Die Ameise

Es ist noch fast dunkel, als ich meine Sachen zusammenpacke. Mein Rucksack ist fertig und ich habe herrlich geschlafen in dem klösterlichen Bett. Und schon klopft es an der Tür – herein kommen wieder zwei Schwestern, diesmal mit einem köstlichen Frühstück. Es gibt Tee, Marmelade und Käse. Kurz bevor sie rausgehen, laden sie mich noch mal ein, in 15 Minuten runter in die Kapelle zu kommen, um danach ein Weihegebet mit ihnen zu sprechen.

Wie gesagt, wenn ich schon mal hier bin, mache ich das natürlich. Dann sagt die eine Schwester noch, dass sie mir ganz viel Glück wünscht auf meiner Reise und dass ich Jesus und Maria immer im Herzen tragen soll. Auch in Indien, denn da würden sie glauben, dass Gott auch in Stühlen oder Tischen existiert. Der Glaube wäre da nicht so ganz klar und ein bisschen verschwommen, auch in Japan. Aber sie findet keine richtigen Worte dafür. Das Weihegebet ist auf Deutsch und man verspricht eigentlich Maria alles. Es fallen auch Worte wie „Sklave“ und alle Besitztümer, die man hat, übergibt man Maria, die weltlichen. Und natürlich auch alle seine guten Gedanken. Dann verabschiede ich mich, und als die Tür hinter mir zufällt, bin ich ehrlich gesagt erleichtert. So freundlich und so herzensgut diese Schwestern auch waren: Mich beklemmt da etwas. Der Himmel ist grau und bedeckt. Ich habe meine Regenjacke an und fühle mich eigentlich richtig gemütlich. So, als wäre ich noch mal davongekommen. Ich höre schöne Musik und bin zufrieden. Ich muss viel über die Schwestern und Religion nachdenken.

Ich will einen Text darüber schreiben.

Der Himmel reißt auf. Ich wandere meinen Weg ohne besondere Vorkommnisse und bin mit mir. Jetzt liege ich in einer Pilgerunterkunft in einer Kirche.

 

Es war Krieg. Der letzte Tag der Menschheit. Versehrt auf den Sterbebetten lagen drei. Die stritten. Und eine Ameise in der Mitte hört verwundert zu.

Der eine sagt: Du kommst auf diese Welt mit Schuld.

Der andere sagt: Es gibt der Götter viele. Der dritte dann: Es braucht Struktur und 40 Jungfrauen winken dir.

Erlösung gibt es nur durch ihn allein.

Und wenn du es heute nicht schaffst, verschieb’s aufs nächste Leben.

Und faste vom Morgengrauen zum Abendbrot.

Der Sohn geschlagen an ein Folterkreuz. Der Reiche hat das schlechte Leben schon durchlebt.

Fünfmal am Tag den Rücken beugen. Kein Schwein, kein Sex und keine Frauen.

Die Frau, die stirbt, sie wird verbrannt. Der Ritter ausgesandt in fernes Land.

Freiheit ab in das Korsett.

Nur meine zählt.

Die Wahrheit liegt bei mir.

Zwei Augen zu, nur eines auf.

Ein Pfeifen dann.

Und schon fliegt die letzte Bombe.

Sekundenschnell.

Der Tod.

Und dunkel dann.

Im Nichts stehen drei sich gegenüber

und finden nicht, was sie versprochen.

Nur kurz, bevor sie ihre Augen schließt, lacht eine Ameise drei Ameisen aus. Dann ist sie weg.

schön das Du dabei bist

Florian

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Da bin ich

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9 Kommentare zu „Die Ameise“

  1. Oje, ja, Religion.
    Das ist ein schwieriges Thema.
    Weil Glaube ja zunächst mal etwas Tröstliches ist und etwas Mutmachendes.
    Aber je nachdem, was der Einzelne oder eine Gesellschaft daraus macht, auch Unterdrückung und Drohung und Unfreiheit.
    Und wenn die Religion dann plötzlich ins Tagesgeschehen eingreift, in die Politik, ins Private, und noch dazu die einzig wahre sein will und alle Andersgläubigen ausschließt und entmenschlicht, dann wird es ganz, ganz finster.
    Und Gott, wenn es einen gibt, wendet sich endgültig ab von seiner so schrecklich fehlerhaften Montagsproduktion, die leider gar nichts verstanden hat.

    Da erinnere lieber die fröhlichen Schwestern mit ihren vollen Tabletts und dem Bett für einen guten Schlaf.

    Was Tische und Stühle angeht, bin ich übrigens als bekennender animistischer Anthropomorphist ganz bei den Indern.
    🙂

  2. Und es ist alles Mensch gemacht.
    In der Natur, die nicht menschgemacht ( wie schreibt man das eigentlich ?) ist es doch am leichtesten sich leicht und unbeschwert zu fühlen. Genieße das Wandern

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