900 hm

Also los geht es erst mal. Bekommen wir doch glatt noch von den zwei netten Damen ein köstliches Frühstück gemacht. Ich hebe meinen Rucksack hoch. Ich frage mich, warum der eigentlich so verdammt schwer ist. Irgendwie bin ich immer noch ganz schön schwach, aber egal. Jetzt müssen wir erst mal in die Kirche und mit den zwei netten Damen „Ultreïa“ singen. Es ist eigentlich eine ziemlich absurde Situation. Wir stehen zu viert in der Kirche, wir mit Rucksäcken, und singen auf Französisch ein Lied, das wir nicht kennen, aber von kleinen Zetteln ablesen, zusammen mit zwei sehr inbrünstigen Frauen. Und dann geht es auch schon los. Das Gute am Jakobsweg ist ja, dass man viel rauf und runter läuft, was nicht so schlimm ist. Nur wenn man eine Dreiviertelstunde auf einen Berg raufgelaufen ist und oben steht dann eine kleine Kapelle, die zu ist, und dann läuft man den gleichen Berg wieder runter – dann denkt man: Wir hätten doch auch unten lang gehen können, dann wären wir nicht so verschwitzt und schon weiter. Aber leider ist das halt immer ein bisschen ein Glücksspiel: also entweder richtiger Berg oder heiliger, sinnloser Berg mit Kapelle. Ja, heute geht es wirklich nur hoch und gegen Mittag sind wir froh, dass wir an einem Dorf vorbeikommen, wo es was zum Mittagessen gibt. Es ist auch nur ein kleiner Berg nach unten und der hat sich sowas von gelohnt – denn in dem Dorf ist alles zu. Und bevor Sebastian hangry wird, packe ich schnell Salami und Nutella-Sticks aus. So köstlich! Na ja, gut, dass wir jetzt mal wieder einen Berg sinnlos hochlaufen, um wieder auf unseren eigentlichen Weg zu kommen. Bei uns macht sich langsam etwas Panik breit, denn in dem Dorf, wo wir übernachten werden, gibt es nur so was wie einen Lebensmittel-Kiosk. Aber der hat nur mittwochs, freitags und sonntags auf, und zwar von 10–12 Uhr. Wir stellen uns schon vor, wie wir uns die letzten verbliebenen Haribos teilen und zum Abendessen abwechselnd daran lutschen. Doch als wir ankommen, erwartet uns schon eine nette Dame, schließt uns die Unterkunft auf, Sebastian bekommt auch seinen zweiten Stempel und dann schließt sie extra für uns auch den Lebensmittel-Kiosk auf. Wir sind super, super froh, dass wir das mit den Haribos nicht machen müssen. Wir kaufen Nudeln, Tomatensauce, Käse, Baguette und Eier und sind somit für heute Abend und morgen früh ausgestattet. Haribos haben wir ja noch! Dann kocht Sebastian, ich wasche Wäsche und hänge sie auf, und nun sitzen wir zufrieden im Garten unserer Unterkunft. Sebastian liest sein Buch, das ihn zum Tai-Chi-Meister macht, und ich liege in der Hängematte und schreibe euch. Ich hoffe sehr, dass ich morgen wieder auf dem Damm bin, denn nach den 900 Höhenmetern heute fühle ich mich echt geschlaucht – und die Toilette ist immer noch mein bester Freund (gleich nach dem Tai-Chi-Meister Sebastian).

Schön, dass du dabei bist, Florian

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3 Kommentare zu „900 hm“

  1. Daß der beste Freund dabei ist
    (und ich heule immer noch jedes Mal, wenn ich erzähle, wann beim Abschiedsgalaabend bei mir die bis dahin tapfer stabil gehaltenen Dämme brachen),
    ist einfach nur schön.
    Den anderen besten Freund kannst Du hoffentlich bald wieder auf die Liste der guten Bekannten verschieben.
    Das braucht man ja nun wirklich nicht!
    Schon gar nicht, wenn immerzu Strecke und Höhenmeter anstehen.
    Liebe Grüße an Sebastian!
    Und immer eine Packung Haribo in der Vortasche!!
    LG

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