In vollkommener Dunkelheit irre ich um 5:30 Uhr durch Dijon zur Bushaltestelle, die mich hinter das Industriegebiet bringt. Als ich aussteige, ist es 6:10 Uhr. Ich laufe los und die Weinberge beginnen. Überall stehen Schilder, von welchen berühmten Weingütern die Reben stammen. Und weil ich nicht gefrühstückt habe, pflücke ich mir einfach eine große Handvoll Weintrauben. Aber irgendjemand von euch – ich weiß gar nicht mehr, wer – hat letztens unter einem meiner Videos kommentiert: „Du kannst doch nicht einfach in die Weintrauben reinbeißen, wer weiß, womit die gespritzt sind!“ Das geht mir jetzt pausenlos durch den Kopf und tatsächlich frage ich mich: Wird mir vielleicht ein bisschen übel? Fühlt sich mein Magen komisch an? Ich lasse das mit dem Weintraubenessen jetzt lieber, aber ein klein bisschen ärgere ich mich schon. Wenn ich es nicht gewusst hätte, hätte mein Schweinemagen es wahrscheinlich einfach ignoriert. Aber was soll’s: Im nächsten Ort gibt es eine Bäckerei und da hole ich mir erst mal was richtig Leckeres.
Doch als ich ankomme, die Ernüchterung: Sie hat bis zum 1. September geschlossen. Dieser Mist ist mir jetzt schon öfter passiert – die Franzosen haben eben auch Ferien und sind wahrscheinlich alle nach Deutschland gefahren, weil es dort viel besseres Essen gibt und die Menschen eine viel hübschere Sprache sprechen. Jedenfalls stehen vor verschlossener Tür und ich frage mich kurz, ob ich mich einfach weiter an den Weintrauben vergiften soll. Ein bisschen missmutig laufe ich weiter. Es ist erst 10 Uhr morgens, aber schon 27 Grad.
Und dann grinst mich plötzlich eine große Sonnenblume an! Ja wirklich, sie hat ein großes, lachendes Gesicht in der Mitte. Da hat sich offensichtlich jemand richtig viel Mühe gegeben. Ich wusste gar nicht, wie das funktioniert, also sehe ich mir eine Sonnenblume genauer an: Auf den Sonnenblumenkernen sitzen kleine Blütendolden, und wenn die Blume reif und fast am Verblühen ist, lassen sie sich ganz leicht mit dem Finger abkratzen. Was für ein cooles Super-Gimmick! Das wusste ich noch nicht und habe auch noch nie davon gehört. Also renne ich natürlich sofort ins Sonnenblumenfeld und male ein bisschen darauf rum. Ich überlege sogar, ob man mit einer Schablone richtig tolle Kunstwerke machen könnte. Wenn mich die Hitze nicht vertrieben hätte, würde ich wahrscheinlich jetzt noch lustige Bilder malen.
Auf meinem Weg taucht dann doch noch ein Bäcker auf. Ich kaufe mir ein großes Stück Quiche sowie eine Cola, setze mich an einen kleinen Fluss auf eine Mauer und frühstücke erst mal. Frühstück um 10 Uhr ist allerdings ein zweischneidiges Schwert: Einerseits hat man riesigen Hunger, wenn man bis dahin nichts gegessen hat; andererseits ist man danach satt und ruiniert sich die tolle Plat-du-Jour-Schlemmerei um 12 Uhr. Aber jetzt noch zwei Stunden an den verlockenden, giftigen Weintrauben vorbeizulaufen, ohne was im Magen zu haben? Das schaffe ich nicht. Weil es auf dem Mäuerchen so gemütlich ist, mache ich sogar länger Pause als geplant – was für den Rest des Weges rächt. Ich würde sagen: 10 Minuten Pause bezahlt man mit 20 Minuten Laufen in noch größerer Hitze.
Gegen 12:30 Uhr komme ich schließlich an und wie befürchtet: weit und breit keine Lust mehr auf ein Plat du Jour. Dafür meldet sich langsam der Hunger auf drei Kugeln Eis. Und weil ich natürlich höflich bin, will ich ihn nicht länger warten lassen: Ich laufe in die nächste Eisdiele und gebe ihm, was er verlangt. Meine Unterkunft liegt 29 Minuten außerhalb vom Zentrum. Deswegen hatte ich mir online vorab ein Fahrrad dort gemietet. Ich dachte mir: Schön, dann fahre ich abends noch mal entspannt mit dem Fahrtwind in die Stadt – 10 Minuten, mal was anderes als laufen.
Aber erst mal musste ich mich 29 Minuten durch die 36 Grad zur Unterkunft quälen. Dort angekommen, fragt mich die junge Dame, ob ich online gebucht habe. Ich sage Ja, sie guckt mich kurz erschrocken an, verschwindet – und kommt mit der Nachricht zurück, dass sie gar keine Fahrräder haben. Und noch nie welche hatten! Es ist wohl eine Kette: Alle anderen Häuser haben Räder, nur dieses nicht. Mein Genervtheits-Level steigt sofort auf 8. Das heißt: Ich darf jedes Mal 29 Minuten in die Stadt und bei Bullenhitze wieder zurücklaufen. Tolle Wurst. Ich überlege kurz, zu stornieren und mir was anderes zu suchen, aber egal – ich bleibe jetzt hier.
Wenigstens ist das Zimmer schön kühl. Ich packe aus und schaue, wo der nächste Supermarkt ist. Gute Nachricht: Er ist nur 23 Minuten entfernt… grrrrr.
