Und nach vielen Tagen stand Odysseus auf und sah sich im Spiegel an. Er dachte an seine Männer und wie sie aus dem Nebel, müde und erschöpft, an dieser Insel gestrandet waren, und auch, wie sie zu Schweinen wurden – wenngleich auch mit ihren Gedanken, den Gedanken von Menschen. Jetzt, Tage später, konnte man sie nicht mehr als Schweine erkennen. Sie waren es auch nicht mehr. Sie waren wieder zurückverwandelt in das, was vor langer Zeit aus dem Nebel kam.
Sie waren nun versammelt vor seinem Palast und warteten auf seine Rede, waren gespannt, was er ihnen zu sagen hatte. Er dachte noch einmal daran, wie es sich anfühlt, erholt zu sein, dann öffnete er die Tür, schritt auf den Balkon und blickte in erwartungsvolle Augen.
„Ich verspreche euch den Nebel.
Ich weiß genau, wonach sich unsere Herzen in Wahrheit sehnen. Wir wollen ankommen, endlich nach so langer Zeit. Wir waren müde und sind es noch immer. Auch ich will die Last ablegen, nicht weiterfahren und einfach ausruhen dürfen. Wir sehnen uns nach einem Ort der Sicherheit, einer schönen, saftigen Wiese, auf der wir uns hinstrecken und erholen können. Auch ich träume wie ihr von einem Garten mit Früchten, immer reif, der süße Geschmack des Erfolgs ohne Mühe, ohne Warten.
Wir wünschen uns einen Weg, den wir sehen – eine Straße, die uns leitet. Ja, wir wünschen uns auch Gefahren, Gefahren, die wir einschätzen können: wie mächtige Löwen und Tiger, die aber zahm sind, die uns aus der Hand fressen und vor denen wir keine Angst haben müssen, weil sie Angst vor uns haben. Wir alle sehnen uns nach dem Vertrauten, dem lieblichen Ort, wo wir wissen, wer wir sind. Wo wir nicht suchen müssen.
Und trotzdem stehe ich heute hier und sage:
Ich verspreche euch den Nebel.
Eine Qual. Eine Reise ins absolute Unbekannte. Ich verspreche uns eine Welt, in der die Konturen verschwimmen, in der wir auf Sicht fahren müssen – Meter für Meter, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt. Ich verspreche uns die Momente, in denen wir die Orientierung komplett verlieren, in denen das Vertraute im Grau versinkt und wir uns nur noch auf unsere Intuition verlassen können.
Wir werden uns einsam fühlen, Angst haben auf hoher See, ohne Kompass werden wir bangen, auf ein Riff zu laufen, zu zerschellen und zu ertrinken. Wir werden Ungeheuer treffen, die wir noch nie gesehen haben, auf unvorhersehbare Ängste, die tief in der Dunkelheit lauern an vielen Tagen.
Ja, ich verspreche euch den Nebel.
Aber geht nicht alleine in die dunkle Nacht, wir wollen zusammen gehen. Wir lassen diesen lieblichen Ort hinter uns, nicht weil wir ihn nicht lieben. Nur dort, wo wir nicht schon im Voraus wissen, wie das Ende aussieht, werden wir über uns hinauswachsen.
Lasst uns die Augen schließen, lasst uns nicht wissen, lasst uns, hoffnungslos verloren, das Steuer fest in die Hand nehmen und gemeinsam in das Unbekannte aufbrechen und zu Menschen werden.
Ich verspreche euch den Nebel.“
