Ich bin immer noch ein wenig verdutzt und sitze hier auf einer Bank und denke über die Begegnung nach, die ich gerade hatte.
Aber von Anfang an: Ich habe neben meinem Pilgerreiseführer, der den Weg auch über GPS als rote Linie anzeigt, eine Funktion, bei der man sich verschiedene POIs einblenden lassen kann (Points of Interest). Dort wurde auch das kleine Dorf Saint-Maurice-les-Ombres angezeigt, von dem ich gerade komme und das nur ungefähr 300 Meter von meiner Route entfernt war – also ein kurzer Abstecher, den ich in Kauf nehmen wollte.
Also: Nach drei Stunden Wanderung am Morgen durch eine herrliche Landschaft komme ich an dem Abzweig vorbei, wo es zum Dorf gehen soll. Komischerweise zeigte keine Wegmarkierung dahin und auch kein Ortsschild, auf meiner Karte ist es aber deutlich als POI markiert. „Also selbst wenn es falsch ist, es sind ja nur 30 Minuten Umweg“, denke ich und gehe los.
Der Weg führt einen Hügel rauf und als ich oben auf der Kuppe stehe, kann ich schon die ersten Häuser sehen. Also runtermarschiert! Vor einer Biegung komme ich noch an einer alten Holzbank vorbei, die an einer Stelle ganz blank, ansonsten schon recht verwittert ist. Ich mache mir nicht weiter Gedanken, biege um die Ecke und gehe durch ein Tor in der Mauer hinein, die die Stadt umgibt.
Komisch, es ist gar nichts los. Vielleicht liegt es an der Hitze, aber irgendwen sieht man eigentlich immer. Hier ist aber alles wie ausgestorben. Plötzlich läutet eine Glocke aus der kleinen Kapelle mit altem Friedhof. Ich erinnere mich an meine erste Freundin: Sie hat auch in einem Dorf gewohnt und dort gab es ebenso eine Glocke. Im Dorf wurde sie nur das „Klipperglöckchen“ genannt und hat nur geläutet, wenn irgendwer gestorben ist.
Es zieht mich mal wieder zum Friedhof. Ich habe schon ein paar Bilder von Kreuzen auf meiner Reise gemacht. Aber als ich vor der Friedhofsmauer stehe, glaube ich, jemanden gesehen zu haben. Obwohl mein Interesse, auf den Friedhof zu gehen, groß ist, beschließe ich doch zu schauen, wer hier noch lebt – einfach, weil ich neugierig bin. Ich laufe in die Richtung, in der ich die Bewegung wahrgenommen habe, aber da ist nichts. Auch in dem nächsten Gässchen sehe ich keine Menschenseele.
Jetzt wird es auch schon wieder ganz schön warm, also beschließe ich, mich wieder auf den Weg zu machen, denn es liegen ja noch gut 8 km vor mir. Den Friedhof lasse ich mal aus, auch wenn es mich schon interessiert hätte.
Also wieder durch den kleinen Torbogen zurück, um die Biegung, nach der die Bank kommt – und dann bleibe ich wie angewurzelt stehen: Auf der Bank sitzt eine alte Frau. Zierlich – eine typische französische Oma, denke ich. Wahrscheinlich war sie es auch, die ich aus den Augenwinkeln gesehen habe.
Ich war schon fast vorbeigelaufen, da sagt sie: „Tu es allé au cimetière ?“
Ich natürlich sofort: „Je parle seulement un petit peu de français“, lächle sie an und ziehe entschuldigend die Schultern hoch.
„Warst du auf dem Friedhof?“, fragt sie unvermittelt in gebrochenem Deutsch. Verdattert bleibe ich stehen. Nicht nur, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass sie plötzlich meine Sprache spricht – was in Frankreich nicht so oft vorkommt –, sondern auch wegen der Frage: Hat sie mich vielleicht vor der Friedhofsmauer stehen sehen? Oder wie kommt sie jetzt ausgerechnet auf diese Frage?
Ich verneine, und als sie mich ansieht, fallen mir zum ersten Mal ihre Augen auf. Wenn man mich nach der Farbe fragen würde, könnte ich es nicht sagen. Es gibt keinen Ausdruck für diese Farbe, denn sie ist unter einem milchigen Schleier verschwunden. Obwohl die Pupillen auf mich gerichtet sind, scheinen sie keinen Haltepunkt zu finden – ja, sie sind ziellos wie Nebel, ohne noch etwas zu suchen.
