Heute habe ich vier Menschen losgeschickt, die sich noch nicht kennen, und einen Zettel, auf dem etwas steht, das ich euch noch nicht verrate. Bis León soll daraus eine ganze Geschichte werden, und ich schreibe sie nicht allein. Was euch beim Lesen einfällt, gehört in die Kommentare: ein Satz, eine Idee, ein Name, eine Wendung. Ich laufe weiter, ihr denkt weiter, und morgen schreibe ich, wohin ihr mich geschickt habt.
Sie warten schon
Er hatte das Fiepen im Ohr, und vor seinen Augen tanzten Sterne – die gleichen, die man sieht, wenn man die Augen fest zusammenkneift, nur waren seine aufgerissen und starrten in den dichten Rauch.
Hardric erinnerte das Fiepen an seinen älteren Bruder, der auf einem Grashalm versuchte, Happy Birthday zu spielen. Sein 22. Geburtstag war erst zehn Tage her, und doch war jetzt eine Welt dazwischen explodiert.
Keine Zeit. Seine Hände krallten sich in das, was vor ihm lag, und zogen ihn über lauwarmes Wasser-Erde-Gemisch.
Der Rauch stach ihm in die Nase. Das zähe Gras schnitt ihm zwischen die Finger, ein Schmerz wie Fingernägel auf einer Tafel, dasselbe Fiepen, nur in der Haut.
Der Untergrund war uneben, und ab und zu sanken seine Finger nicht in die feuchte Erde ein. Dann zog er sich über etwas, das auch einmal Geburtstag gehabt hatte, und kein Fiepen mehr im Ohr.
Vielleicht ein letzter Gruß in den Taschen, die keinen Besuch mehr von jenen Händen bekommen würden, weil es sie nicht mehr gab, und ein Daumen alleine wäre eh dazu nicht in der Lage.
Kein Brief, ein Zettel. Nur was draufstand, musste warten.
Nicht denken, einfach vorwärts, keine Zeit.
Und so hackten seine Finger in die Erde, in totes Fleisch, das schwieg.
Schweigen wollte sie einfach nicht mehr, schließlich war sie kein Kind mehr, immerhin schon vierzig, aber was zählte das hier. Am liebsten hätte sie geschrien: „Ich werde für mich alleine entscheiden!“, aber sie tat es nicht. Sie legte den Schrei zurück in das Herz, aus dem er kam, und das nun hoffte, er würde wieder anrufen.
Es waren nun schon fast sechs Tage vergangen, und sie wartete auf die Stimme jenes Mannes, dem sie ein Ultimatum gesetzt hatte: Er solle ihr einen Antrag machen. Was ihr eigentlich Angst machte, war nicht das Ausbleiben des Anrufes, sondern dass sie wusste, das Ultimatum hatte sie nicht ihm gemacht, sondern sich selber. Es hatte nur den Umweg über ihn genommen, aber ihr war klar: Ein Bleiben würde es nicht geben. Sie würde gehen, ob nun mit ihm – was natürlich für alle Beteiligten am besten aushaltbar war – oder alleine. Einsamer als jetzt konnte es ohnehin nicht werden.
Insgeheim sehnte sie sich nach dem Nichtverstehen. Dieses Gefühl, wenn man das erste Mal ein Buch aufschlägt, das erste Mal auf einen Globus schaut und nicht versteht, was kommen mag und wie all die Flecken auf dem blauen Ball aus Plastik mit der Glühbirne in der Mitte wohl in echt aussehen werden.
Es klingelte. Keine Sekunde später hatte sie den Hörer in der Hand und hörte nur ein Tuten. Dann klingelte es wieder, und wütend schmiss Amira den Hörer auf die Gabel, ging den Flur entlang und öffnete die Haustür.
Ein Päckchen lag vor der Tür der Familie mit dem italienischen Nachnamen, und ein Auto bog um die Ecke und verschwand. Doch beides sah Amira nicht, denn ihr Blick hing an dem Zettelchen, das wie ein Schmetterling vor ihr in der Luft tanzte.
Und Tanzen war das Einzige, was Addley immer versuchte zu vermeiden. Nicht nur, weil er es einfach nicht konnte; er begriff den Sinn auch nicht.
Während Gesellschaftstänze wenigstens noch ein wiederkehrendes Muster hatten, an das er sich hätte klammern können wie an seine Tanzpartnerin, hatte dieses frei voreinander Hinzucken zu Musik, die nicht seine war, groteske, fast schon entsetzliche Züge.
Es war vergeblich, er wurde gezerrt in die Mitte eines Strudels grinsender Freunde, die aufmunternd klatschten.
Er fühlte sich verloren, wusste nicht, wann es angebracht war, einen Arm in die Höhe zu reißen oder seine Hüfte in großen, ausladenden Bewegungen im Brei der Luft sinnlos rühren zu lassen.
Er suchte einen Anker in dem Grauen, das in Form einer Überraschungsparty an seinem dreißigsten Geburtstag über ihn wie eine Flut hereingebrochen war.
„Du machst ja ein Gesicht“, hörte er es aus den Wellen der Pein herüberblubbern. „Sieh doch, wie schön es ist.“
Wie schön es ist.
Er schloss die Augen.
Äußerlich riss er noch immer willkürlich einzelne Körperteile in die Luft, aber innerlich tanzte er jetzt e^(iπ) + 1 = 0.
Wie schön das war, sich drehend und wieder zurück zu seinem Ursprung – das konnte kein Tanz der Welt in dieser Vollkommenheit.
Er öffnete die Augen und sah sich scheitern in den Augen seiner Freundin.
