Reise nach Jerusalem

Aufgestanden, dann gelaufen und jetzt kommt das Eigentliche: Als ich in Bourbonne-les-Bains ankomme, bin ich ein bisschen ängstlich wegen gestern. Heute soll die Unterkunft ja auch nur 15 € kosten – plus noch mal ein Abendessen für 15 €. Etwas zaghaft beschreite ich also die Straße, an deren Ende die Unterkunft – Überraschung! – warten soll. Heute werde ich bestimmt nicht so viel Glück haben wie gestern mit der Oma, und wenn die Gastgeber da sind, weiß ich auch nicht, wie ich unauffällig aus dieser Straße rausrennen soll.

Ich komme an und klingele. Entgegen kommt mir Christin, eine blonde Frau, und sie ist sofort unglaublich herzlich. Sie sagt: „Ich zeige dir jetzt mal dein Zelt.“ Ich bin auf alles gefasst, aber dann kommen wir in einen Garten, der einfach nur wahnsinnig schön ist. In der Mitte steht etwas, das ich fast als Beduinenzelt bezeichnen würde. Ich kann mein Glück kaum fassen, es sieht wahnsinnig schön aus! Es gibt auch noch Liegestühle, eine kleine Küche, eine Komposttoilette und eine Dusche, die mit der Sonne geheizt wird. Ich weiß, wenn ich das jetzt so beschreibe, klingt das erstmal nach Bauwagensiedlung, aber es ist einfach zauberhaft.

Ich bekomme eine Flasche eisgekühltes Wasser in die Hand gedrückt und Christin sagt, dass sie sich heute total freut, denn ich wäre nicht der einzige Gast. Es gibt noch zwei weitere und so würden wir heute zu dritt abendessen. Am liebsten würde ich einfach nur den ganzen Tag auf den Liegen rumliegen und mich wie ein französischer Beduinenkönig fühlen. Aber ich habe schon heute Morgen etwas ganz Besonderes in Bourbonne-les-Bains reserviert. Ich bin nämlich in einer kleinen Kurstadt gelandet und hier gibt es mit die ältesten Thermalquellen von ganz Frankreich!

Also habe ich mir einen Eintritt für zwei Stunden gesichert – alles über E-Mail und auf Französisch, was ich natürlich mit Übersetzer gemacht habe. Dort habe ich auch erfahren, dass in Frankreich Badeshorts keine Badehosen sind und dass ich unbedingt eine enge Badehose bräuchte, denn in Alltagskleidung dürfe man nicht in die Therme.

Also führt mein erster Weg von den Königsliegen wieder runter in die Stadt und dann in die kleine Boutique der Therme. Dort kaufe ich mir einen Maillot de Bain für 20 €. Aber irgendwie ist ja auch Urlaub – also lasse ich es heute mal richtig krachen. In der E-Mail habe ich natürlich geschrieben, dass ich kein Französisch spreche, worauf sie mir sehr freundlich zurückgeschrieben hat, dass ein paar ihrer Kollegen natürlich auch Englisch sprechen würden. Was wohl die freundlichste Schwindelei des Tages war, denn überhaupt gar keiner spricht irgendetwas Englisch! Ist aber egal. Mittlerweile weiß ich, dass Handtuch serviette heißt und Badelatschen claquettes.

Irgendwann haben wir es dann geschafft, nachdem sie mich 100-mal auf Französisch gefragt hat, ob ich noch Badelatschen brauche, und ich glaube, ich habe immer gesagt, ich hätte welche – in der festen Überzeugung, genau das Gegenteil gesagt zu haben.

