Eigentlich war es ein Tag wie jeder Tag. Lucas spielte mit seinem besten Freund Georg Gleichgewichtskampf auf einem alten Baumstamm, der in der Mitte des Spielplatzes des Kindergartens lag und bei Regen ganz schön glitschig werden konnte. Das Spiel ging folgendermaßen: Als Erstes musste man sich einen starken Helden aussuchen. Lucas war Zorro, der unsichtbare Rächer, und Georg wie fast immer der grüne Hulk.
Nun betrat jeder den Baumstamm von den entgegengesetzten Seiten. Man ging bedächtig und heldenhaft aufeinander zu. Dann wurde eine Hand hinter den Rücken gelegt und die andere reichte man dem Kontrahenten. Dann wurde bis drei gezählt und dann versuchte man mit Finten, Überraschungsangriffen, Zerren rechts, Zerren links seinen Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bis dieser ins Verderben vom Baumstamm runter und schmählich auf dem Boden der Tatsachen landen würde.
Zorro fühlte sich heute unbesiegbar und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ein überraschender Riss an der Hand vom Hulk, gefolgt von einem schnellen Nachlassen der Spannung, das grüne, große Monstrum ins Wanken brachte und er unaufhaltsam in den Abgrund taumelte. Leider kam der unbesiegbare Hulk so unglücklich auf dem Boden auf, dass er sich seinen Fuß derart verrenkte, dass sofort ein völlig unheldenhaftes Gewimmer und Geschrei losbrach. Hulk war verschwunden und nur noch ein Häufchen elendiges Georg saß auf dem Boden und schrie und brüllte aus Leibeskräften.
Auch der unsichtbare Rächer verwandelte sich in Sekundenschnelle in den sehr sichtbaren Lucas, der auch sofort rote Ohren bekam und auf die Ankunft des Endgegners in Gestalt von Frau Maiwald wartete – eine betagte und ebenso strenge Leiterin der Leberwurstgruppe im Kindergarten.
Jetzt würde es Ärger geben, auch wenn es unbeabsichtigt war. Der verknackste Fuß ließ sich nicht rückgängig machen und noch viel weniger das ohrenbetäubende Geschrei von Georg. Um sich den Anblick der wütenden Augen von Frau Maiwald zu ersparen, drehte sich Lucas auf dem Baumstamm um und harrte mit dem Rücken der Dinge, die da kommen mochten. Ein Hauch von Zorro war bereit, die Strafe mit Würde entgegenzunehmen, auch wenn Lucas überhaupt gar keine Lust darauf hatte. Höchstwahrscheinlich musste er sich langweilige 30 Minuten in eine Ecke stellen oder, was noch schlimmer war, abkommandiert werden in die Kindergartenküche und abtrocknen: 50 Teller, 50 Messer, 50-mal Unglück und absolute Ödnis.
Und dann hörte er die Stimme, die sein Leben verändern sollte:
„Komm, so schlimm ist es doch nicht, Georg.“
Was, dachte er, und er konnte seinen Ohren nicht trauen. Denn nicht nur, was die Stimme gesagt hatte, sondern auch, was sie bewirkt hatte, war unerlebt bis zum heutigen Tag. Denn nicht nur hörte das ohrenbetäubende Geheul von Georg sofort auf, nein, der Klang dieser Stimme war direkt durch seine Ohren bis in seine Brust gelangt und hatte offensichtlich so etwas wie einen Supertrank in Zorros Herz gegossen. Denn dieses schlug nun mindestens doppelt, nein, dreifach so schnell.
Lucas drehte sich um. Statt Frau Maiwald stand ein Wesen von so unsagbarer Schönheit vor ihm und trocknete ihm schlagartig den Mund aus. „Du musst Lucas sein“, hörte er zwei Lippen sagen, und dieser Zauberklang nahm ihm auch noch den letzten Rest Handlungsfähigkeit. Gefangen, paralysiert, mit feuerroten Ohren, einem Herzen im Hochgeschwindigkeitsmodus und trockenem Mund stand das, was Zorro war, als Lucas auf dem Baumstamm. Er fühlte, wie sein Kopf nickte, und dann, wie ein Stromschlag, durchzuckte es seine Beine und er rannte wie noch nie in seinem Leben, bis er um den halben Kindergarten gerannt war und an der Wand mit Kletternubbeln zusammensackte.
Ganz langsam kehrten seine Sinne zurück. Erste Tropfen von Spucke fluteten seinen Mund und das Herz schien glücklicherweise doch nicht zu zerspringen.
Von diesem Tag an wurde der Kindergarten ein Parcours von Herzbeschleunigungsbeobachtungsmöglichkeiten. Da gab es z. B. die eine Ecke gleich vor der Küchentür, und wenn er sich auf die kleinen Eimerstelzen stellte, konnte er genau auf die Hängeschränke mit Glasfront in der Küche blicken. Und wenn sie das Mittagessen oder einen Tee vorbereitete, so spiegelte sich ihr Gesicht in den Türen der Hängeschränke und Lucas versank in ihren Augen, die ihn natürlich nie direkt ansahen, sondern konzentriert nach unten auf Obst, Brote oder Pfefferminztee blickten. Nur ab und zu hätten sich ihre Blicke fast getroffen, wenn Lucas nicht sofort das Gleichgewicht verloren hätte vor Aufregung, dass es passieren könnte.
