Heute, auf dem Weg durch die Hügel, kam ich an einem Feld vorbei. Eine einzelne Blume stand darin, den Kopf zur Erde gesenkt, und hinter ihr eine Vogelscheuche mit ausgestrecktem Arm. Ein skurriles Bild – ich blieb stehen, machte ein Foto. Als ich mich umdrehen wollte, stand plötzlich eine sehr alte Frau vor mir. Ich erschrak zu Tode.
Ihre Stimme, als sie zu sprechen begann, klang wie das Rauschen eines Berberitzenstrauches im Herbst.
„Mais la plus grande, c’est l’amour“, sagte sie.
Ich wollte gerade erklären, dass ich kaum Französisch spreche, als ich merkte, dass ich jedes einzelne Wort verstand.
„Aber die Liebe“, seufzte sie, „ist die größte unter ihnen.“
Sie deutete auf die Vogelscheuche, auf die Sonnenblume. Und ohne dass ich fragen musste, fing sie an zu erzählen.
Wenn es je zwei Menschen gegeben hatte, die füreinander bestimmt waren, dann Julie und Jacques. Jeder im Dorf kannte sie. Sie waren unzertrennlich. Julie war die einzige Tochter der Vialattes, denen der große Hof am Ortsrand gehörte. Jacques wohnte mit seinen Eltern zwei Häuser weiter.
Er wusste noch genau, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Sie trug ein Kleid in der Farbe einer aufgeschnittenen Mango – nein, eher wie die Blütenblätter einer Sonnenblume, nur dass der Saum längst braun gesprenkelt war, von der Pfütze, in die sie immer wieder mit Anlauf sprang, dass es nur so spritzte.
Er war nicht so mutig. Er stand abseits und sah einfach nur zu. Er hätte das ewig tun können. Dann drehte sie sich um und sah ihn direkt an. Zum Wegrennen war es zu spät. Sie marschierte auf ihn zu, forsch, packte seine Hand, riss ihn mit sich, und ehe er sich’s versah, spritzte das braune Pfützenwasser um sie herum. Es gab nichts Schöneres.
Und Julie wusste noch genau den Moment, in dem aus der Freundschaft Liebe wurde. Sie hatte den Sommer über für seinen Geburtstag, Sonnenblumen gepflanzt, doch aus irgendeinem Grund wollten sie nicht gedeihen. Statt Blüten trugen die Stängel kleine, verkrumpelte braune Bälle, hässlich, verkümmert. Sie stand davor, den Tränen nahe, das Ergebnis eines ganzen Sommers vor sich. Da legte Jacques den Arm um sie und sagte, das seien doch die schönsten Fleischpflanzerl, die er je gesehen habe. Und tatsächlich – sie sahen aus wie kleine Frikadellen, aufgereiht auf ihren Stängeln wie zum Verkauf. Ihr ganzer Kummer war verschwunden, ersetzt vom schönsten Lachen, das man sich vorstellen konnte. In diesem Moment wusste sie: Es gab kein Missgeschick, kein Unglück, das mit ihm nicht erträglich wäre.
Den Ort, an dem aus der Liebe wurde, was sich nicht beschreiben lässt, kannten beide genau. Am Waldrand, auf einer kleinen Lichtung, hatte der Weidezaun seit jeher ein Loch – schmal genug, dass nur hindurchkam, wer wirklich wollte. Dahinter breitete sich eine Wiese aus, weicher als jedes Bett. In jener Spätsommernacht huschten Julie und Jacques hindurch wie zwei Schatten unbändiger Schwalben, eng umschlungen, hinein in die Atemlosigkeit dieser Unbeschreiblichkeit.
Es war das vierte Jahr ohne Ernte. Die Kühe waren die Ersten, verkauft oder geschlachtet, dann die Hühner, dann die Vorräte. Die Brunnen sanken tiefer, jeden Sommer ein Stück, und der Küster läutete die Glocke nicht mehr für Hochzeiten. Im Winter starben zuerst die Ältesten, dann die Jüngsten.
Julies Vater reichte ihr jeden Abend seinen Kanten Brot und behauptete, er habe schon gegessen. Sie sah die Lüge in seinen Augen so deutlich wie früher die Wahrheit. Ihre Mutter weinte nicht mehr – nicht, weil der Kummer aufgehört hätte, sondern weil ihr die Tränen ausgegangen waren, wie allen Brunnen das Wasser.
Die Kinder, die im letzten Winter nicht mehr aufgewacht waren. Sieben, Julie kannte jedes einzelne beim Namen.
Als sie keinen anderen Ausweg mehr sah, ging sie zu der Alten, zu der man nicht geht.
Die Hütte stand dort, wo der Wald am dichtesten war, so dicht, dass selbst am Mittag ein Zwielicht herrschte. Es roch nach getrockneten Kräutern, süßlich und alt. Sie saß am Feuer, als hätte sie schon lange gewartet, bevor sie sprach.
„Es gibt einen Weg“, sagte sie schließlich, „aber es ist das größte Opfer, das ein Mensch bringen kann. Nicht dein Leben – das nimmt sich die Erde ohnehin, früher oder später. Etwas, das schwerer wiegt.“
„Was ist schwerer als das Leben?“
Die Alte sah sie lange an. „Das, was du am meisten liebst. Du darfst es nie wieder ansehen.“
Julie dachte an ihren Vater, der log, um sie zu schützen. An ihre Mutter, deren Augen trocken geblieben waren. An die sieben Kinder, deren Namen sie kannte.
Sie sagte ja, ohne zu fragen, wie lange „nie wieder“ dauert.