Also rein in die Umkleide, umgezogen, durch die Tür – und vor mir öffnet sich das allerkleinste Thermalbad der Welt. Es sind drei Minibecken: eins mit Sitzen, die sprudeln, und die anderen zwei einfach nur zwei Minibecken. Ich denke zuerst, das ist vielleicht der Vorraum zu dem großen Thermalhauptbereich. Aber Pustekuchen, die drei Becken sind der Hauptbereich! Jetzt verstehe ich auch, warum man reservieren musste, denn es werden glaube ich maximal 20 Leute reingelassen – was vornehmlich ältere Herrschaften mit irgendwelchen körperlichen Gebrechen sind. Ich frage mich, wie ich es hier überhaupt zwei Stunden aushalten soll. Was soll ich denn die ganze Zeit machen? Es gibt ja noch nicht mal Liegen!

Aber irgendwie entspanne ich mich. Ich gucke einfach, was die älteren Herrschaften machen, und versuche, es genauso zu tun. Das heißt, ich spiele mit meinen 20 Mitstreitern zwei Stunden lang „Reise nach Jerusalem“ durch die drei Becken hindurch. Und irgendwie ist es dann doch ganz nett.

Nach zwei Stunden fühle ich mich auf jeden Fall gut durchgethermt und mache mich auf den Rückweg, denn es ist auch schon fast 18 Uhr und um 19 Uhr gibt es Essen. Jetzt lerne ich auch die anderen beiden kennen – und die sind wirklich lustig! Es sind zwei Jungs, ich würde mal schätzen 18 Jahre alt, die eine Ausbildung als Forstarbeiter machen und aus dem nahegelegenen Forst für eine Übernachtung hierherkommen. Beide sprechen überschaubar viel Englisch, aber wir verstehen uns trotzdem gut. Ich muss nur lachen, als der eine meint, ich solle doch mit ihm viel Englisch sprechen, weil er in zwei Monaten eine Englischprüfung hätte. Dabei ist er wirklich derjenige, der keine zwei Worte Englisch spricht, sondern sich immer von seinem Freund übersetzen lassen muss. Ich sage ihm auf jeden Fall, dass ich recht optimistisch für seine Prüfung bin – da muss er auch ein bisschen lachen.

Und wie es bei Franzosen so üblich zu sein scheint, hat Christin ein unglaubliches Drei-Gänge-Menü auf die Beine gestellt:

  • Vorspeise: Eine kalte Suppe von Zucchini mit Melone und Schinken

  • Hauptgericht: Ein gebratenes Kotelett mit Ofengemüse und dünnen Nudeln

  • Nachtisch: Selbstgemachtes Eis mit Sahne, Kirschen und einem Biskuit, der wirklich außergewöhnlich schmeckt.

Ich frage, was das für ein Gewürz ist, und es ist Fleur d’Oranger (Orangenblütenwasser), was wohl auch in Marokko und Umgebung viel benutzt wird. Wir haben einen wirklich schönen Abend. Es ist auch noch ein Italiener da, der eine Motorradtour durch Deutschland, Holland und Belgien gemacht hat. In Deutschland fand er vor allem den Schwarzwald sehr schön – dort gibt es eine Straße, die „500“ heißt, die wäre das Beste für Motorradfahrer.

Zum Abschluss gibt es noch einen selbstgemachten Cidre und ich kann es kaum erwarten, in mein Beduinenzelt zu kommen. Da liege ich nun und schreibe euch.

Schön, dass du dabei bist! Florian

Ach ja, und noch ein Hinweis in eigener Sache – obwohl ja alles meine eigene Sache ist: Der Newsletter hat bei vielen wohl nicht funktioniert. Jetzt habe ich ihn repariert und freue mich, wenn du dich eintragen magst. Und zwar genau HIER

 

 

 

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6 Kommentare zu „Reise nach Jerusalem“

  1. Das Zelt sieht einfach nur toll aus! Was Menschen sich für Mühe geben, um anderen eine Freude zu machen, das finde ich bezaubernd❤️! Bei dem Abschnitt mit der Therme musste ich lachen, alleine die Vorstellung mit der „Reise nach Jerusalem“. Ich freue mich schon auf den heutigen Beitrag, so gut durchgethermt lief es sich doch bestimmt heute besonders gut….

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