99 Prozent

Heute gibt es keine Fortsetzung der Geschichte, weil ich einfach zu k. o. im Kopf bin, um mir noch etwas auszudenken. Ich bin heute 39 km durch die Meseta gelaufen. Morgen geht es mit der Geschichte weiter.

Deshalb hier ein kleiner Tagebucheintrag, denn trotz der großen Leere ist doch Berichtenswertes geschehen.

Ich bin heute Morgen um 7 Uhr gestartet, in völliger Dunkelheit, das erste Mal mit Stirnlampe. Als die Sonne langsam über den Horizont kroch, war ich schon mittendrin in der endlosen Weite, die nur von einem Weg schnurgerade durchschnitten wird. Ich wurde gefragt, ob das nicht langweilig ist. Ehrlich gesagt ist es für mich wie eine weitere Farbe auf meinem langen Weg.

Ich mache nur zwei Pausen von jeweils 20 Minuten und komme um 15:30 Uhr in Sahagún an, meinem Ziel für heute. Unterwegs hatte ich überlegt, eine kleine Privatherberge mit Einzelzimmern zu nehmen, entscheide mich dann aber für die öffentliche Pilgerherberge im Kloster, und das ist ein Glücksgriff.

Zum einen treffe ich hier noch einmal Mis-Sticks-Delfine, was mich freut. Leider sehen wir uns nach heute nicht mehr, weil ich weiter laufe als sie. Zum anderen hat das Kloster ein paar schöne Besonderheiten.

Um 17 Uhr gibt es einen Pilgertee-Treff, natürlich freiwillig. Ich sitze mit 18 anderen Pilgern zusammen, und jeder erzählt etwas von seiner Geschichte. Für viele ist es der erste Camino, und es ist schön zu sehen, wie beseelt sie sind. Ein 63-Jähriger aus Holland erzählt, dass er viele Menschen hat sterben sehen, weil er bei einem militärischen Sondereinsatzkommando war. Er sagt, 99 Prozent der Menschen sind gut, nur ein Prozent ist wirklich schlimm, und diese müsse man bekämpfen, auch mit Gewalt. Ich bin mir nicht sicher. Über die 99 Prozent freue ich mich, denn das ist auch meine Erfahrung, und deswegen habe ich keine Angst zu reisen.

Dann gibt es ein gemeinsames Abendessen. Das Kloster kocht Gemüse, und wer teilnehmen will, soll eine Kleinigkeit besorgen und in der Küche abgeben. Ich kaufe Brot, Schinken und einen Wein. Als ich um 20 Uhr zum Essen komme, ist eine Tafel mit allem aufgebaut, was das Herz begehrt: verschiedene Salate, Käse, Wurst, sogar Pizza, Nudeln, Wein, Saft und Bier, Nachtisch und Früchte. Wir sitzen alle zusammen, lachen, essen und reden.

Jetzt liege ich im Bett mit Rolf und Fermin, zwei Freunden in den 60ern, die sich von der Arbeit kennen und jedes Jahr ein Stück zusammen laufen, und werde kräftig zugeschnarcht.

Schön, dass du dabei bist,
Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

Travelers' Map wird geladen …
Wenn du dies siehst, nachdem deine Seite vollständig geladen wurde, fehlen leafletJS-Dateien.

5 Kommentare zu „99 Prozent“

  1. Hi Florian,
    ich glaube auch, dass das mit dem Bekämpfen des 1% schlimmer Menschen in den letzten paar Jahrtausenden Menschheitsgeschichte richtig gut funktioniert zu haben scheint. Darum sind einige immer noch damit beschäftigt … Na, ja!
    In erster Linie hoffe ich jetzt, dass du wieder problemlos Ohrenstöpsel benutzen kannst und damit einigermaßen ruhig schlafen kannst.
    Buen camino

    1. Hallo,

      dein “Na, ja!” hat mich zum Schmunzeln gebracht, die Bilanz der letzten Jahrtausende ist tatsächlich gemischt. Ich habe mir beim Holländer auch nur gedacht: Ich freue mich über die 99 Prozent und lasse das andere stehen.

  2. Thank Goodness it was not 42.195 kilometres! I would have been VERY upset. 😉 ( fantastic that you still finished it at 3:30pm – there was obviously no red wine to distract you!)
    Happy for you that you have met up with Delphine- I asked her to give you a BIG hug from me ( did she???She might have been too shy.) Sad, that you are not going to continue walking with her.
    The Monastery sounds like a lovely experience.

    I am looking forward to the continuation of the story…..I DO hope ( my wish) that it will have a happy ending at the end.

    💙💛

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen