Heute bin ich ein bisschen später los, weil ich nämlich in einem herrlichen Schlosszimmer einer alten Dame lag, die ihr ganzes Haus wirklich so eingerichtet hat, als wäre es aus dem vorigen Jahrhundert oder zumindest von der Jahrhundertwende. Sie hat auch noch einen Mops, der etwas schwer atmen kann und offensichtlich einen Riechfetisch für Füße hat. Auf jeden Fall hängt er die ganze Zeit an meinen Füßen und grunzt vor sich hin. Die alte Frau erzählt mir, dass sie eigentlich schon immer ein Hotel haben wollte. Dafür hat aber nie das Geld gereicht. Deswegen hat sie irgendwann angefangen, Zimmer für Zimmer so herzurichten, wie sie sich ihr Hotel vorstellen würde. Sie sagt, einen Mann hätte sie nicht gehabt und gebraucht, weil der ihr nur den Geschmack verdorben hätte. Eine abenteuerliche Behauptung, wie ich finde.
Am Morgen gibt es dann ein herrliches Frühstück und Madame Antoine steckt mich einfach in ein Wohnzimmer, wo schon eine junge Frau an einem Tisch sitzt. Ich glaube, sie ist genauso überrascht wie ich. Dann bringt sie uns zwei Teller und verlässt den Raum. Das ist eine bisschen lustige Situation, mit einer völlig Fremden plötzlich zusammen am Frühstückstisch zu sitzen. Aber wir kommen ziemlich schnell ins Gespräch. Sie beginnt nämlich jetzt ihre große Radreise nach Amsterdam. Sie fährt ungefähr 80 km am Tag, was ich ganz schön viel finde, kommt aus Frankreich und trainiert regelmäßig für einen Triathlon. Sie erzählt mir noch, dass es ab Le Puy wohl recht voll werden wird auf dem Jakobsweg, weil im April ein Film mit einem französischen Star herausgekommen ist. Ich frage, wie der Film heißt. Sie weiß es nicht und muss kurz nachgucken. Er heißt Compostelle – subtiler Name. Wahrscheinlich spielt da der französische Hape Kerkeling mit.
Dann laufe ich noch ein bisschen durch Neufchâteau und auch hier stoße ich auf die Jungfrau von Orléans. Irgendwie habe ich das Gefühl, jede Stadt hier im Umkreis beansprucht sie für sich. Ich kaufe mir noch ein Baguette für heute Abend oder unterwegs und dann geht es los. Heute ist ein Wandertag, wie man ihn sich vorstellt, wenn man zu Hause sitzt und denkt: „Wie schön müsste es sein zu wandern!“ Der Himmel ist mit flauschigen Wolken übersät – solche, bei denen man früher als Kind immer gedacht hat, man könnte sie anfassen und sie wären wirklich wie Watte. Ich weiß noch, dass ich selbst, als ich im Flugzeug saß, immer gehofft habe, man könnte auf den Wolken sitzen. Es sind 28 Grad und es geht ein frischer Wind. Das heißt, man spürt die 28 Grad nicht – einerseits wegen der Wolken, andererseits aber auch, weil der Wind dich sanft umweht. Als wäre man vorne am Bug eines Schiffes. Nur dass man halt läuft.
Es ist ein Tag wie der Grießbrei aus dem Märchen, wo der Topf überkocht: Man kann sich einfach nur hindurchessen. Ich mache immer mal wieder Pausen, fotografiere ein bisschen, esse Mirabellen oder Birnen und nachmittags um 5 Uhr komme ich dann bei meiner Pilgerherberge an. Ich klingle und gar keiner macht auf. Das Garagentor steht ein bisschen offen. Ich schaue hinein und da ist ziemlicher Messi-Alarm, finde ich. Naja, ich klopfe noch mal an der Tür, drücke mal die Klinke runter und sie ist offen. Ich stehe sofort in der Küche und auch die sieht ein wenig schmuddelig aus, finde ich. Egal, denke ich, mache die Tür wieder zu und warte an einem Brunnen.
Dann sehe ich eine alte Oma in die Garage gucken und denke, das ist vielleicht die Frau, der es gehört. Aber es ist nur die Mutter – ich glaube von dem Sohn oder der Tochter. Sie spricht überhaupt keine andere Sprache als Französisch. Ich verständige mich mit Händen und Füßen und meinem tollen Französisch, das ich so kann. Sie sagt irgendwas von „la vache“ – ich glaube, das ist die Kuh, wo ihr Sohn offensichtlich gerade ist. Dann sitze ich ein bisschen betreten in der Schmuddelküche rum. Ich sage, dass ich noch mal kurz rausgehe zum Brunnen, um etwas zu essen, denn schließlich habe ich ja mein tolles Baguette dabei.
Und wie ich so beim Brunnen sitze, überfällt mich ein bisschen Schüchternheit, weil ich so gar nichts verstanden habe. Und auch die Vorstellung, in der Wohnung – die ich sagen wir mal ein bisschen gewöhnungsbedürftig finde – mit Wildfremden zu sitzen und in das Bad zu gehen, das auch sagen wir mal gut belebt aussieht… also die Vorstellung finde ich jetzt nur so mittelprächtig. Und so setze ich meinen Rucksack auf und schlendere beiläufig die Straße runter, sodass ich immer noch sagen könnte, falls sie jetzt doch um die Ecke kommen: „Ich wollte mich nur ein bisschen umsehen.“ Und als ich aus der Sichtweite bin, gehe ich richtig schnell, verschwinde und bin irgendwie froh, weg zu sein.
Ich laufe auf einem kleinen Weg in den Wald und finde einen wunderbaren Platz unter Mirabellenbäumen. Zum Glück habe ich genug Wasser und auch genug zu essen. Nur waschen kann ich mich halt heute nicht, aber das kann ich ja dann morgen machen. Ein bisschen schlechtes Gewissen habe ich schon. Deswegen schreibe ich noch mal eine E-Mail, dass ich doch noch ein bisschen weitergegangen bin, und bedanke mich trotzdem recht herzlich, dass sie mich aufnehmen wollten. Das war ein bisschen gruselig. Aber jetzt liege ich schön in der Hängematte, bin satt und habe auch noch ein paar Süßigkeiten.
Schön das du dabei bist
Florian
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Da bin ich
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Das ist immerhin weniger gruselig als das, was Du gestern in das verlassene Dorf hineingeheimnist hast.
Und wenn man ein Zelt dabei hat und genug zu essen, wird ja auch alles gut.
Hauptsache, Du stehst nicht an einer Friedhofmauer und streichelst irgendwas.
😉
😄☀️
Hahah nein heute ausnahmsweise mal nicht ;)))
Jetzt hab ich Lust auf Griesbrei 😋😅
hmmm Brei
Genau so haben wir heute unsere geplante Bleibe auch fluchtartig verlassen😅 schlaf gut!!
hahah warum das denn ?
Nett umschrieben: eine dreckige Gefängniszelle in einem schlechten Gefängnis. Wir hatten nur schon all unseren Kram drinnen und mussten wieder raus… Peinlichkeitsstufe: mit dem Rucksack an der Campingplatz-Schranke hängen bleiben, würde ich sagen😂🙈
🤣🤣🤣oh gott das klingt schlimm🤦♂️