Grand Cru

Heute ist also Pausentag. Ich könnte natürlich jetzt den ganzen Tag in meiner – exakt 29 Gehminuten von der Innenstadt entfernten – Unterkunft bleiben und absolut gar nichts machen. Schließlich habe ich ja kein Fahrrad. Aber genau aus diesem trotzigen Grund laufe ich jetzt zum Frühstücken in ein kleines Café nach Beaune. Ich lasse mir doch von einem fehlenden Drahtesel nicht vorschreiben, wo ich zu bleiben habe!

Und was soll ich sagen? Es war die beste Entscheidung des Tages. Los geht es in einem süßen kleinen Café mit einem echten französischen Frühstück: Croissant, Kaffee, Orangensaft und ein Joghurt. Ich bestelle voller Selbstbewusstsein alles auf Französisch – bis die Bedienung etwas nachfragt und ich mit einem herzhaften, überzeugten „Oui!“ antworte. In der Hoffnung, dass es schon irgendwas Richtiges gewesen sein wird. Sie guckt mich leicht irritiert an und fragt dann auf Englisch, ob ich lieber noch ein Ei oder ein bisschen Baguette zum Frühstück möchte. Ich sage profimäßig „Bien sûr, Baguette!“ und verziehe mich schnell an meinen kleinen Tisch.

Danach steht Kultur auf dem Plan: Ich habe eine englische Führung im berühmten Hôtel-Dieu gebucht. Das Stifter-Ehepaar Nicolas Rolin und Guigone de Salins hat dieses Krankenhaus im Jahre 1443 gegründet. Es sollte umwerfend schön werden – allerdings nicht nur aus reiner Barmherzigkeit, sondern vor allem, weil die beiden fest daran glaubten, dass sie sich damit ein First-Class-Ticket in den Himmel sichern. Und schön ist es wirklich! Die bunten, glasierten Dächer, das imposante Fachwerk – alles noch original aus dem 15. Jahrhundert. Fast 600 Jahre alt, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Zuerst kommen wir in den großen Krankensaal. Dort stehen 30 Betten aufgereiht. Die sind allerdings nicht mehr von 1443, weil Betten aus dem Spätmittelalter sich verständlicherweise nicht ganz so lange halten. Was mich aber wirklich umhaut: Das Krankenhaus war bis 1970 im aktiven Betrieb! Früher lagen immer zwei Personen in einem Bett. Das hatte den praktischen Nebeneffekt, dass man sich viel schneller gegenseitig anstecken konnte – aber vor allem den Grund, dass man die riesigen Hallen im Winter schlicht nicht heizen konnte. Man teilte sich also die Körperwärme.

Als wir dann in die historische Apotheke des Krankenhauses kommen, wird mir endgültig klar: Es muss die absolute Hölle gewesen sein, im Mittelalter krank zu werden. Es wurden einfach die abenteuerlichsten Sachen zusammengemischt – oft mit reichlich Betäubungsmitteln, aber auch gerne mal Pflanzen, die zufällig eine bestimmte Farbe hatten. Rot zum Beispiel, das sollte logischerweise gegen Blutverlust helfen. Manchmal hat es gewirkt, manchmal ist man halt gestorben. Auch Operationen waren reine Glückssache: 30 % Überlebenschance, 70 % Tod – hauptsächlich, weil Händewaschen und Desinfektion damals noch als neumodischer Schnickschnack galten.

Auf dem Gelände gab es außerdem einen riesigen Weinkeller. Da fragt man sich natürlich: Warum um alles in der Welt hat ein Krankenhaus einen Weinkeller? Ganz einfach: Wein galt damals als erheblich gesünder und gefahrloser als Wasser, weil das Brunnenwasser oft so verseucht war, dass die Menschen reihenweise dahingesiecht sind. Prost Gesundheit!

Weil mir von den ganzen medizinischen Schauergeschichten jetzt schon leicht schlecht ist, fordere ich mein Schicksal direkt weiter heraus und bestelle mir eine üppige Portion Moules Frites – also Miesmuscheln mit Pommes. Nachdem auch das überstanden ist, geht mein strammes Kulturprogramm weiter. Hier im Burgund dreht sich schließlich alles um den Rebensaft, also besuche ich den größten Weinkeller der ganzen Gegend.

Das Traditionsgut Patriarche besitzt eine gigantische, vier Kilometer lange Kelleranlage aus dem Jahr 1780. Die hat der Gründer damals günstig von den Nonnen eines aufgelösten Klosters abgestaubt. Die gewölbten Räumlichkeiten sind einfach perfekt temperiert, um Wein einzulagern. Man darf völlig selbstständig durch die endlosen Gänge schlendern und in der Mitte wartet das Highlight: eine Verkostung von sechs verschiedenen Weinen. Dort lerne ich auch die feinen Qualitätsunterschiede kennen. Eine Regel habe ich mir für immer eingebrannt: Grand Cru ist das aller, aller Beste!

Ich frage den Guide verblüfft, ob all die unzähligen Staubfänger hier unten wirklich noch mit Wein gefüllt sind. Er nickt stolz: Das sei der eiserne Bestand. Viele Flaschen lagern hier seit Jahrzehnten. Es gibt sogar so eine Art kleines Schatz-Gefängnis hinter Gittern: Dort steht eine Gedenktafel für die „Cuvée Nicolas Rolin 1994″ – im Dezember 1995 wurden 1.050 Flaschen dieses Jahrgangs auf drei vergitterte kleine Kammern verteilt, jeweils 350 Flaschen pro Kammer. Und jede Kammer hat ihr eigenes Öffnungsdatum: Die erste wurde bereits 2020 geöffnet, die zweite folgt 2050, und die dritte und letzte erst im Jahr 2094 – fast genau hundert Jahre nach der Einlagerung. Schön. Die letzte Öffnung erlebe ich garantiert nicht mehr, aber die Vorstellung ist wie aus einem Film.

Leicht beschwipst, extrem entspannt und mit einer leichten Schlagseite torkele ich schließlich bei geschmeidigen 36 Grad die 29 Minuten zurück zu meiner Unterkunft. Jetzt heißt es nur noch: Beine hoch, waagerechte Position einnehmen und ab an den Pool!

Schön, dass du dabei bist!
Dein Florian

 

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5 Kommentare zu „Grand Cru“

  1. Wenn das mal nicht zu neuen Gecshichten inspiriert?! Vielleicht eine Geistergeschichte im Weinkeller?!

    Klingt nach einem schönen Pausentag 🤩

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