Cést la vie

Heute ist also der erste Tag, an dem ich wieder allein laufe. Ich habe mir extra eine Strecke von 32,9 km herausgesucht, um nicht zu früh anzukommen. Denn beim Laufen hat man irgendwie auch immer was zu tun. Man schaut durch die Gegend. Die Landschaft verändert sich. Man lässt seine Gedanken schweifen.

Ich wache um 6:30 Uhr auf und eigentlich gibt es noch Frühstück um 7:15 Uhr. Aber irgendwie habe ich keine Lust, mit den anderen Pilgern heute Morgen da zu sitzen. Ich will lieber alleine los. Also schnüre ich meinen jetzt sehr leichten Rucksack. Ein bisschen vermisse ich schon mein Zelt. Das hält aber nur so lange an, bis ich morgens um 7 Uhr ins Freie trete. Es ist unfassbar kalt. Meine Uhr zeigt 6 Grad an und das hilft, den Verlustschmerz doch ganz gut zu bewältigen. Ich hätte mir ja den Arsch abgefroren.

So hingegen ist es sehr schön. Keiner ist auf der Straße. Nur die kleine Bäckerei hat schon das Licht an und ich glaube, ich bin der erste Kunde. Schnell ein Pain o chocolat für jetzt und eine Rosinenschnecke für unterwegs gekauft, und mit köstlichem Schokoladengeschmack im Mund laufe ich in den Sonnenaufgang.

Gestern Abend habe ich übrigens beim Abendessen zwei lustige Jungs kennengelernt. Der eine kommt aus Italien, der andere aus Mexiko. Da sonst fast nur Franzosen auf dem Weg sind und ich sie sich auf Spanisch unterhalten höre, versuche ich mein Glück und spreche sie einfach auf Englisch an – und es funktioniert.

Wir haben ein wirklich schönes Abendessen. Die beiden haben sich vor zwei Jahren auch auf einem Jakobsweg kennengelernt und jetzt laufen sie den Weg von Le Puy bis Saint-Jean-Pied-de-Port zusammen. Der Italiener ist, glaube ich, schon sechs verschiedene Jakobswege gelaufen. Irgendwie hat er seinen Job gekündigt und will eigentlich eine Pilgerherberge in Spanien aufmachen. So richtig verstehe ich die ganze Geschichte nicht. Ist aber auch egal. Da sie erst angefangen haben und sich, glaube ich, ein bisschen übernommen haben, scheinen sie große Schmerzen in den Beinen zu haben. Deswegen werden sie morgen nur 15 km laufen. Ich bin gespannt, ob ich sie irgendwann wiedersehe.

Heute ist die Landschaft ein bisschen wie bei den Karl-May-Festspielen: karges Grasland, ein paar Bäume und immer wieder ein vereinzeltes Haus. Ich mache nur eine Pause und bin um 15 Uhr schon an meinem Ziel angelangt. Dort sitzt schon Christoph, den Sebastian und ich vorgestern getroffen haben. Er ist heute auch nur 15 km gelaufen und morgen läuft er auch wieder ungefähr die gleiche Strecke. Viele der Franzosen machen nur 10 Tage oder eine Woche den Weg und haben eigentlich schon alles vorgebucht, was ein bisschen schade ist. Erstens sind die Strecken sehr kurz. Das sagt Christoph auch. Der ist nämlich schon seit 12 Uhr hier in der Stadt, wo nichts los ist. Und zweitens ist es auch ein bisschen unflexibel, falls man mal zusammen laufen wollen würde.

Dann kommen noch zwei Franzosen, die überhaupt kein Englisch sprechen, und dann bin ich so ein bisschen raus, weil die sich natürlich auf Französisch unterhalten. Deswegen gehe ich mal Wäsche waschen.

Jetzt habe ich noch ein paar Chips und Süßigkeiten eingekauft für heute Abend, und um 19 Uhr gibt es ein gemeinsames Abendessen. Ich bin mal gespannt, wie das wird. Wenn es zu viele Franzosen sind, könnte es ziemlich still für mich werden. Vielleicht gibt es ja noch den einen oder anderen, aber ich glaube nicht, denn gerade ist Pascal in mein Zimmer gekommen, und der ist natürlich waschechter Franzose.

