44%

Merkt euch diesen Namen: Saint-Côme-d’Olt.

Ein Dorf, das man gesehen haben muss – enge Gassen, ein verdrehter Kirchturm, der Lot, der sich träge durchs Tal zieht. Wer hier auf dem Weg vorbeikommt und nicht einmal im Fluss schwimmen war, der ist wirklich selber schuld.

Und dann wieder diese wunderbare Gastfreundschaft. In der Gîte Del Roumiou haben mich Sophie und Gaétan aufgenommen, als wäre es selbstverständlich – dabei spreche ich kaum ein Wort Französisch, gerade genug für ein verlegenes „Merci“ und das berühmte „Je parle seulement un peu français“. Das hat sie nicht gestört. Sie haben mich an den langen Tisch gesetzt, mitten unter die anderen Pilger, und mit mir Englisch gesprochen oder übersetzt, wenn mir die Worte fehlten. Und Gaétan kann kochen, ein Traum – Huhn mit Estragon. So gut, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mir zweimal nachzunehmen. Ich war einfach nur froh, dort zu sein.

Heute Morgen dann der Abschied, herzlich und viel zu kurz.

Ich dachte eigentlich, es wird ein bisschen kühler, aber heute kehrte der Sommer noch mal mit voller Kraft zurück. Gleich am Anfang waren zwei Berge dran, aber irgendwie kam ich gut voran und bin um 12 Uhr schon 19 km weit gekommen. Also dachte ich mir, gibt es jetzt erst mal wieder ein schönes Plat du Jour. Es gab ein köstliches Rindergulasch mit Salat und Pommes frites und dazu noch mein neues Lieblingsgetränk: Panaché. Jetzt waren es eigentlich nur noch 9 km. Um 13 Uhr startete ich also auf den Rest des Weges.

Und wie ich so laufe, merke ich, dass mir das Essen ganz schön schwer im Magen liegt. Was soll’s, denke ich. Ich laufe ja eh am Lot entlang. Hier ist ja keiner, nur ich bin so dumm und laufe in der Mittagshitze. Also baue ich meine Hängematte auf, ziehe die Kleider aus und ab rein in den Fluss. Es ist herrlich, so bummle ich noch mal eine Dreiviertelstunde herum. Ich frage mich innerlich, warum ich das eigentlich nicht öfter mache. Doch kurz nachdem ich losgelaufen bin, bekomme ich die Antwort: weil es einfach unfassbar heiß ist.

Und es geht jetzt den steilsten Berg der ganzen Etappe hoch, von 300 Metern auf 650. Als ich einen kleinen Seitenweg von der Landstraße in den Wald hinaufsteigen muss, breche ich eigentlich schon innerlich zusammen. Naja, denke ich, es kann ja nicht ewig so weitergehen. Nach gut 20 Minuten schaue ich auf das Höhenprofil und denke zuerst, die Anzeige sei kaputt. Ich bin nur ein Ministück auf dem ganz großen Weg nach oben vorangekommen. Oh Gott. Und ab jetzt wird es ein Überlebenskampf.

Ich dachte irgendwie, ich hätte die Phase mit dem Teewasser hinter mir. Aber Pustekuchen, das Wasser ist genauso warm wie draußen. Ich schleppe mich den scheiß Berg hoch. Manchmal wird mir sogar richtiggehend schummrig, also setze ich den Rucksack mal ab. Im letzten Drittel des Berges taucht ein humpelnder Hund auf. Ich weiß nicht, wie alt er ist, aber er muss uralt sein, und er hechelt, als wären es seine letzten Stunden. Wenigstens bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Und als würde er es merken, geht er mit mir humpelnd den ganzen restlichen Berg hoch. Ich kann es nicht glauben. Er pfeift wirklich aus dem letzten Loch, aber was soll’s, ich ja auch. Kurz bevor ich oben ankomme, legt er sich in den Schatten. Ich bin ihm sehr dankbar.

In meiner Unterkunft habe ich ein Einzelzimmer, und ich sage euch: Selten war eine kalte Dusche so schön wie heute. Es ist 16 Uhr. Essen gibt es um 19:30 Uhr. Bis dahin schaltet mein Körper komplett auf die vegetativen Grundfunktionen um. Ich liege einfach nur herum.

Als ich zum Essen runterkomme, sind schon 20 Leute da. Es sind irgendwelche Reisegruppen aus Frankreich, die für vier bis fünf Tage auch den Jakobsweg laufen. Ich werde mitten reingesetzt und habe schon ein bisschen Angst, dass ich die sprachlose Insel inmitten eines französischen Meeres bin. Aber nachdem ich einfach gesagt habe, dass ich fast kein Französisch spreche, und sie gefragt habe, ob sie Englisch sprechen, sind sie, glaube ich, genauso schüchtern wie ich und sagen: „Ein bisschen.“ Und ab da läuft das Gespräch. Wir unterhalten uns halb auf Französisch, halb auf Englisch, und es wird ein wunderbarer Gemeinschaftsabend.

Ich finde das wirklich schön, wie zugewandt hier alle miteinander umgehen. Und das würde ich mir für uns alle wünschen. Gerade an einem solchen Tag, wo eine Partei mit großem Vorsprung die Wahl gewonnen hat, die genau das Gegenteil davon propagiert: Abkapselung, Isolation und Fremdenfeindlichkeit. Am liebsten würde ich alle von denen mal an einen Tisch voller Franzosen setzen, damit sie die Schönheit des Gefühls verstehen, wenn man versucht, sie zu integrieren.

Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen und müssen mit Neugier dem Fremden entgegensehen. Das wünsche ich uns allen.

Schön, dass du dabei bist.

Florian

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4 Kommentare zu „44%“

  1. Lieber Flo,
    hattest du nicht auf deiner letzten Reise nicht auch einen Hund, der dich ein Stück des Weges begleitet hat? Hast du ihm ein bisschen zu trinken gegeben? Ihr schnauft ja beide ganz schön…..bon courage pour demain

  2. Ach, der wunderbare Durchhaltehund.
    Wie lieb.
    Wer Dir den wohl geschickt hat, damit Du nicht alleine schnaufen mußt!?

    Was die 44% angeht, da hilft leider auch kein Durchschnaufen. 🙁
    Einen antifaschistischen Schutzwall wird mir ja keiner bauen.
    Also gucke ich lieber schon einmal, wie das mit der Auswanderung nach CostaRica konkret ablaufen könnte.

    Dir wünsche ich einfach weiterhin so nette unterstützende Begleitung.
    Und multinationale und-linguale Tischgesellschaften, in denen es noch besser schmeckt als allein.

    Liebe Grüße auf den Weg!

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