Ihre dünnen Lippen, die mir gerade noch elegant und fein schienen, verziehen sich zu einem nicht mehr an ein Lächeln erinnernden Halbmond und wirken wie ausgedörrt. Ein zerbrechliches Seufzen knarzt aus ihrem Mund, und dann fängt sie an zu erzählen – ohne jeden Funken in den Augen:
„Jean war der Erste, der es bemerkte. In die Mauer hinter den alten Steinkreuzen auf dem Friedhof, wo er und seine Freunde oft Verstecken spielten, war etwas hineingeraten. Ganz klein und unscheinbar. Es sah aus wie ein Flummi, der aus Versehen zwischen die Fugen gehüpft und dort stecken geblieben war.
Neugierig ging Jean hin und betrachtete sich das merkwürdige Ding genauer. Es schien leblos zu sein, und doch war es nicht tot – das spürte er. Sein Interesse war geweckt und vorsichtig streckte er die Hand nach vorne. Nur mit einem Finger berührte er das Ding. Und da begann es zu leben. Oder besser gesagt: Es begann zu atmen.
Jeans Herz begann schneller zu schlagen und auch das Ding atmete schneller – so, als würde Jeans Herzschlag der Atem des Dings sein. Denn als sich die erste Aufregung in dem Jungen gelegt hatte, wurde auch das Ding wieder ruhiger. Es war so interessant. Jean bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und blieb bestimmt eine Stunde mit dem Finger auf dem Ding vor der Kirchhofsmauer stehen. Dann läuteten die Glocken. Er schreckte auf und rannte nach Hause …“
Die alte Frau machte eine kurze Pause, so als hätte sie das Interesse am Weitererzählen verloren.
„Ja, und was ist mit Jean passiert?“, fragte ich.
Ihr Blick hob sich, ohne etwas zu suchen. Dann erzählte sie weiter, und ihre Stimme klang wie Herbstlaub im November:
„Jean dachte die ganze Nacht an das Ding. Was es wohl machte, wie es ihm wohl ging … sein Interesse war riesig. Als der nächste Tag anbrach, ein Sonntag, ging er nicht wie sonst üblich zu seinem besten Freund Paul, um Überlebenstraining zu spielen. Er rannte sofort auf den Friedhof und blieb wie angewurzelt stehen: Das Ding in der Wand war über Nacht gewachsen. Es hatte jetzt nicht mehr nur die Größe eines Flummis – nein, es hatte die Größe eines Tennisballs. Nur atmen tat es nicht mehr.
Jean hatte Angst. War es tot? Zu schnell, um noch ehrfürchtig zu sein, ging er hin und legte seine Hand darauf. Das Ding nahm einen tiefen Atemzug, wurde schneller – genau wie Jeans Herz – und beruhigte sich wieder mit ihm.
Jetzt verging kein Tag mehr, an dem Jean nicht die Gelegenheit fand, heimlich zu dem Ding zu schleichen. Aber es verging auch kein Tag, an dem ihm nicht auch ein Interesse abhandenkam. Erst ganz unbemerkt. So versuchte er zum Beispiel nicht mehr, aus den Stängeln von Zwillingskirschen in seinem Mund einen Knoten zu machen. Oder er zählte nicht mehr die Güterwaggons, die jeden Nachmittag von der Diesellok an der Bahnschranke vorbeirauschten. Doch was machte das schon? Denn jedes Mal wurde das Ding größer und lebendiger.
Seine Freunde sagten plötzlich Sachen wie: ‚Mensch Jean, du bist so langweilig!‘ Aber das machte ihm nichts aus. Eines Tages verabredeten sie sich und schlichen Jean nach, als er wieder einmal nicht mit zum Bolzplatz wollte.“
Die alte Frau hielt wieder inne. Nur um irgendetwas zu sagen, meinte ich: „Ich war früher auch immer auf dem Sportplatz, Fußball hat mich schon immer interessiert.“
Für einen kurzen Moment schien es, als würde sich der Schleier über ihren Augen heben und etwas tief aus ihrem Inneren sich hochkämpfen wollen. Heraus kam aber nur ein „Ich“, das so hohl klang, als wäre es schon gar nicht mehr in ihr. Ihre Augen suchten weiter, ohne Halt zu finden.
„Haben die Kinder denn ihren Freund gefunden?“, fragte ich.
