Brief an das wilde Kind

Heute möchte ich dir einen Brief schreiben. Ich habe gehört, dass es nicht mehr lange dauert, bis du aufbrichst in die Welt. Wenn ich dich jetzt so sehe, denke ich: Es ist genau das Richtige.

Ich kann mich noch gut erinnern, als du ein Junge warst. Du warst wirklich ein wildes Kind – so wild, dass sie dir in der Schule manchmal eine Jacke über den Kopf gehängt haben, damit du endlich still bist. Ich denke, das würde man heute nicht mehr so machen. Auch bist du in jedes Wasser hineingefallen, an dem du vorbeigegangen bist. Oder du hast in der Neubausiedlung, in der deine Tante wohnte, Aufzüge zwischen den Etagen angehalten und bist hinausgeklettert.

Ich kann mich auch noch erinnern, dass du beinahe mal aus dem Zug geflogen wärst, weil du als Zwölfjähriger während der Fahrt die Tür aufgemacht hast. Sie wurde durch den Fahrtwind aufgerissen und du hast sie im letzten Moment losgelassen. Deine Oma hat mal gesagt: „Wenn man den Jungen rausschickt, dann kommt er immer mit Geld zurück.“ Und du hast mir mal erzählt, wo du überall Geld gefunden hast: in Telefonzellen unter dem Kasten, in Zeitungsspendern, wo die 10 oder 20 Pfennig manchmal daneben fielen, und unter den Gittern der Zigarettenautomaten.

Alleine zu spielen, ist dir immer schwergefallen. Dafür konntest du stundenlang mit einem Freund durch die Wälder rennen und Überlebenstraining spielen. Du hast sogar mal mit deiner Schwester Messerwerfen gespielt, indem du sie an die Tür gestellt und ein echtes Messer geworfen hast. Nicht, weil du sie verletzen wolltest, sondern weil du einfach Messerwerfer sein wolltest – und deine Schwester hat mitgemacht, weil du sie so begeistert hast.

Ich weiß auch noch, wie dein Weinen aufhörte, als deine kleine Schwester starb. Seitdem gab es für dich nichts mehr, was Weinen gerechtfertigt hätte. Dann bist du Industriemechaniker geworden. Du hast es gehasst und bist ausgezogen. Du hast in Altpapiertonnen geschlafen, weil du zu faul warst, nach Hause zu laufen, und hattest dabei Angst, ausgekippt zu werden.

Du hast einen Club in Berlin eröffnet. Du hast ihn so schön und besonders gemacht, dass alle sich wie Könige fühlten. Du wolltest König werden und Archäologe. Dein Opa war traurig, dass du doch kein Archäologe wurdest – stattdessen bist du Schauspieler geworden. Ein Beruf, bei dem du wieder Überlebenstraining mit Freunden spielen konntest.

Du warst einfach ein wildes Kind. Und weißt du was? Das bist du immer noch. Ruhiger vielleicht, ein bisschen nachdenklicher. Und genau deshalb ist es gut, dass du gehst. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass diese Reise dich beschenkt und vor allem, dass du dir selbst wieder begegnest.

Versteck es nicht, das wilde Kind. Geh spielend durch die Welt und denk nicht daran, wie man es machen „sollte“ – sondern mach es einfach. Das wünsche ich dir. Viel Glück auf deiner Reise bis irgendwann.Ich bin da.

Ach, eines will ich dir noch sagen: Fall nicht zu oft ins

Wasser.

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