Heute bin ich eigentlich den ganzen Tag nur den Berg hinuntergelaufen – von ganz oben nach ganz unten. Mir hat es richtig Spaß gemacht, auch zu sehen, wie die Vegetation sich verändert. Gestartet bin ich in einer kahlen Felslandschaft und angekommen an einem Spätsommertag in einem schönen mittelalterlichen Städtchen mit Fluss. Als ich heute in der Gîte ankomme, wartet im Innenhof schon ein älteres Pärchen. Sie sind Kanadier. Er heißt Greg und sie Catherine. Die beiden wollen den ganzen Weg bis nach Pamplona laufen. Am 4. Oktober geht ihr Flieger zurück. Greg hört schon nicht mehr so gut und Catherine kommt aus China. Sie haben sich kennengelernt, als er dort eine Sprachschule für Studenten gegründet hat, damit sie in Kanada arbeiten und studieren können. Greg ist ein sehr angenehmer Pragmatismus zu eigen. Eigentlich duscht man ja immer, aber Greg sagt, er will nicht alles auf einmal machen. Heute duscht er erst mal nur seine Füße und morgen früh dann den Rest. Ich finde es ziemlich lustig – bei Catherine bin ich mir da nicht ganz so sicher. Sie erzählen mir auch noch von einem schüchternen Japaner, der bis nach Santiago laufen will und wohl auch auf dem Weg irgendwo umherirrt und sich wünscht, jemanden zu finden, der auch nach Santiago läuft. Ich bin mal gespannt, ob ich ihm irgendwo begegne.
Ich beschließe, trotz Greg komplett zu duschen und danach meine Sachen zu waschen. Eigentlich will ich vorschlagen, dass Greg auch nur die Socken waschen sollte, weil der Rest würde sich ja nicht lohnen, aber ich glaube, dann bekomme ich Ärger mit Catherine.
Dann gehe ich noch in einen Netto. Er ist nur 12 Minuten entfernt und da kaufe ich mir dann die lebenswichtigen Süßigkeiten für heute Nacht.
Vollgepackt mit meinem Einkauf komme ich zurück und frage, ob man vielleicht unten am Fluss schwimmen kann. Und tatsächlich, unter der Brücke soll es eine Stelle geben, die tief genug ist. Also packe ich meine Hängematte ein und 15 Minuten später liege ich auch schon schaukelnd zwischen zwei Bäumen und schaue auf den Fluss, der angenehm kühl unter einer Brücke hindurchströmt. Es ist einfach perfekt.
Die Herbergseltern heute sind auch einfach zauberhaft. Es gibt ein fantastisches Essen und auch noch Erklärungen über den ganzen Jakobsweg. Mit am Tisch sitzen noch zwei Freunde, 69 und 81, die sich vor zwei Jahren auf dem Camino del Norte kennengelernt haben – der jüngere ist Franzose, der ältere Amerikaner. Ich kann es nicht glauben, dass er schon 81 ist, so aufgeweckt, jung und fit. Ich glaube, ich habe mein Vorbild gefunden. Es wird wieder das Ultreia-Lied gesungen, es ist diesmal aber nicht so seltsam wie in der Kirche. Und dann hat der 81-Jährige auch noch Geburtstag und sie haben ihm extra einen Kuchen gebacken. Heute ist alles sehr schön. Ich fühle mich aufgehoben und zufrieden.
Ich denke an euch.
Schön, dass du dabei bist.
Florian!
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Das sind wieder so außerordentlich schöne Fotos heute, lieber Forian! Vor allem das dritte: als ob die Pflanzen von innen leuchten, wunderbar. Ich freue mich sehr, dass es Dir auch noch zwei Monaten Wandern so gut geht!