„Sie fanden das Ding“, sagte sie. „Einer nach dem anderen. Zuerst sahen sie Jean, wie er wie immer regungslos vor der Friedhofsmauer stand. Seine Hand ruhte ausgestreckt auf einem medizinballgroßen Ding, das pulsierte, als würde es atmen. Aurélie traute sich zuerst und legte ihre Hand neben die von Jean auf das Ding. Dann Marie-Claude, Maurice und die lustige Babette. Spät erst kamen die Kinder nach Hause und bekamen natürlich ordentlich Ärger. Aber das interessierte sie nicht, denn morgen wollten sie wieder hin zu dem Ding.
Und weil Kinder natürlich nicht gut etwas verheimlichen können, standen bald auch die Eltern auf dem Friedhof. Bis schließlich das ganze Dorf jeden Tag im Kreis um das Ding stand. Das Dorf jedoch verwahrloste, denn keiner hatte mehr Interesse daran, es sauber zu halten oder sich umeinander zu kümmern.
Und dann läutete das Klipperglöckchen das erste Mal: Als die kleine Tochter, gerade erst geboren von Maurice und Babette, verhungerte. Es gab nicht mehr genug Interesse, als dass sie hätte überleben können. Ja, die Menschen verloren sogar das Interesse am Essen und Trinken, und so stand das ganze Dorf ausgemergelt vor dem Riesending, das pulsierte, und wechselte sich ab, es zu berühren.
Doch dann plötzlich, als Maurice es berührte, hörte das Ding auf zu atmen. Und da klingelte das Klipperglöckchen das zweite Mal. Denn ohne Interesse kann niemand leben.“
„Aber Sie leben doch!“, sagte ich mit versteinerter Stimme.
„Ich musste all die Jahre das Klipperglöckchen läuten. Das war meine Aufgabe, seit meine Mutter gestorben war und ihre Mutter vor ihr. Jedes Mal, wenn jemand starb, musste ich zur Kapelle und läuten, damit das Dorf es wusste. So war es immer gewesen, so hatte man es mir beigebracht, so hatte ich es angenommen, ohne groß zu fragen. Ich hatte keine Zeit für das Ding. Ich war zu beschäftigt mit dem Sterben der anderen, um mich selbst dafür zu interessieren. Erst läutete ich einmal die Woche. Dann jeden Tag. Dann mehrmals am Tag, bis meine Arme schmerzten und ich das Seil kaum noch halten konnte. Bis irgendwann niemand mehr da war, der noch sterben konnte.“
Sie schwieg. Ihre Hände, die während der ganzen Erzählung reglos in ihrem Schoß gelegen hatten, begannen leicht zu zittern.
„Und jetzt?“, fragte ich, obwohl ich fast Angst vor der Antwort hatte.
„Jetzt“, sagte sie, und zum ersten Mal huschte etwas wie ein echtes Lächeln über ihr Gesicht – dünn und flüchtig wie Rauch –, „jetzt läutet niemand mehr. Und ich habe plötzlich Zeit.“
Sie sah dabei nicht mich an. Sie sah durch mich hindurch, zum Torbogen, zum Dorf dahinter.
Ich weiß nicht, wie lange wir so dasaßen – sie mit diesem Blick, ich mit meinen Fragen, die ich nicht mehr zu stellen wagte. Irgendwann stand sie auf, so mühsam, als wären ihre Knochen aus trockenem Holz, und ging.
Ich sah ihr nach, wie sie mit kleinen, unsicheren Schritten auf den Torbogen zuging. Und da überkam mich dieses Gefühl, das ich von zu Hause kannte, wenn man einem alten Menschen beim Überqueren einer Straße zusieht.
Ja, und so sitze ich jetzt hier. Ich werde besser nachsehen gehen, nicht dass etwas passiert. Ist ja nun wirklich nicht so lang, der Umweg … und außerdem interessiert es mich.
Schön, dass du dabei bist.
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Was für eine Geschichte … das war bestimmt eine Begegnung, die noch lange in dir nachhallt.
Ich freue mich, dass du auf deiner Reise so viele gute Begegnungen und Erlebnisse hast.
Weiterhin nur das Beste für deinen Weg 🤗
Hu…..da werde ich froh sein, wenn heute wieder ein Video kommt, in dem Du Interesse hast am Wandern und der Landschaft und den Menschen und dem frei zugänglichen Obst und Baguette, Salami und Käse!
Dann werde ich beruhigt sein.
😉