Das Kloster

Jetzt kommt die Geschichte zum heutigen Tag. Ich wollte ja unbedingt heute Cluny erreichen, weil man da nämlich in einem Kloster übernachten kann. In meinem Reiseführer steht auf jeden Fall das Zeichen für Pilgerherberge. Also krieche ich morgens aus meinem Zelt und es ist noch dunkel. Nur unten im Tal sehe ich die orangefarbenen Warnlichter der Traktoren leuchten, die jetzt schon in die Weinberge fahren, um die Ernte nach Hause zu bringen.

Seit zwei Tagen geht das schon so. Als Erstes sind mir unterwegs die Kolonnen von Sprintern aufgefallen, die an den Wegen in den Weinbergen standen und innen drin komplett mit Mülltüten ausgekleidet waren. Ich habe mich erst gewundert, warum da so viele stehen, und dann habe ich es gesehen: In den Weinfeldern stehen Arbeiter bei sengender Hitze mit schweren Hucken, die den Wein einsammeln. Das muss eine Mörderarbeit sein. Es ist irgendwie blöd, aber da sehr viele von ihnen schwarze Hautfarbe haben, denke ich natürlich sofort, ob das wohl kein gut bezahlter Job ist und die Franzosen den wahrscheinlich eher outsourcen – so wie wir das mit unserem Spargel machen.

Jetzt morgens sieht man einfach nur die Lichter blinken.

Ich packe alles zusammen. Leider erreiche ich meinen einmal aufgestellten Rekord von einer halben Stunde irgendwie nicht mehr. Es dauert, bis all das Zeug wieder im Rucksack ist. Aber langsam wird der Himmel hell und man sieht die ersten Wolken. Das ist erst mal ein gutes Zeichen. Und so marschiere ich die ersten drei Stunden ohne Frühstück, aber bei bester Laune, die Berge hoch und die Berge runter.

Als ich meine Frühstückspause in einer kleinen Boulangerie mache, sitze ich mit Frédéric an einem Tisch draußen auf der Terrasse. Er fragt mich, wo ich herkomme, und ich sage: „Aus Deutschland.“ Ich glaube, genau darauf hat er gewartet, denn sofort kommt: „Hallo, wie geht’s? Sehr gut. Ich mag das. BMW, Mercedes.“ Es stellt sich heraus, dass er in den 80er-Jahren mal in Stuttgart gearbeitet hat, in einer Autofabrik. Und ich glaube, er sagt mir gerade alles, was er auf Deutsch noch weiß: „Das Essen schmeckt sehr gut. Das Wetter ist schön. Ich liebe Lederhosen. Deutsche Würstchen gut.“ Ich muss ein bisschen lachen. Ich glaube, genauso mache ich das auch auf Französisch – nur halt ohne Lederhosen, sondern einfach nur: „Hallo, ich heiße Florian. Ich spreche nur ein bisschen Französisch. Ich komme aus Düsseldorf. Ich gehe nach Santiago. Es ist sehr heiß“ und so weiter. Es ist auf jeden Fall ein lustiges Gespräch. Er sitzt mit seinem besten Freund an dem Tisch und erzählt ihm natürlich sofort, dass ich zu Fuß nach Santiago laufe. Dann kommt noch ein Freund und dem erzählt er es auch, und alle schütteln mir die Hand.

Dann erzählt er mir, dass er gar nicht mehr arbeitet. Er hätte 25 Jahre hier eine Kneipe gehabt, aber jetzt hat er keine Lust mehr. Jetzt macht er einfach gar nichts mehr. Ich frage ihn, ob er jetzt jeden Morgen mit seinem Freund Kaffee trinken geht, weil ich das mit meinem Freund auch mache. Da lacht er und sagt: Ja, er macht nur das. Er macht jeden Tag die Tour. Und dabei deutet er auf die Kneipe auf der anderen Straßenseite und sagt: Wenn hier zugemacht wird, dann gehen wir da rüber und morgen wieder hierher. Ich finde, viel besser kann man seinen Ruhestand nicht genießen. Abgesehen davon gibt es auch einfach nur die zwei Sachen in dem Dorf.

