Gestern sind wir also aus Le Puy rausgewandert. Eigentlich hatten wir am Abend davor nicht so viele Pilger getroffen, aber als wir morgens die verschlafenen Gassen betreten, sind sie schon gefüllt mit Menschen mit großen Rucksäcken. Für mich ist das ein komisches Gefühl. Man sieht sie aus der Kirche rauskommen und alle drehen sich um und machen Bilder von der Kirche und von sich und haben ein Strahlen in den Augen. Es ist wie eine kleine Reise in die Vergangenheit, denn in jedem Gesicht kann man das „Jetzt geht es endlich los“ lesen. So war das bei mir auch, als ich am 13. Juli losgegangen bin, nur dass ich von meiner Haustür hinausgegangen bin und allein.
In allen von ihnen steckt der Zauber des Anfangs, und ein bisschen färbt er ab. Und da ist aber noch ein Gefühl, ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, es hat was mit Erfahrung und Ruhe zu tun und Gelassenheit.
Und natürlich sind wir beide schon trainiert und es macht auch ein bisschen Spaß, den Berg, wo wir alle hochmüssen, aus der Stadt raus in einem ordentlichen Tempo zu laufen und dabei möglichst lässig nach rechts und nach links ein freundliches Bonjour oder Bon Courage den Pilgern, die wir überholen, zuzuwerfen. Es dauert nicht lange und wir sind an der Spitze des ganzen Trupps, und dann ist es plötzlich wieder so wie immer. Zu zweit laufen wir durch eine herrliche Landschaft auf kleinen Wegen an Schluchten vorbei. Heute haben wir 26 Kilometer vor uns, aber genauso haben wir die Gewissheit in uns, dass wir es gut schaffen werden, und das ist auch ein wirklich schönes Gefühl. So können wir die Wanderung genießen, und mittags machen wir eine kleine Rast in einem Imbiss, wo wir uns einen völlig überteuerten Tomaten-Mozzarella-Salat und eine Quiche kaufen. Dazu noch eine eisgekühlte Cola, und weil wir ja jetzt Profis sind, ziehen wir unsere Schuhe aus und machen eine ganze Stunde Pause und spielen Karten.
Nach und nach trudeln die anderen Pilger ein. Beseelt, aber auch völlig am Arsch.
Einerseits bin ich ein bisschen neidisch auf das Gefühl des ersten Tages, auf der anderen Seite auch ganz schön stolz auf das, was ich bis jetzt gemacht habe, und dass ich halt nicht so völlig im Arsch bin.
Wir laufen weiter und kommen gemütlich nachmittags in unserem kleinen Städtchen an.
Schnell wird die Wäsche gewaschen, aufgehängt – wir haben ein Vierbettzimmer, was Sebastian ein bisschen Unbehagen bereitet –, und dann gehen wir runter und ich trinke mein erstes Panaché.
Köstlich erfrischend.
Abends haben wir sogar noch so viel Kraft, dass wir noch einmal auf die Burg, die über der Stadt thront, laufen, nachdem wir ein Wurst-Reis-Abendessen hatten.
Wir telefonieren mit Lisa und Lilli, meinem Patenkind, und Sebastians Frau.
Und dann schlendern wir runter in die Stadt, und während der Abend hereinbricht, alle Pilger schon im Bett und völlig fertig sind, trinke ich ganz entspannt mein zweites Panaché und spiele mit Sebastian noch eine Runde Karten, bevor auch wir angenehm müde in unsere Betten gehen.
In unserem Zimmer haben wir übrigens Rémi kennengelernt, einen Franzosen, der sehr nett ist und mit dem wir uns noch ein bisschen unterhalten und uns Gruselgeschichten über die morgige Etappe erzählen, die einen sehr steilen Aufstieg haben soll, der alles andere in den Schatten stellt.
Dann, heute Morgen, gibt es erst mal das obligatorische Baguette-mit-Plastikschälchen-Marmelade-Frühstück.