Erst mal Wäsche waschen, auch die neuen Socken – die allerdings wieder genauso dreckig sind wie die alten. Egal, ich lasse mich jetzt nicht aus der Ruhe bringen. Nachdem die Wäsche hängt und ich geduscht bin, laufe ich zum Supermarkt. Dort besorge ich Essig, Bicarbonat und natürlich Verpflegung: leckeren Camembert, Salami, frisches Baguette, Süßigkeiten und Cola. Beim Gedankenspiel, wie ich das alles gleich nach der 23-minütigen Hitzeschlacht in meinem Zimmer anrichte, bessert sich die Laune schon wieder. Man darf sich einfach nicht aufregen – nehmen, wie es kommt. Oooohhmmm.
Das Baguette mit Gurke, Tomate und Käse ist im Anschluss das Leckerste, was ich je gegessen habe.
Danach kommen endlich Bürste, Essig und Bicarbonat zum Einsatz, denn mein Rucksack wird gewaschen. Dazu mache ich natürlich ein kleines Video. Weil ich sogar ein externes Mikrofon dabei habe, kann ich das Handy irgendwo hinstellen und filmen, wie ich schrubbe. Als der Rucksack fertig draußen zum Trocknen hängt, liege ich auf dem Bett und will mir die Videos anschauen – und super: kein Ton! Egal, ich nehme sie trotzdem, vielleicht gibt es ja noch O-Ton.
Im Großen und Ganzen war es das wohl für heute. Jetzt passiert einfach nichts mehr, außer Pool – den gibt es hier erstaunlicherweise. Und dann überlege ich mir noch was Tolles, was ich das nächste Mal mit den Sonnenblumen anstelle.
Ach und übrigens: Heute genau vor einem Monat, am 13. Juli, habe ich mein Haus verlassen. Monatstag!
Schön, dass du dabei bist!
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Herzlichen Glückwunsch zum ersten Monat!
Und zur Strecke, die Du nun schon geschafft hast.
Und dazu, daß Du der schlechten Laune heute keine Chance gelassen hast.
Und ich dachte, ich frag mal die KI, ob man Trauben aus dem Weinberg bedenkenlos essen kann…..da ist sie aber fast ausgeflippt. Sie würde selbst die im Supermarkt gekauften zuhause erstmal lange warm abwaschen.
Hab ich also keine gute Nachricht zu verkünden.
Das mit den geschlossenen Läden ist natürlich auch blöd.
Montags ist das morgens übrigens in Frankreich ganz oft so, auch außerhalb der Ferien.
Ich hoffe jedenfalls, nicht nur das Essen war lecker, sondern der Pool auch eine Freude.
Schlaf nachher schön!
vielen Dank für deine lieben Worte und das Mitfeiern des ersten Monats!haha mit der KI – man könnte fast meinen, die Trauben wären radioaktiv! 😂 Aber gut zu wissen, danke für die Warnung (und den Tipp mit den Montagen in Frankreich, das merke ich mir definitiv).
Der Pool war nach dem Tag die absolute Rettung und das Essen hat auch entschädigt.
Das sagt mein Freund, die KI zu den Läden:
https://www.google.com/search?q=l%C3%A4den+frankreich+montagmorgen&rlz=1C1GCEA_deDE1164DE1164&sourceid=chrome&ie=UTF-8&amc=1&udm=50&aep=42&cud=0&source=chrome.crn.rb&atvm=2&mstk=AUtExfCfMlWvdQkin0J4myNDDTF9pk1fEGClOUsqyKUwhvwPPPmpS3QCADUu5-a5bQHsf-JmrRSjijv1CTINih9NbDkTLeiPhncAd5RYYTbYtak6WHk6b4NG5bO2lkaNiT35wRn9Os6rqJ8YRgIvzRqNllQ-lM81kosPJ9s&csuir=1
Super, freue mich über den Tipp! Dann geht es meinem Tagesrucksack in der Weise auch bald an den Kragen; habe schon länger überlegt, wie ich erst den und danach mich wieder fit machen kann 😄
Deine Bilder machen Lust auf Frankreich ! Schönen Abend ☀️
Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Freut mich riesig, dass die Bilder Lust auf Frankreich machen. Viel Erfolg beim Rucksack-Überholen und beim Fitwerden für die nächste Tour! Dir auch einen wunderschönen Abend! 🇫🇷🎒
1 Monat schon, wie schnell die Zeit vergeht!
Das mit den Sonnenblumen werde ich mir merken, es ist doch schön, wie man mit einfachen Dingen anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
Ich wünsche dir noch einen schönen und erholsamen Abend!
Hallo! Danke für deinen lieben Kommentar. Wie wahr – oft sind es genau diese kleinen Gesten, die den Tag verschönern! Dir auch einen wunderschönen Abend! ✨
Was für ein Tag! Der 13.!!! Schon einen Monat unterwegs👏Ein gereinigter Rucksack….gut dass man die Erinnerungen nicht weg schrubbt😉 Ein neu geborener Sonnenblumen-Künstler (unbedingt dabei bleiben) , ich habe mir das Sonnenblumenherz in meinen Fotos gesichert , zu meinem Geburtstag! Viel Freude am heutigen freien Tag. Und ja…schön, dass Du uns mitnimmst❤️
Für einen hier und da durchwachsenen Tag, siehst Du dann ganz zufrieden aus 😊
Super Idee mit den Sonnenblumen. Happy Faces!
Herzlichen Glückwunsch zu einem Monat auf dem Camino. Verrückt, was Du schon alles erlebt hast! Und tausend Dank, dass Du uns mit auf die Reise nimmst! Buen Camino ✨️✨️✨️