Es gab aber auch, wenn es geregnet hatte, eine Pfütze, die sich im Hof bildete, und er musste nur an das hintere Ende des Gleichgewichtskampfbaumes gehen und sich hinhocken und in die Pfütze starren.
Und jedes Mal, wenn sie zum Essen reingerufen hat, dann gab es den Moment, wo sie in der Tür stand und sich suchend umschaute, und dann sah er in der Pfütze ihr Lachen und hörte die Worte: „Lucas, da bist du ja!“ Und ohne sie anzusehen, sprang er in die Pfütze und lief mit gesenktem Kopf schnell und stumm an ihr vorbei in den Essensraum, ihr Lächeln wie einen kostbaren Schatz in seinem Kopf, begleitet von der Musik seines rasenden Herzens.
Die Zeit hätte für Lucas aufgehört und es hätte immer so weitergehen dürfen. Es gab noch Tausende von geheimen Aussichtspunkten im Kindergarten und er war bereit, alle zu entdecken, um nie wieder wegschauen zu müssen.
Und dann wieder ihre Stimme, so köstlich, wie es eigentlich nur Fischstäbchen mit Ketchup sind, oder vielleicht noch – nein, nichts anderes kam noch daran: „Ich werde euch nächste Woche verlassen, Frau Maiwald geht es Gott sei Dank wieder gut.“
Lucas begann, Fischstäbchen zu hassen.
Was hatte sie gesagt? „Ich werde euch verlassen.“ – „Ich werde dich verlassen, Lucas.“
Wie konnte sie nur? Er würde sie nie verlassen, er hätte sogar alle Fischstäbchen der Welt vor ihren Augen in den Müll geschmissen, wenn damit nur die Worte „Ich werde euch verlassen“ verschwunden wären.
Von nun an waren die Tage grau und die Zeit kam zurück und wurde lang und kurz wie vor Weihnachten.
Am letzten Abend gab es zum Abschied einen Diaabend mit Bildern der letzten Monate für Eltern und Kinder zusammen, um sie zu verabschieden. Sie saß als Ehrengast in der ersten Reihe ganz rechts außen und dann alle Kinder mit ihren Eltern. Nur Lucas konnte sich nicht setzen, er stand dicht hinter ihr und starrte auf die Leinwand, die im abgedunkelten Raum aufgebaut war.
Der Projektor begann zu surren und auf der Leinwand erschien sie in der Küche, aber Lucas sah das nicht. Da die Dias ein wenig zu klein geraten waren, gab es einen breiten Lichtrand um die Dias, und das war, was Lucas sah: ihr Schatten im Lichtrand und daneben er als kleiner Schatten. Lucas‘ Herz begann wie wild zu schlagen, und auch weil er sich ein wenig erschreckt hatte, machte er einen Schritt zurück – und da passierte es: Lucas wuchs, unmerklich nur, aber sichtbar.
Seine Ohren begannen wie Feuer zu brennen, sein Mund trocknete aus, als er noch einen Schritt nach hinten zum Projektor machte, und der Schatten Lucas wuchs zu ihr, bis sie schließlich gleich groß waren.
Das letzte Dia ratterte durch und dann plötzlich ein heller Lichtrahmen auf der Leinwand und in der Mitte nur sie und er.
Dann stand sie auf, um den Projektor auszuschalten, und in dem Moment, wo sie sich vorbeugte, bevor sie zum Stehen kam, küssten sie sich zum allerersten Mal.
Zurück blieb Lucas im Lichtkasten und er hörte sein Herz nicht mehr.
Dann wurde das Licht angeschaltet und alle gingen nach Hause.
Am nächsten Tag stand Lucas mit seinem besten Freund auf dem Baumstamm und Georg war natürlich der grüne Hulk und Lucas war – das weiß jeder, der das erste Mal geküsst wurde.
Da bin ich
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Eine HerzGehtAuf Geschichte!
Und nichts geht über erste Lieben.
Und erste Küsse.
Aber ich hab jetzt Hunger auf Fischstäbchen.
da hast du recht liebe Eva
man sollte nicht aufhören zu suchen
Das mit dem Suchen ist so eine Sache.
Aber auf jeden Fall sollte man nie aufhören zu finden.
🙂
Gut gemacht,Jüngs! Ich kann euch von Le Puy perfekt folgen, weil ich den Via Podiensis aug gewandert bin, bis SJPDP. Viel spaß. Ich lese eure beiträge jeder tag und fühle mich, als wäre ich wieder auf dem Jacobsweg.
Das ist doch schön das du gute Erinnerungen hast und auch schön das du uns und mich begleitest 😊
Wie wunderbar ❤️
schön das sie dir gefällt 😍