Ich verabschiede mich und es fängt an zu regnen. Natürlich bin ich wieder voll ausgerüstet, aber irgendwie wird das mit dem Regen hier nichts. Es dauert fünf Minuten, dann hat es aufgehört und ich schwitze einfach nur noch unter der Jacke. Wieder Rucksack ab, Jacke ausziehen. Ich überlege schon, wie das wohl im Herbst in Spanien sein wird. Ob ich dann auch mal eine lange Hose anhabe morgens und ob es dann total oft regnet? Vielleicht so eine Woche lang, und ich mich dann zurückerinnere an die Zeit, wo es jeden Tag so schön warm war. Denn so wird es wahrscheinlich in meiner Erinnerung sein.

Apropos Herbst: Jetzt, wo ein Wind geht und der Himmel ein bisschen bedeckt ist, merke ich, dass der Sommer seinen Zenit überschritten hat. Mir sind sie vorher gar nicht aufgefallen, aber viele Blätter sind schon gelb und werden durch den Wind über meinen Weg geweht. Ich höre melancholische Musik und irgendwie ist es genau richtig so.

Natürlich kommt die Sonne wieder raus, und das ist ja eh das Beste: Wenn es vorher geregnet hat und es dann wieder richtig heiß wird, dann dampft alles so richtig schön ein. Ich fließe fast davon. Nach meiner halbstündigen Mittags-Hängematten-Siesta will ich auch endlich ankommen. Ich bin schon so gespannt, wie das wohl in dem Kloster ist. Ob mich Mönche begrüßen? Schon sehe ich die Spitze des Klosters im Tal aufragen. Hat aber auch lang genug gedauert, es ist schon wieder fast Abend. Hoffentlich muss ich an keinem Gebet teilnehmen.

Ich laufe um die Klostermauern herum und laut Navigationsgerät soll es gleich auf der linken Seite kommen. Und da ist es auch: ein älteres Gebäude, zwar nicht in den Klostermauern – vielleicht haben sie es ausgelagert. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, aber noch zuversichtlich. Ich gehe hinein und wer hätte es gedacht: Das Kloster ist einfach nur eine Jugendherberge! Ich glaube, weil ich immer „Cluny“ und „Kloster“ im Reiseführer gelesen habe und dann „Pilgerherberge“, hat sich in meinem Kopf irgendwie eine Klosterunterkunft zusammengesponnen. Ich lande in einem ziemlich jugendherbergsmäßigen Mehrbettzimmer. Aber weil, glaube ich, einfach sonst keiner mehr in dieses Kloster geht, sondern eher in das richtige, bin ich alleine.

Also: Duschen, Wäsche waschen, aufhängen und dann raus, was essen gehen. Als ich die Tür schon verlassen habe, gucke ich noch einmal in den Raum, wo es morgen Frühstück gibt. Am Ende des Raumes steht er: ein Kühlschrank mit Eisfach und eine Mikrowelle! Sofort Planänderung: Ich gehe nicht essen, sondern zum Super U.

Und da brechen alle Dämme. Ich kaufe mir zwei Salate, eine frische Pasta mit Bolognese und Mozzarella, einen kalten Trinkjoghurt, zwei Sprudelwasserflaschen, eine Orangina-Flasche, Karamell-Popcorn und als krönenden Abschluss Ben & Jerry’s Peanut Butter Cup Eis. Es wird das Paradies! Als ich alles in den Kühlschrank und in das Eisfach einsortiere, bin ich ganz schön froh, dass ich nicht im Kloster gelandet bin. Das wollte ich mir übrigens angucken, ging aber nicht wegen irgendeiner Veranstaltung. Bestimmt hatte es aber nichts mit Peanut Butter Cup zu tun.

Schön, dass du dabei bist!

Florian

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Da bin ich

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8 Kommentare zu „Das Kloster“

    1. Alle Bilder sind wie immer toll, aber das erste Bild heute ist der Hammer🤩!
      Ein Kühlschrank,eine Mikrowelle – für uns völlig alltäglich, auf dem Jakobsweg plötzlich ein kleines Stück Luxus. Ich wünsche dir eine gute Nacht✨️

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