Ich sage mal: C’est la vie. Schön, dass du dabei bist! Florian

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8 Kommentare zu „Cést la vie“

  1. So schöne Bilder wieder.

    Und ja, die Franzosen sind schon manchmal sehr stur mit ihrem Französisch.
    Und sich selbst genug.
    Das ist natürlich blöd.

    Ich hab übrgens heute draußen im Schillings den Neupilger getroffen auf seinem Lastenrad. Der ist gut wieder angekommen. Aber das weißt Du bestimmt schon.

    Ich wünsch Dir ein leckeres Abendessen. Und vielleicht wenigstens einen small talk.

  2. Unsere Nachbarin in Basel kam aus Paris und sprach ihr ganzes Leben nur französisch. Von uns Kindern verlangte sie auch, dass wir mit ihr französisch sprechen. Sie war ihr Leben lang sehr einsam und immer auf Übersetzung von meiner Mutter angewiesen.
    Und im Kanton Jura spricht niemand deutsch oder englisch.Da färbt das Frankophone auch ab.

  3. Hallo Florian, seit vorgestern bin ich auf deiner kompletten Reise upgedatatet. Ursprünglich wollte ich auch von Le Puy nach St Jean Pied de Port laufen, weil dort viel weniger Pilger unterwegs sind als auf dem Camino Frances. Aber wegen meiner Liebe zu Spanien habe ich zuletzt umentschieden, in der Hoffnung, dass ich es schaffe. Ich freue ich mich auf die weiten Blicke mit klarem Himmel in der spanischen Meseta. Noch sitze ich jetzt am Airport Lyon im Weiterflug nach Biarritz. So habe ich gerade deinen Bericht von gestern gelesen. Den Italiener und Mexicaner hätte ich auch gerne kennengelernt. Auf dem Camino Portugues letztes Jahr hatte ich ein für mich bedeutsames Erlebnis: 6 Std. Im absoluten Gleichschritt zusammen mit dem 48 jährigen gut trainierten Silvan aus Kanada haben wir uns unser ganzes Leben offen und ehrlich ohne Schnörkel und Beschönigungen erzählt. Er war bei den kanadischen Marines und hatte seit Mineneinsätzen vor Afrika eine posttraumatische Belastungsstörung. Wir haben uns in Santiago als Brüder verabschiedet. Das war für mich ein sehr prägendes Erlebnis. So, Dir wünsche ich ähnlich tolle Erfahrungen auf deinem Camino, Erfahrungen , von denen Du ja nun schon viele gehabt hast. Un saludo cordial von Michael

    1. vielen Dank für deine Nachricht und dass du meine Reise so aufmerksam verfolgst!

      Dass du dich letztendlich für Spanien und die weiten Blicke der Meseta entschieden hast, kann ich absolut nachvollziehen. Die spanische Weite hat einfach eine ganz eigene, magische Anziehungskraft. Ich hoffe, du hattest einen guten Weiterflug nach Biarritz!

      Deine Geschichte von deinem Camino Portugues und der Begegnung mit Silvan hat mich sehr berührt. Sechs Stunden im absoluten Gleichschritt zu gehen und dabei das eigene Leben völlig offen und ohne Beschönigungen zu teilen – das sind genau diese raren, ehrlichen Momente, die den Weg so unvergesslich machen. Dass ihr euch in Santiago als Brüder verabschiedet habt, zeigt, wie tief solche Verbindungen gehen können.

      Ich danke dir für die guten Wünsche! Die Begegnungen hier, wie die mit dem Italiener und dem Mexikaner, sind wirklich bereichernd und der Weg arbeitet jeden Tag weiter in mir.

      Ich wünsche dir für deinen anstehenden Weg genauso prägende Erlebnisse, tiefgründige Begegnungen und natürlich den erhofften klaren Himmel über der Meseta.

      Buen Camino!

      Herzliche Grüße,
      Florian

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