Mortadellagesicht

Es war einmal vor langer, langer Zeit, noch bevor Menschen oder Tiere diese Welt bevölkerten, eine Epoche – du wirst es nicht glauben –, in der es nur zwei große Länder gab. Beide waren prächtig und reich, beschenkt mit allem, was man sich in seinen kühnsten Träumen ausmalen konnte, und doch so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Das eine Land hieß Salsicia und war das stolze Königreich der Würste; das andere Reich war Knollrania, ein nicht minder prachtvolles Königreich der Kartoffeln. Wie so oft in der Welt gab es auch damals schon Streit und Missgunst zwischen den beiden Ländern. Jedes beanspruchte die Alleinherrschaft und wollte das andere unterdrücken – denn nur das eigene sei gut und wertvoll, das andere schlecht und unwert. Über die Jahre hatten sie viele Kriege gegeneinander geführt und ihre Bevölkerung arg in Mitleidenschaft gezogen.

Bei einem jener erbarmungslosen Kriege standen sich die beiden Könige unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite König Fetter Zipfel mit seinem Heer aus strammen Wienern, auf der anderen Seite König Knollenwurz mit seiner Knödelarmee. Doch das Schicksal wollte es, dass keiner der Könige die Schlacht überlebte

Große Ratlosigkeit machte sich in Knollrania und auch in Salsicia breit: Wie sollte es weitergehen? Beide standen ohne Herrscher da. Da alle Würste und auch alle Kartoffelgerichte nach so vielen Jahren – ach, Jahrzehnten – kriegsmüde waren und sich nach Frieden sehnten, wurden zwei Abgesandte ausgewählt, die als Unterhändler eine Lösung finden sollten. Auf der Seite der Würste war es die edle Schimmelsalami, eine gut abgehängte Gestalt von Eleganz und Würde mit bereits weißer Pelle; auf der anderen Seite wurde Señor Kartoffelkloß ausgesandt, ein stattlicher Klops mit natürlicher Autorität.

Sie verhandelten drei Tage und drei Nächte lang. Am Morgen des vierten Tages traten sie gemeinsam vor die versammelte Gemeinschaft der edlen Würste und Kartoffelgerichte und verkündeten, dass ein Wettstreit der Köstlichkeiten endlich nach Jahren den Frieden bringen sollte. Würste und Kartoffelgerichte sollten sich zusammentun, und jene, die die beste und delikateste Kombination kreieren konnten, sollten künftig gemeinsam über ein vereintes Land herrschen.

Ein Raunen ging durch das Volk der Würste und der Kartoffelgerichte, gefolgt von einer langen Stille – und dann brach ein Jubel los, wie man ihn schon lange nicht gehört hatte. Die Kunde wurde von Boten durch beide Länder getragen, denn jeder durfte daran teilnehmen.

In jedem Dorf und in jeder Stadt im Wurstland machten sich die edelsten und köstlichsten Würste bereit. Als sich alle Bewerberinnen aufstellten, waren nur die schönsten und längsten Wurstwaren vertreten: Die stolze Lyoner mit ihrer glatten, glänzenden Haut, die elegante Krakauer mit ihrem rauchigen Duft, die feurige Chorizo mit scharfer Note und spanischem Temperament, die zarte Weißwurst, traditionell und fein, die pfeffrige Teewurst, klein, aber würzig, und die majestätische Blutwurst, geheimnisvoll und tiefrot. Am Ende der Reihe jedoch stand eine kleine, kompakte und lustige Wurst mit einem so runden Gesicht, dass sie von allen nur Mortadellagesicht genannt wurde. Ein Raunen und Kichern ging durch die Menge.

Alle Würste versuchten ihr das Vorhaben auszureden. Die stolze Lyoner legte ihr sanft die Hand auf die Schulter: „Liebes Kind, du bist so rund und weich. Lass die langen und eleganten Würste den Ruhm ernten.“ Die Chorizo schnaubte mit funkelnden Augen: „Dieses Turnier ist nichts für ein fettes Mortadellalachen. Bleib in deiner Pelle“ Die Weißwurst seufzte freundlich: „Wir wollen dich nicht verlieren, bleib doch hier und sing uns Lieder.“ Auch die Blutwurst raunte: „Die Welt wird dich auslachen. Schone dein Herz.“ Doch die kleine, fröhliche und herzensgute Wurst war wild entschlossen. „Ich will zeigen, was in mir steckt“, sagte sie mutig. „Mir sind eure Vorbehalte egal.“ Alle Versuche, sie zurückzuhalten, blieben erfolglos – also ließ man sie gewähren.

Auf der anderen Seite versammelten sich die köstlichsten, schmackhaftesten und reichhaltigsten Kartoffelgerichte des Landes. Die Herren stellten sich stolz nebeneinander: Herr Kartoffelgratin, golden gebräunt mit knuspriger Kruste, Herr Kartoffelpuffer, rustikal und knusprig, Herr Kartoffelsalat, gesellig und vielseitig, Herr Rösti, kräftig und energisch, Herr Kartoffelbrei, weich und tröstend, und Herr Kartoffelknödel, massiv und gemütlich. Auch hier hatte sich ein mutiger Außenseiter eingeschlichen, den alle nur als dünnen, schlaksigen Pommes beschrieben. „Was willst du denn hier?“ rief der Kartoffelpuffer. „Du bist ja nur ein Stäbchen!“ Herr Gratin schnaubte: „Geh zurück in die Fritteuse, Jüngling, dies ist ein Wettstreit für wahre Mahlzeiten.“ Der Kartoffelknödel brummte: „Wenn der Wind bläst, brichst du entzwei.“ Doch der schlaksige Kerl blieb aufrecht. „Vielleicht unterschätzt ihr mich“, sagte er leise, aber mit fester Stimme. „Ich will es versuchen.“ Alle Spötteleien prallten an ihm ab.

