein langärmliges Oberteil auszuziehen. Dann endlich: Um 8:30 Uhr ist alles eingepackt. Das Oberteil habe ich angelassen, und ich gehe los.
Der Himmel hellt sich langsam auf und parallel dazu auch meine Laune. Vor allem, weil am Wegesrand Mirabellen wachsen, und ich stopfe mir meine Hosentaschen voll. Es ist lustig: Wenn ich irgendwo reife Früchte sehe – Brombeeren, Himbeeren, Heidelbeeren oder halt auch Mirabellen –, habe ich immer irgendwie das Gefühl, besonders viel Glück zu haben und einen Schatz gefunden zu haben; etwas, was es eigentlich nicht mehr gibt. Aber das ist wahrscheinlich nur so, wenn man die ganze Zeit in der Stadt lebt.
Plötzlich ruft mich jemand: „Jakobsweg?“ Ich schaue auf die andere Straßenseite, und ein älterer Herr winkt mich zu sich ran. Ich stiefele hinüber, und er stellt sich als Reinhold vor. Er ist sehr interessiert und fragt, ob ich ein Zelt dabei habe. Und er erzählt mir, dass er auch einmal den Jakobsweg bis nach Santiago gemacht hat. Allerdings mit vier Freunden und dem Fahrrad. Es ist ein bisschen lustig, wenn er erzählt, denn dann und wann fallen ihm die oberen Vorderzähne herunter. Dann schubst er sie wieder in den Mund und nach oben. Und er sagt mir, er hatte heute noch keine Zeit, sie festzukleben. Mit seinen Freunden hat er die Strecke übrigens in 30 Tagen gemacht. Sie haben nur einen Tag Pause gemacht. Er ist jetzt 81 und würde immer noch 50 km mit dem Fahrrad fahren.
Er sagt mir, er habe gerade die Kirche aufgeschlossen, sodass ich gut an den Stempel kommen könnte. Und es sei wirklich gut, dass ich ein Zelt dabei habe. Er und seine drei Freunde haben ihres damals zurückgeschickt, aber da gab es auch noch mehr Gaststätten. Auch hier im Ort hätte es mal zwei Hotels gegeben, aber beide sind zu, seit der großen Flut und Corona. Seine Zähne fallen noch einmal herunter. Dann gibt er mir die Hand, nachdem er sie wieder reingeschubst hat, und wir verabschieden uns.
Tatsächlich komme ich nach drei Minuten an einem sehr traurigen Hotel vorbei. Es geht weiter durch Wiesen und Felder, und als ich einen Hügel hinunterlaufe, steht dort ein Mann mit Fahrrad. Ich denke, vielleicht hat er sich verlaufen, denn er guckt mich sehr erwartungsvoll an. Aber da habe ich gründlich falsch gelegen, denn es ist Alois, und ich glaube, sein größtes Glück ist es, Pilger zu treffen. Auch wenn er jetzt schon sehr lange keine mehr getroffen hat, habe ich das Gefühl. Irgendwie hat er auf mich gewartet – oder halt hoffentlich auf einen, der diesen Hügel hinunterkommt.
Mit Alois rede ich, glaube ich, über eine halbe Stunde. Wir reden über Gott und die Welt und auch über den Glauben. Ich sage ihm, dass ich gläubig bin, aber nicht religiös. Und auch wenn er an Gott und Engel glaubt, denn für ihn machen sie das Leben leichter, so habe ich nicht das Gefühl, dass er das Gleiche von mir erwartet. Ich sage ihm, für mich ist Gott die unbeantwortete Frage. Und er antwortet darauf, es sei zu groß, um es zu begreifen. Um es zu veranschaulichen, erzählt er mir eine sehr schöne Geschichte:
Es ist wie mit den zweidimensionalen Figuren auf Papier. Wenn ich einen Kreis darum ziehe, dann sind sie gefangen und kommen nicht heraus. Wir aber, die wir drei Dimensionen kennen, lachen nur über den Kreis und können hinübersteigen. Aber auf gewisse Weise, wenn man Gott oder vielleicht auch die unbeantwortete Frage betrachtet, sind wir mit unseren drei Dimensionen genauso beschränkt wie die zweidimensionalen Figuren auf Papier.
Er begleitet mich noch ein Stück mit dem Fahrrad, und in seiner Fahrradtasche vorne hat er ein Bild, das er mir noch zeigt. Er hat es irgendwann in den 50er-Jahren, ich glaube aus der Zeitschrift Cosmo, ausgeschnitten und sagt, seitdem trägt er es bei sich, weil es irgendwas tief in ihm berührt. Und er hat noch eine Gerste in seiner Fahrradtasche vorne drin. Die will er seiner Frau mitbringen, bzw. das ist seine Gedankenstütze, dass sie noch einen Krautling machen müssen. Keine Ahnung, was das ist.
Er verabschiedet mich und wünscht mir viel Glück auf dem Weg. Dann sagt er mir: „Und was ich mir noch wünsche, ist, dass wir uns irgendwo einfach mal wiedersehen und du ‚Hallo‘ sagst und meine Frau fragt: ‚Wer ist das?‘ Und ich sage: ‚Das ist Florian.'“ Und er setzt nach: „Das ist gar nicht so unwahrscheinlich.“
Was für eine schöne Begegnung!
Ich laufe weiter und denke über die Gespräche nach. Auch wenn der Weg heute kürzer ist als gestern, kommt er mir irgendwie länger vor, aber vielleicht liegt das noch an dem Kissenproblem von der Nacht. Zum Glück gibt es am Ende meines Tages noch ein Kneipp-Fußbad, was wirklich toll ist und mir die letzten zwei Kilometer noch einmal versüßt.
In Bollendorf angekommen, baue ich mein Zelt auf dem Zeltplatz direkt am Fluss auf. Dusche, weil morgen wieder Wildnis.
Ich nehme mir vor, das Kissenproblem heute Nacht zu lösen.
Schön, dass du dabei bist. Florian!
Bilder des Tages
Da bin ich
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Hach. Was für berührende Begegnungen. Da hüpft das Herz. Schön, dass Du das erleben kannst! Ich hoffe, das Kissenproblem ist bald gelöst!
Und auch schön zu sehen, dass der Start in den Tag schwer sein kann und der Tag dennoch gut wird. Never stop walking!