Weg

Jetzt bin ich also wieder alleine in meiner kleinen Unterkunft, und es fühlt sich seltsam an. Es war auf jeden Fall sehr schön, dass Sebastian da gewesen ist, und wie es die nächsten Tage wird, das muss ich erst herausfinden.

Heute haben wir es uns noch mal schön gemacht, und es war auch ein bisschen aufregend. Da sein Bus ja erst um 13:30 Uhr fuhr, konnten wir heute ausschlafen, weil ich die Gelegenheit genutzt habe, meinen dritten Pausentag zu machen. Das heißt, wir haben erst mal richtig schön ausgeschlafen. Dann gab es Kaffee und Croissants, und dann haben wir noch mal kurz geguckt, wann der Bus wo abfährt.

Und der Bus fährt heute gar nicht! Er fährt nämlich nur montags, donnerstags und samstags. Wow, da sind wir beide doch ein bisschen nervös geworden, denn Sebastian muss heute noch bis nach Lyon kommen, um dann wieder seine schöne 10-Stunden-Fahrt im FlixBus zu unternehmen. Ein Taxi kostet 130 € oder er muss vier Stunden in das nächste Dorf laufen und dort eine ziemlich holprige Verbindung wahrnehmen, von der wir auch nicht wissen, ob sie wirklich pünktlich ankommt.

Es machte sich eine leichte Panik breit, aber zum Glück gibt es BlaBlaCar. Wir gucken drauf und tatsächlich: Heute fährt ein Ehepaar von hier aus bis nach Lyon, und zwar um 16 Uhr. Es wird schnell gebucht und tatsächlich läuft alles wie am Schnürchen. Die Fahrt wird bestätigt und wir können entspannen.

Auf den Schreck müssen wir sofort ein Mittagessen essen. Und weil wir noch Zeit haben, gehen wir noch in das einzige Museum im Dorf. Dort wird die Geschichte der Bestie des Gévaudan erzählt – und zwar in alter Pappmaché-Puppen-Manier. Aus Gruselpuppen, die Lautsprecher in ihren Bäuchen haben, schallt uns die Geschichte der Bestie auf Französisch entgegen, und wir verstehen überhaupt nichts. Es war auf jeden Fall etwas Wolfartiges, das 1700-noch-was hier sein Unwesen getrieben und hunderte von Leuten getötet hat. Sogar Ludwig XIV. soll seine besten Soldaten ausgesendet haben, um die Bestie zur Strecke zu bringen. Aber geschafft hat es dann wohl ein einfacher Bauer. Es dauert 35 Minuten und ist unfassbar langweilig. Gut, dass wir das noch gemacht haben!

Dann ist es Zeit. Wir gehen in die Unterkunft und ein letztes Mal setzt Sebastian seinen Rucksack auf. Ich werde ihn vermissen. Meinen Freund, der immer ein bisschen cool ist, mit dem ganz und gar nicht coolen orangenen Rucksack. Wir kaufen uns noch ein Eis und dann sitzen wir noch auf einer Mauer und warten, dass der 77-jährige Tesla-Fahrer kommt und ihn abholt.

Als die Tür sich schließt und er noch mal an mir vorbeifährt, macht er noch mal sein Fenster runter. Und das ist das letzte Mal, dass ich ihn sehe, bevor er verschwindet. Ein Wiedersehen gibt es erst in 8 Monaten.

Mein Rucksack ist seit gestern leichter, seit ich Sebastian Zelt, Isomatte und Powerbank gegeben habe. Heute merke ich, dass leichter nicht dasselbe ist wie leicht. Aber ich hoffe, wenn ich morgen loslaufe – ich habe mir extra 30 km vorgenommen –, ruckelt sich alles wieder ein.

Schön, dass du dabei bist,
Florian!

 

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9 Kommentare zu „Weg“

  1. Lieber Flo, du bist ja nur physisch allein, ansonsten hast du ja viele Begleiter hier.
    Herrlich,dieses Grusel Museum, erinnert ein bisschen an den Film „Pakt der Wölfe“, aber Vincent Cassel habt ihr wohl nicht getroffen! Ich hoffe, es geht morgen gut gelaunt für dich weiter! Liebe Grüße Helga

  2. Ach guck, an Pakt der Wölfe habe ich auch gleich gedacht.
    🙂
    Das wirklich Blöde daran, wenn gute Freunde da sind, ist ja, daß einem so schrecklich auffällt, wenn sie danach wieder weg sind.

    Aber wir leben ja Gottseidank in digitalen Zeiten,
    wo man nicht nur Karten und Briefe schreiben kann, die ewig lange brauchen und einen womöglich nie erreichen,
    oder Telefonzellen suchen muß und Kleingeld sammeln, damit der Anruf, wenn er denn endlich durchgeht, länger als zehn Sekunden dauert,
    sondern wo man jederzeit Kontakt aufnehmen kann, sogar Auge in Auge.
    Das kann doch sehr hilfreich sein.

    Ich bin jetzt sehr gespannt, wie es weitergeht.
    Auf jeden Fall lernt man bestimmt mehr neue Leute kennen, wenn man alleine unterwegs ist.
    Ich drück die Daumen, daß welche dabei sind, mit denen man sich wenigstens halb so gut fühlt wie mit Sebastian.

  3. Komm wieder gut in deinen Tritt! Es ist so krass, welchen Weg du per pedes zurückgelegt hast. Jedes Mal, wenn ich die Karte großziehe, staune ich und freue mich, dass das so geht! Schritt für Schritt ☀️
    Bon Courage und Buen Camino 🥾🥾

  4. Vor Sebastien war es schön, mit Sebastian war es schön und nachher wird es , warum denn nicht, auch wieder schön. Ich wünsche Dir eine gutes Weiterkommen mit leichterem Gepäck.

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