Er hatte nie um eine Überraschungsparty gebeten. Es ärgerte ihn, dass er nicht einmal die Wahrscheinlichkeit ins Auge gefasst hatte, denn 30 war sphenisch: die kleinste Zahl, die sich aus drei verschiedenen Primzahlen zusammensetzt, 2 mal 3 mal 5.
Da hätte man natürlich auf die Idee kommen können, dass das zum Anlass genommen wird, groß zu feiern. Ja, auch, dass sie genau zwölfmal in die 360 eines Kreises passt. Das war der Anlass, dass alle tanzen wollten, es drehte sich vor seinen Augen.
Er rannte auf den Balkon, um Luft zu schnappen.
Als er wieder reinkam, hatten alle Zettel auf der Stirn kleben – Möbius, Einstein, Kepler. Eine Frau rannte auf ihn zu.
„Sag mal, bin ich vielleicht ein Alkoholiker gewesen?“
Er starrte auf den Zettel auf ihrer Stirn.
Nilofar konnte mit Spielen nicht so viel anfangen, vielleicht weil er 52 war, vielleicht aber auch nicht, und ein wenig bereute er es. Die Wahrheit war, dass Spiele schon früh mit dem Triumphgehabe eines nicht verlieren könnenden, cholerischen Stiefvaters verbunden gewesen waren. Also hatte er sich damit abgefunden und hielt immer 4–5 sehr gute Ausreden parat, sollte er unerwartet zu einem Spieleabend eingeladen werden. Es hatte für ihn auch immer etwas von festgefahrenen Pärchenabenden, in denen sich das Vergnügen wie Diddl-Tassen um die Ohren gehauen wurde, obwohl er tief in sich drinnen wusste, dass das nicht wahr war und vielleicht genau das, wonach er sich sehnte.
Er zog es vor, sein Leben zu einem Spiel zu machen – das war unheimlich und schön zugleich. Er musste sich oft sagen, dass es eben genau das nicht war, dass alles, was man tat, Konsequenzen hatte und man nicht neu aufbauen konnte. Das Leben war das einzige Spiel, das man nicht gut spielen konnte und nie lernen würde, weil nie etwas sich wiederholen würde. Vielleicht liebte er das Leben deswegen so, weil man nicht gewinnen konnte und trotzdem alle am Ende verloren.
Blablabla, dachte er, als er abends auf der Straße ging und an einer Matratze vorbeikam, die auf die Straße geschmissen worden war, und Hunderte von Fotos lagen beliebig verstreut darauf herum.
Er begann, die Fotos zu sortieren, ordnete sie in Reihen und bettete sie auf die Matratze, bis ein ungeordnetes Leben zusammenhanglos ordentlich wie ein Memory auf der Matratze lag.
Ein verblasstes Polaroid aus den 80ern, vielleicht von einer Jubiläumsfeier, zeigte ein seltsames Dreigespann: einen Mann, vielleicht Mitte 30, mit recht gequältem Gesichtsausdruck und zwei absurd verkleidete Frauen. Eine war offensichtlich ein Wurzelzeichen und recht angetrunken, die andere eine Null. Beide hatten etwas auf der Stirn: Die Wurzel sollte offensichtlich Kepler sein und die Null …
Er starrte auf den Zettel, dann ließ er das Polaroid fallen.
Bilder des Tages
Da bin ich
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Hallo Florian,
da gibst du uns ja eine interessante Vorlage. 🙃Eine Komödie wird es wahrscheinlich nicht. Wobei ich Situationskomik schon auch sehr schön fände.
Ich kann mir bei dem ersten Protagonisten vorstellen, dass er einen Doppelgänger hat und gar nicht gemeint ist.
Die Frau, die sich und ihrem Liebsten ein Ultimatum gestellt hat, hat in meinen Augen vor, das Land zu verlassen, um sich ein neues Leben zu kreieren. Sie ist unzufrieden, weil zu viel Zeit ungenutzt vergeht und sieht endlich und endgültig Handlungsbedarf.
Der Mann mit seiner Spielunfreude hat schon alles im Leben gesehen und langweilt sich. Da kommt ihm der Zettel sicher recht und weckt bei ihm die Lebensgeister. Als Auto fährt er einen alten dunkelgrünen Citroen. Platz für wenig Gepäck, er braucht nicht viel.
Dies ist mein Beitrag zum Entstehen der Gemeinschaftsgrschichte.
Sehr gut vielen Dank es wird was davon in der Geschichte auftauchen
Florian ❤️❤️❤️
Geburtstag, Heiratsantrag, Tanzen, Spielen.
Klingt eigentlich alles sehr positiv in meinen Ohren.
Für meinen Mann hätte es eher den Klang Deines Textes….da dräut was Furchtbares am Horizont.
Eine Überraschungsparty wäre dann auch definitiv ein Scheidungsgrund.
Fiepen hat was von Welpen, also süß, aber auch was von Tinnitus, also übel.
Dazu noch die 30. Lebensaltermäßig schwer überschätzt, vor allem im Hinblick aufs Erwachsensein, aber mathematisch durchaus attraktiv.
Und Fotos.
Deine hier liebe ich ja immer sehr.
Welche, auf denen ich drauf bin, nur äußerst selten.
Alte Fotos Angucken ist aber meistens ein großer Spaß.
Auch wenn man manchmal ein bißchen wehmütog wird. Oder auch erschrickt.
Da bin ich sehr gespannt, was für Phantasiewelten da bei Deinen Lesern so geöffnet werden.
Und über welchen zu erratenden Prominenten einige Erzählstränge noch zusammenfinden.
Ich plädiere für Hemingway.
🙂
Haha liebe Eva das ist auf jeden Fall notiert
Hemingway😉❤️
…
💛💙
Ps: love the symmetry of the photos
❤️❤️❤️