Höhenprofil

Heute Morgen bin ich mit Richard gestartet, weil sein Freund Deadly mit dem Gepäckservice abgeholt wurde.
Die Pyrenäen kann man jetzt jeden Morgen sehen, und irgendwie sehe ich mit ihnen auch den Beginn des Endes meines Weges.
Es klingt komisch, weil es ja noch fast 1000 km sind, aber ich habe das Gefühl, ab jetzt wird die Zeit kürzer und kürzer.
Vor meinem inneren Auge sehe ich all die Pilger, die in Saint-Jean-Pied-de-Port anfangen und eine große Reise vor sich haben, und ich habe ein wenig das Gefühl, ich beende sie.
Gegen Mittag kommen wir an einem Pilger vorbei, und wir grüßen ihn und überholen ihn. Dann beginnt aber eine Dynamik, die ich nicht mag: Er beginnt schneller zu laufen, und es ist klar, für ihn ist das jetzt ein Wettbewerb, und ich muss wirklich Energie aufwenden, um mich nicht in diese Dynamik hineinziehen zu lassen.
Ich muss daran denken, wie oft es mir auch in anderen Situationen passiert, dass ich nicht bei mir bleibe, sondern das Tempo meiner Umgebung versuche zu kopieren.
Ich mag das nicht.
Er beginnt sogar zu rennen, und ein bisschen tut es mir auch leid, dass ich vielleicht auch dazu beigetragen habe, weil ich nicht nur bei mir geblieben bin. Ich lasse ihn ziehen und mich frei.
Bei der Hälfte unseres Weges treffen wir Maria wieder, essen unser Sandwich und gehen ab da zu dritt weiter.
Ich habe Maria ja vor zwei Tagen ein Twix versteckt, und meine Challenge für heute von ihr für mich ist es, 10 Fotos mit Gelb zu machen.
Also habe ich den ganzen Wandertag die gelbe Brille auf, was großen Spaß macht.
Am Abend habe ich noch ein sehr schönes Gespräch mit ihr.
Es geht um die Wahrnehmung, wie man Dinge bewertet.
Sie sagt, dass sie sich manchmal fragt, warum sie das Ganze macht, weil es ja eigentlich nicht schön ist, 8 Stunden auf einer langweiligen Straße zu laufen.
Für mich fühlt es sich aber anders an: Durch die Länge der Reise ist alles zu einem großen Ganzen verschmolzen, wie das Höhenprofil des gesamten Weges. Jede Landschaft ist nur ein Teil, eine kleine Erhebung oder ein Tal des Ganzen.
Und trotzdem weiß ich, was sie meint, denn als ich einmal über die Alpen gelaufen bin, dachte ich auch irgendwann: So, jetzt reicht es, jetzt habe ich genug Berge gesehen. Da konnte ich die Unterschiede nicht mehr sehen, und alles wurde gleich.
Ich glaube, ich brauche das Leben und auch die Umwelt, die nicht schön ist, sondern normal, dreckig, langweilig und dann wieder wunderschön.
Ich liebe es, Häuser zu sehen, in denen ich niemals wohnen könnte, und erstaunt darüber zu sein, dass dort ein Mensch wie ich sein Leben lebt.
Ich habe dann in mir das Gefühl: Alles nicht so schlimm, alles in Ordnung.
Ich bin wie ein kleiner Berg oder ein Tal im Höhenprofil des Lebens.
Und zusammen sind wir der Weg.
Schön, dass Du dabei bist.
Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

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4 Kommentare zu „Höhenprofil“

  1. Die GelbCallenge war eine tolle Idee von Maria!

    Und das Bild mit dem Höhenprofil mag ich auch.
    Momentan bin ich dann wohl eine Hochebenel 😉

    Ich hoffe, Deadlys Fuß geht es besser?
    Mit Blasen des Todes kenne ich mich aus.
    Diesmal hab ich aber super Wanderschuhe!
    Dafür bin ich nach zehn Kilometern und fünf Steigungen aber auch schon platt.🫣

    Dir heute wieder einen guten Blick auf die Pyrenäen!

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