Heute war der große Tag, an dem es über die Pyrenäen ging.
Wir schlafen in einer Herberge mit allen, die jetzt erst anfangen zu laufen, was natürlich toll zu sehen ist. Das Problem war allerdings, dass, glaube ich, alle so aufgeregt sind, dass sie schon um 5 Uhr aufstehen.
Was anstrengend ist, aber die Nacht war sowieso anstrengend, weil das Schnarchen der Hölle ausgebrochen ist. Heute habe ich das erste Mal mit Ohropax geschlafen. Anders war es einfach nicht zu machen. Wir sind natürlich alte Hasen und bleiben bis 6:30 Uhr im Bett liegen. Heute Nacht hat es auch ordentlich geregnet, das erste Mal seit Wochen, was zur Folge hat, dass unsere ganze aufgehängte Wäsche komplett nass ist. So profimäßig sind wir also doch nicht.
Wir haben gelesen, dass es die ersten acht Kilometer richtig steil raufgeht und danach soll es angenehmer werden. Also laufen wir couragiert die ersten Kilometer hoch, und es dauert nicht lange, da sind wir schon an der 8-km-Bar angekommen.
Wir machen also eine ausgiebige Pause und wiegen uns natürlich auf der sicheren Seite. Der erste Anstieg war anstrengend, aber jetzt werden wir den Rest entlangschlendern. So auf jeden Fall der Plan. Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, ist, dass der Himmel zwar schön aussieht und dramatisch bewölkt ist, aber dass zeitgleich auch ein richtiger Sturm aufzieht. Je höher wir kommen, umso windiger wird es. Und als wir ungefähr bei 1.200 Metern angekommen sind, können wir uns tatsächlich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten, wenn der Wind von der Seite kommt. Eigentlich hatten wir mit gemütlichen vier Stunden gerechnet. Daraus werden jetzt aber sechs ziemlich ungemütliche Stunden. Trotz alledem finde ich es aufregend und spannend. Ich liebe Sturm, und es fühlt sich richtig wild an.
Wir sind jedoch einigermaßen froh, als wir dann so gegen 14:30 Uhr in der Bar ankommen, die vor dem Kloster ist, und unser „Wir haben die Pyrenäen überquert“-Bier trinken.
Es gibt übrigens noch einen französischen Neuzugang, der sporadisch immer an unserem Tisch sitzt. Er heißt Lüdo und ist 60 Jahre alt. Er spricht fast überhaupt kein Englisch, was ihn aber überhaupt nicht davon abhält, sich immer zu uns zu gesellen. Ich habe über ihn schon mal geschrieben. Es war derjenige, der vor fünf oder sechs Tagen so schnell an uns vorbeigelaufen ist, wo ich mich geärgert habe, dass ich mich fast auf ein Wettrennen eingelassen hätte. Mittlerweile haben wir ihn ins Herz geschlossen. Eigentlich reden wir nur über Vorspeisen und das Bier heute, als er plötzlich sein Handy rausholt und auf seinem Sperrbildschirm das Foto einer blonden Frau mit herzlichem Lachen zu sehen ist.
Er sagt uns, dass das seine Frau ist, 54 Jahre alt, und sie vor 15 Monaten an Lungenkrebs gestorben ist. Jetzt erst fallen mir auch die zwei Ringe auf: einer am Ringfinger jeder Hand.
Wir sagen ihm, dass es uns sehr leid tut.
So gut, wie wir es können.
Richard und ich tippen jetzt sogar in unsere Handys, weil es uns wichtig ist, dass das, was wir sagen wollen, auch von ihm verstanden wird.
Und plötzlich nimmt dieser bärtige Mann mit der künstlichen Zahnreihe wie schüchtern seine Brille runter und wischt sich die Tränen aus den Augen. Er weint.
Dabei sagt er immer wieder: „C’est la vie“.
Richard erzählt jetzt auch von seiner ersten Frau, die auch an Krebs gestorben ist.
Und ich erzähle, dass meine erste große Liebe auch Nicole hieß, ich war sechs und sie 21, und sie hat mit „Ein bißchen Frieden“ den Eurovision Song Contest gewonnen.
Da muss Lüdo lachen. Er setzt seine Brille wieder auf.
Und dann reden wir wieder über die Vorspeise: Käse mit Schinken, schön frittiert.
Ich frage ihn eigentlich das erste Mal nach seinem Namen.
Und dann machen wir noch ein Bild zusammen.
Die Herberge ist ziemlich groß.
Das Essen, es geht so.
Aber das ist irgendwie nicht wichtig gerade.
Schön, dass du dabei bist.
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Wow.
Im Sturm über die Pyrenäen!
Mir reicht ja hier schon im Sturm über die Klippe.
Ich mag Sturm nicht so wirklich.
Ludos Geschichte isr wirklich sehr anrührend.
Aber am meisten hat mich gefreut, daß Du mit Deiner ersten Liebe in etwa mein Niveau triffst…bei mir war es Roy Black.
😆
Bin sehr gespannt,wem Du noch alles begegnest.
PS:
So schöne Fotos wieder!
🤩
Ja das war ein richtiges Abenteuer also mir hat es gefallen 😉
❤️
Mensch, einmal aus D’land raus und Frankreich durchquert ! Einfach so ;o)
☀️ CHAPEAU und echt krasscrazy ☀️
und nun auch auf der dritten Etappe: BUEN CAMINO!!!
❤️❤️❤️
Ach toll! Da war ich auch schon, aber im Winter im Schnee. Der Wind war so stark und der Weg durch den Schnee nicht mehr gut zu sehen. Da bin ich an der Seite tief runter zur Straße gelaufen und nach Roncesvalles getrampt. Ich habe lieber dort den Camino damals angefangen. Einer, der mit mir unterwegs war, kam abends um zehn Uhr im Dunkeln an. Das habe ich mir erspart. Dort im Kloster haben mich Mitpilger gefragt, ob sie mich mit meinem zweiten Vornamen Maria ansprechen dürfen. Ab da war ich Maria und später in Frankreich jahrelang Marie. Danke für die schönen Erinnerungen, die du in mir weckst!
It was great to share the Chemin with you. Looks like your next phase is off to a wild start.
Buen Camino
I’ll miss you both a lot – have lots of sandwiches!
❤️❤️❤️