Immer ein bisschen daneben

Ich kann mich noch an meine erste Fernreise erinnern. Ich war noch in der Schule, die Sommerferien standen an – und natürlich war nichts geplant. Also bin ich einfach zum Flughafen gefahren.

Damals gab es dort noch diese kleinen Reiseveranstalter. Last Minute. Super Last Minute. Ein großer Schalter, an dem alle Flüge für die nächsten 24 Stunden angeboten wurden, die noch Plätze frei hatten. Kurz gesagt: heute buchen, morgen fliegen.

Genau das wollte ich. Griechenland, Spanien, Italien – kannte ich alles. Aber da war auch Jamaika. Abflug in zwölf Stunden.

Also wieder nach Hause, Tasche packen, zurück zum Flughafen. Ich erinnere mich noch genau an den Moment im Flugzeug, als ich dachte: Wo zur Hölle liegt eigentlich Jamaika? Es war mir völlig egal. Mich interessierte nicht der Ort, sondern das Abenteuer. Und die Mystik, die dieser Name umwehte.

Der Zaun von Montego Bay

Im Flugzeug hörte ich andere Passagiere reden. Ein Paar sagte zu einem anderen:

„Jamaika ist eigentlich scheiße. Aber Montego Bay ist toll. Da gibt es Resorts, die sind komplett eingezäunt. Privatstrand. Wie auf den Malediven.“

Ich dachte nur: Wow. Da also auf gar keinen Fall hin.

Frisch gelandet stand ich wieder vor einer Karte am Flughafen – Google Maps gab es noch nicht – und mir sprang ein Name ins Auge: Kingston Town. Und wieder war es wie zuvor: Der Name klang nach Verheißung.

Also die nächste Entscheidung: Touristen-Shuttle nach Kingston Town – oder zu Fuß zum Busbahnhof. Und zack. Ich sitze in einem kleinen Mitsubishi-Bus mit zwölf Einheimischen. Ihr kompletter Hausrat ist dabei. Kisten. Taschen. Und Hühner. Und ich mittendrin.

Der Unterschied zwischen Urlaub und Reisen

Ich kann mein Glück nicht fassen. Nichts ist vorbereitet. Alles ist improvisiert. Genau so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Alles, was ich dafür tun musste, war: ein bisschen neben der Route gehen.

Nicht hinter den Zaun von Montego Bay.

Nicht ins klimatisierte Shuttle.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Urlaub und Reisen.

Beim Urlaub ist man an einem Punkt. Beim Reisen bewegt man sich auf einen Punkt zu.

Diese Reise auf Jamaika war unfassbar schön. Nicht trotz, sondern wegen dieses Busses. Er brachte mich nach Kingston. In die Blue Mountains. Nach Long Bay. Er war der Grund, warum ich im Dschungel geschlafen habe – mit Zelt, aber ohne Isomatte, weil ich die Unterkunft an diesem Tag einfach nicht mehr erreicht habe.

Durch ihn habe ich mit Jamaikanern gesprochen. Über Rastafaris gelernt. Über Demut. Über Träume. Und all das verdanke ich diesem kleinen Schritt daneben.

Die Suche nach dem Dorf daneben

Am Ende war mir eines klar – und das ist bis heute so geblieben: Ich will nicht nach Montego Bay. Und wenn ich nach Mexiko reise, muss ich nicht in Cancún sein.

Mich interessiert: Wie heißt das Dorf daneben? Und wie komme ich da überhaupt hin? Das Erste, was ich tue, wenn ich ankomme: Ich suche mir einen kleinen Busbahnhof.

Wann bist du das letzte Mal „daneben“ getreten? Schreibt mir von deinem Busbahnhof-Moment!

Florian 

3 Gedanken zu „Immer ein bisschen daneben“

  1. Meravigliosa idea è pperformante vitale!
    Ich werde meine “Nächsten” dazu holen und wir folgen dann dem Text und dem Blog.
    Sieh an, sieh an – der Florian Lange läuft los.
    Sag dem Künstler und dem Kreativen in dir , dass er vielleicht ein paar Wunder zeichnen ✍️ sollte.
    Denn, soviel ich weiß, bleibt dieses Tool unverändert- die Seelenanteile und Talente laufen weiter mit.
    Alles Gute! Gottes Segen.

  2. Lieber Florian, was für ein wunderschönes Vorhaben! Ich freue mich, dass Du Dich auf die Reise begibst und wünsche Dir die beste Zeit!
    Wie Hölderlin so schön schrieb:
    Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
    Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
    […]
    Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
    Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
    Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
    Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,
    Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
    Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

  3. Fleischhauer Silvia Göhring-

    Lieber Florian,
    ich wünsche dir alles Gute für dieses Jahr und die Reise so weit weg und doch immer wieder zum sich selbst Entdecken.
    Dass die Theaterpause zu vielen anderen Eindücken führt, die einen wachsen lassen.
    Silvia von “ Glaube, Liebe, Fussball“ und vom „Figaro“.

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