365

Es war eigentlich kein Augenöffnen, sondern ein Versuch, die Dunkelheit durch einen schmalen Spalt leuchtenden Lichts zu vertreiben. In leuchtenden Rottönen ließ er langsam den Streifen breiter und größer werden, bis er sich auszubreiten begann und schließlich die ganze Nacht überflutete.
​Langsam, aber stetig stand er auf, und noch ein bisschen fror er.
​Aber es war keine Kälte, die ins Mark zog, sondern im Gegenteil: Sie strömte heraus und erfrischte den ganzen Leib. Was gerade noch geschlafen hatte, füllte sich mit frischer Zuversicht, wie ein Glas, in das kühles Wasser schwallhaft aus einer Karaffe fließt.
​Im Aufstehen begriffen, fühlte er die Zukunft ohne Vergangenheit.
​Und ohne dass er hätte sagen können: Wie war er aufgestanden?
​Er strahlte, ohne dass er etwas dafür hätte tun müssen. Er war nun das Beste, was er sein konnte – unbelastet, neu, nach vorne gewandt. Nun schritt er voran und tat, was zu tun war. Er konnte jedoch die Frische des Anfangs, dem die unendlichen Möglichkeiten innewohnten, nicht halten, aber daran dachte er nicht, denn er war mittendrin. Sein Feuer loderte und es gab noch nicht die Vorstellung des Verglühens. Mit einem Mal konnte er alles auf einmal, war unendlich produktiv. Auch wenn die Zartheit des Beginns in immer weitere Ferne rückte. Ohne es zu merken, wurde er müde. Überhitzte sich sein Hirn, schien wie leergefegt, und er merkte, dass er nun langsam ruhiger treten müsse. Gerne wäre er noch geblieben, aber er spürte, dass es ihn zog. Das Feuer der vergangenen Stunden war langsam nur noch Glut, und eine melancholische Stimmung – als würde er sich erinnern – machte sich in ihm breit. Nun gab es keine Zukunft mehr und die Vergangenheit wurde größer und größer, je schwerer die Augen wurden. Erschöpft wie ein fast ausgetrunkenes Glas setzte er sich und merkte, wie es ihn nach hinten zog. Das letzte Licht wie ein Streifen des Erwachens, umgedreht vor seinem Auge.
​Noch einmal seufzte er.
​Und dann schlief der Tag ein.

Bilder des Tages

Da bin ich

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4 Kommentare zu „365“

  1. It’s a new tradition to close my day with a Daily portion Florian on the Camino. It’s easy to identify myself with you walking the path. The endless route, step by step, not knowing who to meet, where to sleep, what to see. While living my daily live in The Netherland I deeply enjoy sitting on your shoulder, reading your thoughts and seringen the pictures. My German improviseer swiftly! Thanks a lot for sharing your adventures!

    1. Ich mag das Bild, dass du auf meiner Schulter sitzt – manche Tage hier draußen fühlen sich genau so an: unsichtbare Gesellschaft, die nichts von mir will, nur mitgeht. Ein schöber Gedanke, dass jemand in den Niederlanden seinen Abend mit diesen staubigen Nachmittagen von mir ausklingen lässt.

      Und keine Sorge wegen deines Deutsch – das ist schon besser als mein Französisch hier draußen, und die Latte liegt gerade nicht hoch.

      Danke, dass du mitgehst.

      – Florian

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