Normal Life

Heute Morgen hat es geregnet, und ich bin um 7 Uhr aufgestanden und von meiner Unterkunft in die Stadt getrottet, wo ich Richard getroffen habe. Und dann sind wir zusammen zum Fernbusbahnhof gelaufen. Vorher haben wir noch ein kleines Frühstück gegessen. Wir haben die Pilger an uns vorbeilaufen sehen, und Richard hat gemeint, dass das wohl seine letzte große Reise war. Weil er sich jetzt mehr um seine Enkel kümmern möchte. Dann ist er in den Bus gestiegen und abgefahren. Ich bin im Regen zurückgelaufen. Heute hatte ich keine richtige Lust, in die Stadt zu gehen. Außerdem ist heute mein Organisationstag, denn es ist kaum zu glauben, aber in gut einem Monat bin ich schon in Indien. Wie schnell die Zeit verflogen ist. So sitze ich den ganzen Tag vor meinem Rechner, mache Passfotos, fülle Visumsanträge aus und plane die ersten Unterkünfte. Ich gebe zu, überfordert bin ich, und heute an dem Regentag, wo Richard ging, fühlt es sich vorausschauend einsam an in Indien. Aber das ist natürlich wahrscheinlich nur eine Momentaufnahme. Denn auch das weiß ich durch den Weg: Alles kommt und geht vorbei in Wellen.

Hier übrigens mein Lied dazu.

Aber es gibt natürlich auch unglaublich tolle Sachen zu berichten, denn ich habe meine neuen Schuhe, das dritte und letzte Paar. Ich habe es bestellt, und heute musste ich zu einem Supermarkt und sie dann in einem Schließfach abholen. Das ist schon toll, dass das so klappt. Sie sind blau und silber und werden mich jetzt den letzten Rest begleiten. Eine neue Hose und ein neues T-Shirt habe ich übrigens auch. Jetzt wirke ich auch wieder wie ein Anfänger auf dem Weg, der sich gerade alles neu gekauft hat.

Ich habe mir ganz viel zu essen gekauft: Joghurt, Mango, Äpfel, Saft, Schokolade und Gummibärchen, aber irgendwie so richtig Hunger habe ich nicht darauf. Jetzt liegt es alles schön gekühlt in meinem Kühlschrank rum. Am frühen Abend laufe ich dann doch noch mal in die Stadt hinein. Das dauert nämlich 20 Minuten, denn ich habe mich mit Maria, der letzten Übriggebliebenen, verabredet. Sie wird erst in vier Tagen nach Neuseeland zurückfliegen in ihr, wie sie scherzhaft sagt, „normal life“.

Wir haben uns zum Pinchos-Essen verabredet, und wenn es eine Hauptstadt für leckere kleine Vorspeisen gibt, dann ist es Pamplona. In jeder Bar sind die köstlichsten Kleinigkeiten aufgereiht. Man sucht sich einfach vier oder fünf aus, bestellt sich einen Wein, und das Gespräch kommt dann von ganz alleine.

Ich wünschte mir, in meinem „normal life“ wäre es so einfach wie hier auf dem Weg, die unterschiedlichsten Leute kennenzulernen, miteinander zu reden und füreinander da zu sein.

Es ist so simpel und so bereichernd. Vielleicht dürften wir alle nicht die gleiche Sprache sprechen, dann wären wir vielleicht alle großzügiger miteinander.

Es ist auf jeden Fall ein sehr schöner Abend, wehmütig, weil wir natürlich auch an Richard und Deadly denken.

Dafür wollen wir beide jetzt die letzten Tage noch genießen.

Und wie ich es schreibe, fällt mir auf, dass es gar nicht die letzten Tage sind.

Und ich noch viele vor mir habe.

Ich wünschte mir, Abschiede würden sich nicht wie Abschied anfühlen.

Schön, dass du dabei bist.

Florian!

Bilder des Tages

Da bin ich

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3 Kommentare zu „Normal Life“

  1. Das mit den unterschiedlichen Sprachen ist ein interessanter Gedanke und ich glaube, da ist was dran!

    Jedenfalls finde ich es ganz wunderbar, beim virtuellen Mitgehen Deine Begegnungen miterleben zu können und dank der feinen Fotos ein paar Deiner Eindrücke zu teilen.

    Danke dafür.
    ❤️

  2. Abschiedswehmut ist wohl auch Teil des Weges – auch hier wieder Schritt für Schritt weiter und den Schatz im Herzen behalten. Fein verankert auch bei uns lesend Mitlaufenden.
    Buen Camino ☀️

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