Im Frühling kam der Regen, drei Wochen lang, so dicht, dass die Erde ihn kaum fassen konnte. Die Ähren standen bald so hoch und so dicht, dass sich Kinder darin verstecken konnten, ohne gefunden zu werden. Zum ersten Mal seit Jahren aß das Dorf sich satt, und im Herbst, zum Erntedank, wurde getanzt, wie man es seit einer Generation nicht mehr getan hatte.
Julie tanzte nicht. Sie stand am Rand, unter den Lichtern, und wandte den Blick, sobald Jacques den Hof betrat. Sie senkte den Kopf, wenn er zu ihr sprach, drehte sich weg, wenn er nach ihrer Hand griff, wie er es sein Leben lang getan hatte. Einmal nahm er sanft ihr Kinn und wollte ihr Gesicht zu seinem drehen – sie schloss die Augen, bevor sein Blick ihren erreichen konnte, und er ließ erschrocken los, als hätte er sich verbrannt.
Er verstand es nicht und sie sagte nichts, weil manche Opfer ihre Kraft verlieren, sobald man sie ausspricht.
Er blieb trotzdem.
Sie wurde stiller, jeden Monat ein Stück. Wie eine Pflanze, der man das Licht nimmt, nicht mit einem Mal, sondern Blatt für Blatt. Im Winter darauf wachte sie eines Morgens nicht mehr auf. Ihre Mutter fand sie, das Gesicht dem Fenster zugewandt, von dem aus man, gerade noch das Dach von Jacques‘ Elternhaus sehen konnte.
Drei Tage nach dem Begräbnis ging er zur Alten.
„Ich will sie noch einmal sehen“, sagte er. „Auch wenn sie mich nicht ansehen kann.“
Die Alte schüttelte lange den Kopf, ohne ihn anzusehen. „Geh nach Hause.“
Er kam am nächsten Abend wieder und stellte sich vor ihre Tür, ohne zu klopfen. Am übernächsten Abend saß er einfach im Regen davor, bis es dunkel wurde. Am vierten Abend öffnete sie, und sah ihn an.
„Bring alte Kleider“, sagte sie. „Stroh. Zwei Stöcke aus dem Wald, gerade gewachsen, nicht geschnitten – der Wald muss sie hergeben, nicht du sie ihm nehmen. Und ein Samenkorn, das du auf ihr Grab legst, bevor die Sonne aufgeht.“
Er fragte nicht, wozu. Er tat, was sie sagte.
Er ging in der Nacht in den Wald, mit einer Laterne, deren Licht ihm kleiner vorkam als sonst, als würde der Wald es schlucken. Er suchte lange, bis er zwei Äste fand, gerade gewachsen wie von einer Hand geführt, und als er sie brach, war ihm, als höre er etwas aufseufzen, irgendwo zwischen den Bäumen, wie das Rauschen eines Berberitzenstrauches, obwohl kein Wind ging.
Er sammelte Stroh. Er holte die alten Kleider aus der Truhe. Und kurz vor Sonnenaufgang kniete er vor Julies Grab auf jener Wiese, die weicher war als es ein Bett, das Samenkorn zwischen den Fingern. Er legte das Korn in die Erde, genau über ihrem Herzen und ging nach Hause, ohne sich umzudrehen.
Am nächsten Morgen war sein Bett leer.
Die Leute im Dorf dachten sich nichts dabei, doch als er am dritten Tag nicht wieder aufgetaucht war, begannen sie zu suchen. Sie suchten überall.
Bis sie zur Wiese kamen. Und vor dem Loch im Zaun, wo man nur durchkam, wenn man wirklich hindurch wollte, stand eine Vogelscheuche mit zwei Stöcken.
Und davor, so nah, dass ihre Blätter sie fast berührten, eine Sonnenblume, deren Knospe sich schon geöffnet hatte, obwohl es Wochen zu früh dafür war.
Sie hielt den Kopf gesenkt. Das Gesicht dem Boden zugewandt. Von ihm abgewandt.
Die Alte schwieg. Ich wartete, dass sie weitersprach, aber sie sah nur auf das Feld, auf die Vogelscheuche, auf die Sonnenblume.
„Manche Opfer“, sagte die Alte, „hören nie auf, bezahlt zu werden.“
Sie berührte kurz die gesenkte Blüte, so behutsam, als könnte sie erschrecken. Dann sagte sie noch einmal, leiser: „Mais la plus grande, c’est l’amour.“
Als ich mich umdrehte, um ihr zu danken, war da niemand mehr. Nur das Feld, die Scheuche, die Blume – und irgendwo dahinter, obwohl kein Wind ging, das Rauschen eines Berberitzenstrauches.
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Oh, das ist aber eine ebenso traurige wie schöne Geschichte.
Aber wenigstens Deine steile Wanderung heute hatte ein Happyend.
Mit Kühlschrank.
Freu mich auf mehr!
❤️❤️❤️
Also Florian dein französisch muss ja mittlerweile schon nahezu perfekt sein, dass du diese traurige aber schöne Geschichte verstehen konntest.
Chapeau 😉
Ich mag deine Geschichten sehr
Jetzt hast du es ja auch mit den Berberitzen gemerkt
Das hab ich sofort gemerkt und deshalb geschrieben, dass dein französisch sehr gut ist und du so eine Geschichte bis in alle Details verstehst.
Magisch, faszinierend und berührend
ah das freut mich das es dir gefällt
Hui. Traurig und schön zugleich ☺️
ja mit grusel hat nicht so geklappt
Und ach diese Berberitzen
Richtig ;)))
Wunderschöne Geschichte mit wirklich ansprechender Wortwahl😍😘
Hallo Florian, das war eine extrem berührende Geschichte. Danke , dass ich daran teilhaben konnte.
oh sehr gerne Michael