Tag 39

Ich weiß gar nicht, wie ich diesen Tag beschreiben soll. Ich weiß noch, dass ich unterwegs dachte: Heute möchte ich ja eigentlich nur schreiben, was ich sehe, wie es sich anfühlt, aber nicht als Geschichte, sondern einfach, wie es ist. Eine Aneinanderreihung von Worten, zu der sich jeder seine eigene Geschichte bauen kann. Aber jetzt liege ich hier auf einem Bett und irgendwie geht das nicht mehr.

Ich hatte mir heute vorgenommen, einfach zu laufen, ohne etwas zu reservieren. Und entweder würde ich dann im Zelt schlafen oder ich komme in irgendeinem Ort an und frage einfach.

Ich laufe durch ein etwas gruseliges, ausgestorbenes, nicht besonders schönes kleines Dorf. Der Bäcker macht gerade zu und ich kaufe mir noch schnell eine Cola und ein Stück Apfelkuchen. Mir ist klar: Hier will ich auf keinen Fall bleiben, also muss ich noch bis zum späten Nachmittag in das nächste Dorf laufen und hoffen, dort etwas zu finden. Je näher ich komme, umso mehr schaue ich mich schon um, ob es nicht vielleicht einen Schlafplatz zwischen den Bäumen gibt, aber es ist alles sehr hügelig und keine freie, gerade Fläche in Sicht. Mein Plan wäre nämlich, einfach in der Nähe des Dorfes irgendwo das Zelt aufzuschlagen – da es dort einen kleinen Tante-Emma-Laden gibt – und mir dann mein Abendessen zu kaufen.

Aber da ich keinen Zeltplatz finde, laufe ich erstmal mit dem vollen Gepäck in das Dorf rein. Ich kann mir ja auch was kaufen und dann wieder rauslaufen. In einem Vorgarten auf dem Weg zum Dorf hoch, das auf einem kleinen Hügel liegt, arbeitet eine Frau im Garten und ich denke mir einfach: Jetzt fragst du halt! Ich packe natürlich mein bestes Französisch aus: „Est-ce qu’il y a une chambre pour une nuit dans le village?“ Zu meiner Überraschung nickt sie, deutet auf die Kirche und sagt irgendwas von „sœurs derrière l’église“.

Keine Ahnung, was sie damit meint.

Zuerst laufe ich auf jeden Fall an dem geschlossenen Tante-Emma-Laden vorbei und mein nächstes Abendessen ist kilometertechnisch zu weit weg. Schöner Mist, denke ich.

Hinter der Kirche, hinter einer Mauer, ist ein Haus und die Tür in der Mauer trägt das Muschelsymbol. Ich klopfe einfach mal. Und aufmachen tut eine Nonne. Ich bin erstmal echt ein bisschen verdattert – damit hatte ich nicht gerechnet. Sie ist klein, älter und guckt mich mit sehr wachen, liebevollen Augen an. „Avez-vous une chambre pour moi?“

Und mit einem freundlichen Kopfnicken bejaht sie die Frage nach einem Zimmer. Sie fragt, woher ich komme: „Düsseldorf.“

Und sie fängt an, Deutsch zu reden. Sehr gebrochen, aber mit einem hinreißenden französischen Akzent. Es ist noch eine zweite Schwester gekommen, etwas jünger. Auch sie ist sehr freundlich und viel am Lachen. Sie spricht gar kein Deutsch. Sie sagen mir, dass sie noch etwas brauchen, um das Zimmer vorzubereiten, und ich frage, ob es okay ist, wenn ich in einer Stunde wiederkomme. „Bien sûr, bien sûr“ – und die Kirche wäre offen.

Also, eine Stunde in der Kirche will ich jetzt nicht warten. Also schlage ich meine Hängematte in der Nähe der Kirche auf – was ja so gut wie drin ist – und warte eine Stunde.