Am Tage des großen Turniers der Köstlichkeiten trafen sich alle auf dem Platz der Mahlzeit. Die edelsten Würste und Kartoffeln taten sich zusammen, um miteinander das Turnier zu gewinnen, und waren sich ihres Sieges so gut wie sicher. So leuchtend und liebreizend Mortadellagesicht auch schien und wie sehr ihre hübschen Fettaugen auch funkelten, keines der edlen Kartoffelgerichte wollte sie. Herr Kartoffelgratin ging sogar an ihr vorbei, ohne auch nur zu schauen. Auf der anderen Seite stand der dünne Pommes hoffnungsvoll, aber auch er wurde von den edlen Würsten nur belächelt. Das sah Mortadellagesicht. Kurzerhand fasste sie sich ein Herz, ging zu Pommes hinüber und fragte: „Willst du es nicht mit mir versuchen?“ Pommes blickte in ihre glänzenden Augen, fand das runde Gesicht so hübsch und lustig, dass er sofort nickte – beinahe wäre er vor Freude durchgebrochen, so schlaksig war er.

Hand in Hand traten sie vor und stellten sich zusammen. Ein Gejohle und Gekicher ging durch die Würste und die Kartoffeln, aber beide ließen sich nicht beirren.

Dann begann das große kulinarische Turnier. Die edle Kabanossi hatte sich mit Herrn Rösti zusammengetan und zauberte ein majestätisches Gericht aus pikanten Scheiben und knusprigen Rösti-Kronen. Die feurige Chorizo vereinte sich mit Herrn Kartoffelgratin und servierte eine scharfe, cremige Delikatesse, die den Gaumen kitzelte. Die zarte Weißwurst tanzte mit Herrn Kartoffelbrei und erschuf ein sanftes, fast wolkiges Menü für empfindsame Seelen. Die pfeffrige Teewurst und Herr Kartoffelsalat bereiteten eine leichte, erfrischende Kombination mit Kräutern und Pfeffer. Die stolze Lyoner verband sich mit Herrn Kartoffelpuffer und präsentierte ein herzhaftes, rustikales Gericht, das an Bauernfeste erinnerte

Schließlich traten Mortadellagesicht und Pommes hervor. Alle hielten den Atem an. Sie begannen, ohne Hast, aber voller Liebe: Mortadellagesicht schnitt sich in feine, hauchdünne Scheiben und legte sie aus wie ein Teppich. Pommes ließ sich golden frittieren, bis er außen knusprig und innen zart war. Dann wickelte die Mortadella sich um jede Pommes-Stange, sodass kleine Röllchen entstanden – eine Umarmung aus sanftem Fleisch und knuspriger Kartoffel. Sie legten diese Röllchen kreisförmig an und gossen eine selbstgemachte, leicht süßliche Senfcreme darüber, garniert mit frisch gehackter Petersilie und einem Hauch Muskat. Der Duft war verführerisch, die Optik schlicht und doch elegant.

Erst war es still. Man hörte nur das leise Zischen des heißen Öls, das noch an Pommes klebte. Dann wagte der erste Bratwurst einen Bissen. Ein Klatschen erhob sich. Es schwoll an und wurde zu einem Sturm der Begeisterung. So etwas Köstliches hatte man noch nie gesehen und geschmeckt. Die Menge jubelte und schrie vor Freude. Selbst die alten Landjäger, die zuvor gemurrt hatten, nickten anerkennend.

Die Jury – angeführt von Schimmelsalami und Señor Kartoffelkloß – erhob sich. „Wir haben viele wunderbare Kombinationen probiert“, sagte Schimmelsalami mit heiserer Stimme. „Doch diese Komposition aus Rund und Schlank, aus zart und knusprig, hat uns zutiefst berührt.“ Señor Kartoffelkloß nickte: „Die edle Mortadella und der bescheidene Pommes zeigen uns, dass wahre Größe nicht in der Form, sondern im Herzen liegt.“

Und so erklärten sie Mortadellagesicht und Pommes zu Siegern des Wettstreits. Noch am selben Tag fand die Hochzeit statt. Mortadellagesicht trug ein Kleid aus hauchdünner Speckrinde mit feinen Senfblumen, ihre runden Wangen leuchteten rosig. Pommes trug einen knusprigen, goldenen Mantel aus Backteig und einen Kranz aus Rosmarin. Sie wurden auf einem großen Teller angerichtet, umrahmt von einem Kranz aus Salatblättern und Kräutern. Die Gäste – Würste und Kartoffeln gleichermaßen – jubelten, sangen und tanzten. Das Land erhielt einen neuen Namen: Salsicrania, das Reich der Einheit.

 

Von diesem Tag an lebten Salsicia und Knollrania in Frieden. Man erzählte die Geschichte von der runden Mortadella und dem schlanken Pommes noch viele Generationen lang.

 

Wenn sie sich gestorben sind, dann Essen sie noch heute.

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