Was vom Leben liegen bleibt…

Mal wieder unterwegs.

Ich bin durch Düsseldorf spaziert. Einerseits, weil ich Spazieren einfach mag. Andererseits, weil es natürlich auch gut ist, um ein bisschen fitter zu werden – und um meine Laufschuhe für den Sommer langsam einzulaufen. Auch das gehört zu meiner ausgedachten Vorbereitung, aber darüber werde ich noch ausführlicher berichten.

​Wie dem auch sei.

​Es war ein kalter, sonniger Januarnachmittag. Ich hatte Musik auf den Ohren und spazierte so vor mich hin. Mein Blick mal auf die Häuser geheftet, mal nach innen, mal auf den Boden.

​Und plötzlich – wie eine kleine Irritation – geriet etwas auf dem grauen Pflaster in mein Blickfeld, das mich stocken ließ.

​Es war dieses kleine Bild eines blonden Jungen, auf einem Passfoto. Zufällig hingefallen, liegend auf dem nackten Gehwegpflaster. Ich habe es fotografiert. Du kannst es hier sehen.

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Als ich weiterging, blieb das Bild auf dem Gehweg zurück. Und meine Gedanken auch. Ich fragte mich, wie dieses Bild hier auf den Bürgersteig gelangt ist. Und was eigentlich mit den Beweggründen geschieht, aus denen es einst gemacht wurde.

​Was waren das für Beweggründe?

War es Liebe? Wollte jemand womöglich die Erinnerung an einen Moment, an dieses Kind, bei sich tragen? Und wenn ja – ist nicht immer noch etwas von dieser Liebe in dem Bild vorhanden? Gibt es für diese Liebe eine Zukunft? Oder ist sie hier, auf dem Pflaster, mit dem Bild verloren gegangen und löst sich langsam im Vergessen auf?

​Oder ist es vielleicht völlig bedeutungslos.

Hat es einen rein praktischen Nutzen gehabt? Eventuell wurde es für einen Lichtbildausweis gemacht, zum Beweisen der eigenen Existenz. Wer weiß, vielleicht gibt es noch vier andere, gemacht am gleichen Automaten. Klone eines stillen Moments in einer Fotobox im Bahnhof.

​Aber selbst dann:

Was ist mit dem Geist derer, die ihr Leben lang geforscht haben, damit wir heute in der Lage sind, jeden Moment eines Lebens im Bild festzuhalten? Was hätten sie wohl über dieses kleine Passfoto auf dem Bürgersteig gedacht? War das Teil ihres Traums?

​Ich frage mich, ob Dinge einfach Dinge bleiben. Oder ob sie beseelt werden können. Das frage ich mich oft, wenn ich an Sperrmüll vorbeilaufe, der aussieht, als würde eine Wohnung entrümpelt. Weggeschmissene Bücher, Möbel, Fotoalben, Kleider.

​Ist das einfach Müll? Oder Teil eines Lebens, das sich auflöst?

Denn jeder dieser Gegenstände wurde irgendwann gebraucht. War notwendig. Hatte eine Berechtigung. Hat am Wesen eines Menschen mitgearbeitet. Irgendwie will ich nicht, dass es so ist.

​Ein Gedanke tröstet mich bei all dem, was vom Leben liegen bleibt. Ich habe ihn einmal bei Hermann Hesse gefunden – oder vielleicht auch nur bei mir selbst, während ich ihn gelesen habe:

​Dass wir alle alles sind.

Nur, dass wir uns zu ganz unterschiedlichen Zeiten begegnen. Und dass es deshalb manchmal so schwer ist, einander zu verstehen. Ein Stein wird, über Äonen hinweg, zu Staub. Zu Erde. Zu Nahrung. Zu Mensch.

​Und wahrscheinlich ist es genau dieses Echo der Zeiten, das mich an diesem kleinen Bild berührt. Und irgendwie spricht es dann zu mir.

​Es sind Brotkrumen von anderen, die das Leben liegen lässt.

1 Gedanke zu „Was vom Leben liegen bleibt…“

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