Nach einer Stunde führen sie mich in ein Zimmer, wo ein Bett steht, mit einem Vorhang abgetrennt, und irgendwie sieht es wirklich klösterlich aus. Sehr einfach, aber irgendwie auch schön. Als ich meine Wäsche gewaschen, mich umgezogen und den Orangensaft und den Kuchen gegessen habe, den sie mir hingestellt haben, kommt die ältere Schwester noch einmal zu mir ins Zimmer und sagt, dass heute ein besonderer Tag ist. Ich verstehe es nicht so ganz – ich glaube, einfach Donnerstag – und dass sie unten eine Stunde eine Schweigeandacht machen. Sie hätten da einen kleinen Kapellenraum und wenn ich wollte, könnte ich auch dazukommen und so lange bleiben, wie ich möchte. Ich denke mir: Wenn ich schon hier bin, dann mache ich das jetzt auch. Und als ich um 18 Uhr runterkomme, haben die zwei Schwestern sich umgezogen in weiße Kutten und wir gehen in einen ziemlich kargen Raum mit einem Altar. Es kommt noch eine dritte Schwester und das sind alle, die hier wohnen. Es ist wirklich ein sehr bescheidenes Leben. Ich darf mich hinten auf eine Bank setzen und ich denke, jetzt werden die sich auch gleich setzen. Aber sie verbeugen sich vor dem Altar und dann knien sie aufrecht – nur mit einem Stück Samt unter ihren Knien – auf geflochtenen Rattanteppichen. Eine Stunde lang. Neben mir liegt das Neue Testament auf Deutsch. Ich blättere leise darin und fange an, das Ende zu lesen. Also, wer auf diese Ideen gekommen ist: Ständig sind da irgendwelche Drachen mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und dann wieder Engel und ein Lamm, das aussieht wie geschlachtet, und Flüsse, die rot werden, Frauen, die für 1200 Tage in die Wüste geschickt werden, Tiere, die um einen Thron herumstehen mit Augen überall. Es ist echt verrückt. Ich habe den Überblick verloren. Sie knien immer noch. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlägt die Glocke siebenmal und die Stunde ist um. Schweigend verlassen sie den Raum und ich hinter ihnen her.

Oben in meinem Lager schaue ich, wo ich morgen wohl ankommen werde, als es wieder klopft und die zwei Schwestern mit einem riesigen Tablett mit einem tollen Abendessen vor meiner Tür stehen.

Sie sind beide wirklich sehr, sehr freundlich und unglaublich zugewandt. Sie fragen mich, ob ich was singen könnte. Ich sage, dass ich leider nicht singen kann, aber ich könnte das Vaterunser. Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Aber sie sind begeistert. Jetzt stehen wir zu dritt vor meinem tollen Abendessen und ich bete das Vaterunser. Die Schwestern hat es glücklich gemacht.

Dann gibt es noch einen Stempel in meinen Pilgerpass. Und als sie all die Stempel sehen, die ich schon gesammelt habe – es sind jetzt wirklich sehr, sehr viele –, kann sich die jüngere Schwester gar nicht mehr einkriegen. Sie guckt sich alle ganz genau an und bei manchen stößt sie sogar richtiggehende Verzückungslaute von sich.

Dann verabschieden sie sich und ich sitze mit meinem angebetetem Essen da.

Und wie ich jetzt so danach auf dem Bett liege und über den Tag nachdenke, weiß ich eigentlich gar nicht, wie ich ihn beschreiben soll.

Schön, dass du dabei bist!

Bilder des Tages

Da bin ich

Travelers' Map wird geladen …
Wenn du dies siehst, nachdem deine Seite vollständig geladen wurde, fehlen leafletJS-Dateien.

9 Kommentare zu „Tag 39“

  1. Was für eine außergewöhnliche und bestimmt sehr besondere Begegnung! Du bist wirklich ein Glückskind, lieber Florian! Und du hast es dir wirklich verdient.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen