36 Grad

Mein Wecker klingelt, was für mich wirklich ungewöhnlich ist, weil ich mir eigentlich nie einen Wecker stelle. Und zwar um 4:45 Uhr – bist du irre! Heute soll es nämlich 36 Grad werden, und 36 Grad mit 11 Kilo auf dem Rücken ohne Schatten machen mir schon ein bisschen Angst.

Also trotzdem irre alles eingepackt und um 5:15 Uhr stehe ich auf der Straße und laufe durch die noch recht kühle Dämmerung. Ich habe nämlich gestern beim Recherchieren herausgefunden, dass es drei Arten von Dämmerung gibt: die meteorologische Dämmerung, die nautische Dämmerung und die bürgerliche Dämmerung. Ich bin in der nautischen draußen – also dann, wenn der Bürger noch nicht merkt, dass überhaupt Dämmerung ist.

Ich laufe und laufe und laufe und irgendwann denke ich mir: Komisch, das kommt dir ein bisschen bekannt vor. Oh nein, was für eine Scheiße! Ich bin in die falsche Richtung gegangen und bin jetzt an dem Punkt, wo ich gestern in die Stadt reingekommen bin – der genau auf der entgegengesetzten Seite von dem Punkt liegt, der aus der Stadt hinausführt. Ich ärgere mich schwarz. Zum Glück sieht es keiner, ist ja immer noch nautische Dämmerung. Obwohl, gerade wird es zur bürgerlichen Dämmerung.

Also laufe ich wieder und komme nach knapp 20 Minuten wieder an meiner Unterkunft vorbei. So ein Scheiß! 4:45 Uhr aufgestanden und dann läuft der Blödi in die falsche Richtung und hat gar nichts an Zeit gespart. Egal, also weiter geht’s.

Als ich aus der Stadt raus bin, geht hinter mir die Sonne auf und ich bin glücklich. Nicht einfach so, wie man das so sagt, sondern wirklich glücklich. Das passiert ja immer nur ganz kurz und dann ist es schon wieder vorbei, aber so ein kurzer Moment war da mal.

Im nächsten kleinen Dorf gibt es die beste Erfindung überhaupt: einen Baguetteautomaten. Ich habe zwar noch ein altes Brot im Rucksack und so richtig traue ich dem Braten nicht, aber ich werfe 1,50 € rein und raus kommt ein richtig warmes, knackfrisches Baguette. Mein altes Brot muss leider auf der Parkbank liegen bleiben – für die Tauben, hoffe ich.

Um 10 Uhr habe ich tatsächlich schon 20 km geschafft. Aber weil auf meiner Strecke jetzt kein Lebensmittelladen mehr kommt, muss ich einen kleinen Umweg von 1,5 km in das nächstgrößere Dorf machen und dann wieder zurück. Klingt erstmal nicht so spektakulär, aber jetzt um 10 Uhr sind es schon 27 Grad. Für 3 km + Einkaufen braucht man bestimmt noch mal eine Stunde bei 30 Grad. Und weil ich neugierig bin, brauche ich sogar eineinhalb Stunden. Denn in Vaucouleurs – so heißt das kleine Dorf – ist nämlich das allererste Mal Jeanne d’Arc aufgetaucht. Deswegen gucke ich mir auch noch die Überreste der Burg an, wo sie als 16-jähriges Mädchen vor der Marienstatue in der Kapelle oft gebetet haben soll.

Zurück auf meinem Weg sind es 31 Grad. Ich habe nur noch 8 Kilometer vor mir, aber die sind der Horror. Sie führen an der wunderschönen Meuse lang, aber halt komplett ohne Schatten. Ich denke mir: Naja, dann springe ich einfach mal schnell in die Meuse. Aber alle Flussgrundstücke sind irgendwie belegt und eingezäunt und die Sonne brennt. Irgendwann krieche ich durch einen Zaun und durch Seerosen und liege im Fluss. Was für eine schöne Abkühlung! Nach 4 km, aber vier kommen noch.

Am Anfang geht es, weil ich ja schön abgekühlt bin, aber dann wird es wieder heiß und lang. Ich denke an Menschen in der Wüste, die ihren Urin trinken, und frage mich, ob der nicht sehr salzig ist. Ich habe Angst vor einem Hitzeschlag und in den Fluss komme ich immer noch nicht wieder rein.

Kurz vor meinem Ziel – also wirklich kurz davor, 100 m – flüchte ich mich in eine kleine Kapelle und liege erstmal 20 Minuten auf den Kirchenbänken rum. Ich glaube, das hat mich davor bewahrt, meinen Urin zu trinken. Dann klingele ich noch an der nächsten Haustür und bekomme Wasser: 3 Liter.

An der ersten Brücke hinter dem Dorf ist mir alles egal: Ich baue mein Zelt auf und auch meine Hängematte und ab rein in den Fluss. Um 3 Uhr mittags bei 37 Grad vegetiere ich ein bisschen bzw. ganz schön vor mich hin. Das ist irgendwie ein bisschen das Blöde an heißen Tagen: Man muss früh los, man ist früh da, man kann aber nicht mehr viel machen. Das finde ich so mittelspannend.

Jetzt ist allerdings schon der frühe Abend, noch vor der bürgerlichen Abenddämmerung, und die Welt wird wieder ein bisschen milder. Gegessen habe ich auch und all meine Sachen im Fluss gewaschen – natürlich ohne Waschmittel, aber der Staub und der Schweiß gingen ja trotzdem raus.

Jetzt trinke ich noch mal was.

Schön, dass du dabei bist!

Florian

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5 Kommentare zu „36 Grad“

  1. Bravo! Es ist beeindruckend wie du über die Karte wanderst ! Und das alles aus vielen einzelnen Schritten zusammengesetzt ☀️🥾🥾☀️ Bravo!
    Buen Camino ☀️

  2. Mein Lieber,
    ich wollte endlich nur mal kurz vorbeischauen, mich über Deinen Stand-Wander-Hänge-Ort informieren – und habe die letzte Stunde mit Dir und Deinen fabelhaften Berichten und Geschichten verbracht.
    So schön! So nahbar!
    So voll mit dabei!
    Danke für’s Mitnehmen!
    Ich wünsche Dir einen zauberhaften und beglückenden Tag, mögen Schatten, Erdbeereis und Baguettes spendende Bäume Deinen Weg säumen!

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