Trotz alledem

Es war noch ganz früh am Morgen, als ich auf einen Waldweg ins Tal hineinbog.

Rund um mich herum riesenhafte Tannenbäume und plötzlich, wie aus dem Nichts, musste ich an Weihnachten denken. Der Geruch der Bäume. Aber es war nicht so ein Weihnachten mit vielen Geschenken unter dem Baum, sondern es war ein Weihnachten des Zuhause-Seins. Und dann musste ich auch an euch denken und hätte euch gerne dieses Gefühl gegeben. Denn es war ein Trotz-alledem-Zuhause-Gefühl. Ich habe mich in diesem Moment sehr dankbar gefühlt. Und bin ein- und ausschnaufend durch den Wald gelaufen, um diesen Moment möglichst lange festhalten zu können.

Und dann habe ich mir vorgestellt, dass ich dieses Jahr wohl zu Weihnachten in Indien sein werde. Nicht, dass ihr denkt, dass ich das schlimm finde. Überhaupt nicht. Ich bin auch nicht traurig deswegen, aber es ist trotzdem eine merkwürdige Vorstellung. Ich habe schon seit Längerem die Idee, erfundene indische mythologische Geschichten zu schreiben, und vielleicht werden es ja Weihnachtsgeschichten. Mit Shiva und Vishnu. Und Brahma. Keine Ahnung, was die eigentlich machen, ist ja auch nicht wichtig, weil das alles neu erfunden werden kann. Oder vielleicht sollte ich aus unserer Weihnachtsgeschichte ein indisches Märchen machen.

Solche Gedanken gehen mir dann durch den Kopf, wenn ich morgens durch den Wald laufe – zumindest heute. Dann radelt eine Gruppe rüstiger Rentner auf Rennrädern in Trikots vorbei. Warum kaufen sich eigentlich Rennradfahrer immer Trikots, in denen sie aussehen, als wären sie professionell? Mit Werbung drauf. Ich stelle mir dann immer vor, wie das wäre, wenn das z. B. Schachspieler auch so machen würden und dann in lustigen Trikots voreinander sitzen würden.

Aber dann kommt schon Chris Camino auf mich zu. Ich glaube, das ist der waschechteste Jakobspilger, den ich jemals getroffen habe. Er hat einen Stock mit Muschel, ganz wenige Zähne und ein strahlendes Gesicht. Sofort fängt er an, mich auf Französisch zuzutexten. Er umarmt mich, macht Zeichen mit Daumen und Zeigefinger, „top, top, super, klasse“, dass der Weg jetzt super, super wird und wo ich hinwill. Ich sage den Namen, wieder Zeichen, diesmal mit der flachen Hand steil nach oben und „puh“ und „ah“ und trotzdem immer noch der Daumen. Er läuft gerade wieder zurück von Santiago. Sagt mir noch ein paar Pilgerherbergen und Cafés, wo ich auf jeden Fall reingehen kann und nur seinen Namen sagen muss und dann kennen sie ihn schon. Er läuft zurück nach Metz, um dann umzudrehen und die Route über Vézelay wieder zurück nach Santiago zu laufen. Wir verabschieden uns. Er sagt mir, dass er schon einen Florian getroffen hat – vor zwei Tagen oder einem Tag – mit einer Frau und einem Hund. „Klar“, denke ich wieder. Daumen hoch, Zeigefinger, „toll, toll, toll“ – und weg ist er.

Irre, denke ich, und wie schön.

Und dann, zwei Dörfer weiter: Bevor ich zum Mittagessen will, sitzt eine Frau auf einer Parkbank mit Rucksack. Erst laufe ich an ihr vorbei und dann denke ich mir: So ein Quatsch. Du hast dir vorgenommen, offen auf die Leute zuzugehen. Also mach das auch. Und ich drehe um und frage sie, ob sie auch auf dem Weg nach Santiago ist. Natürlich auf Französisch, mehr schlecht als recht, und genauso antwortet sie. Irgendwie ist klar, dass wir beide Deutsche sind. Sie sagt, ihr Mann ist gerade in der Kirche, und zwischen ihren Beinen wuselt ein kleiner Cocker Spaniel.

Das kann doch nicht wahr sein. Ich frage, ob ihr Mann Florian heißt. Sie ist ein bisschen überrascht, sagt ja – und dann kommt er auch schon. Sie heißt übrigens, Gesa

Ich habe also tatsächlich die beiden von Chris Camino getroffen. Sie laufen auch bis nach Santiago, allerdings Stück für Stück. Diesmal ist der Teil von Cluny nach Le Puy dran.

Wir sehen uns nach anstrengendem Bergauflaufen wieder zur Mittagszeit, tauschen Nummern aus und wollen vielleicht heute Abend einen Wein trinken. Aber der Weg geht viel hoch und runter. Heute bis auf tausend Meter hoch. Eigentlich nur 940, aber ich habe mich verlaufen. Deswegen bin ich ganz hochgelaufen. Am Abend ist irgendwie klar: Wir sind alle ein bisschen zu kaputt, um noch Wein zusammen zu trinken. Und ihre Unterkunft ist auch noch mal zwei Kilometer außerhalb. Wir werden uns bestimmt morgen auf dem Weg wieder treffen.

Was für ein Tag!

Und über allem schwebt Zuhause.

Schön, dass du dabei bist!

Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

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7 Kommentare zu „Trotz alledem“

  1. Chris Camino sieht aber auch fit aus wie ein Turnschuh! Kein Wunder, daß der den Daumen hoch hält, egak, wie steil es wird.
    Mit den vielen so unterschiedlichen Menschen, die Du unterwegs triffst und oft ja möglicherweise auch wiedertriffst, ist ja auch der Weg ein bißchen wie ein Zuhause.
    Das ist schön.
    Und wir hier zuhause sind ja auch Dein Zuhause. Und Dein Mitunterwegs.
    Wenn Du es mal brauchst.
    Schöne Bilder wieder heute!
    Wenn das diesmal kein Bildband wird, dann weiß ich auch nicht!!!

  2. Wow, deine Bilder sind wirklich so so wunderschön.
    Riesenfreude: die Karte ist heute angekommen, Danke für deine lieben Worte!
    Weihnachten in Indien wird bestimmt schön, auch wenn du hier fehlen wirst🩷

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