Wir sind motiviert, aber haben natürlich den Gruselaufstieg die ganze Zeit vor unserem inneren Auge. Und so laufen wir konzentriert und zügig durch die aufgehende Sonne. Sebastian ist ganz angekommen und es macht richtig Spaß heute zusammen. Leider ist es der letzte Tag, aber wir waren wirklich ein richtig gutes Team. Es geht Waldwege mit Steinen und Wurzeln runter und irgendwie fühlt es sich immer ein bisschen an wie früher, wenn man Überlebenstraining gespielt hat. Ein richtig kleines Abenteuer halt. Dann sind wir angekommen in der Talsohle und vor uns der Anstieg des Todes. Wir haben uns vorgenommen, heute nicht hinaufzurennen, sondern im gleichbleibenden mittleren Tempo den Anstieg anzugehen. Wie richtige, voll professionelle, absolut durchtrainierte Wanderprofis halt. Und genauso machen wir es: Schritt für Schritt stapfen wir den Berg hoch. Die Geheimwaffe ist übrigens schöne Musik auf den Ohren, und während der Schweiß von meiner Stirn heruntertropft, wechseln wir uns wortlos ab und jeder übernimmt mal die Führung. Ich fühle mich sehr profimäßig mit Sebastian. Und tatsächlich, nach einer Stunde haben wir es geschafft und ehrlich gesagt: Wir sind vollkommen okay. Jetzt kann uns eigentlich nichts mehr passieren. Gedanklich buchen wir schon eine Expedition zum K2.
Nun geht es nur noch auf 1100 Meter, sanft rauf und runter, an Kühen vorbei und es ist das perfekte Wetter. Es ist kühle Luft, aber die Sonne scheint, genau so soll es sein.
Und um 13 Uhr sind wir schon angekommen und steuern zielstrebig die erste Bar an, wo wir Christoph und Claudit treffen, mit denen wir uns wirklich nett unterhalten, da sie erstaunlicherweise neben Französisch auch Englisch sprechen.
In unserer Unterkunft passiert dann was Magisches, denn ich gebe Sebastian mein Zelt, meine Isomatte und meine Powerbank, und ab jetzt bin ich 2 1/2 Kilo leichter unterwegs, was mich eigentlich schwerelos macht.
Es ist so, so cool, am liebsten würde ich gleich weiterlaufen, aber morgen ist Ruhetag, weil ich Sebastian noch zum Bus bringe, der erst um 13 Uhr fährt.
Es ist auf jeden Fall sehr schade, dass er fährt, aber heute Abend denken wir noch nicht daran.
Wir haben uns einen Tisch in einem Restaurant reserviert und ein letztes Mal Plat du jour zusammen.
Es gibt Langue de bœuf, und weil wir nicht wissen, was es ist, bestellen wir es und haben kurze Zeit später schöne Kuhzunge auf unseren Tellern, aber sie schmeckt köstlich.
Ich glaube, Sebastian freut sich schon sehr auf Zuhause, denn er wird sehr vermisst, und ein kleines bisschen würde er auch gerne mit mir weiterlaufen.
Ein letzter Wein, dann nach Hause und uns die Hucke vollschnarchen.
Es war toll.
Schön, dass du dabei bist.
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Das war fein, mit Euch zweien zu gehen
und Sebastian ist doch auch grad so schön eingelaufen.
Ich finde ja, er sollte spätestens zur Kirschblüte nochmal dazu stoßen,
aber vermutlich finden das seine Frauen nicht.
Immerhin ist ja ab jetzt offenbar mehr los auf dem Pilgerweg
und vielleicht bist Du ja zukünftig auch mal ganz froh, wenn Du für Dich
sein kannst.
Neuer Abschnitt, neues Glück.
Und wir wandern ja alle weiter mit.
Weil es so Spaß macht.
Gut’s Nächtle!
ja ich glaube das mit Japan wird leider schwierig.
Und das gute ist wirklich das du und ihr mich begleitet
Und morgen ist schönes Wetter 😉
Vive l’amitié❤️❤️
ja sie lebe hoch
Wie schön 💕
❤️❤️❤️
Hallo Florian, mein Name ist Uwe, 57 Jahre. Ich habe Deine Nachricht gestern in der Pilgerraststätte in Borg gelesen. Daher so knapp einen Monat hinter Dir. Mir ist es schleierhaft, wie Du alles schaffst und auch so locker bist. Ich selbst hatte gestern keinen guten Tag. Aufgebrochen bin ich am 16.8 im Sauerland.
Dir weiterhin eine gute Wanderschaft.
Gruss Uwe
Hallo Uwe,
danke für deine Nachricht, und dass du meine gefunden hast in Borg – das ist ja schon eine kleine Verbindung über einen Monat und ein paar hundert Kilometer hinweg.
Locker bin ich übrigens längst nicht immer, das täuscht dann wahrscheinlich beim Lesen. Es gibt genug Tage, an denen ich auch keine Lust mehr habe, verlaufe mich, oder sitze abends fix und fertig irgendwo und frage mich, warum ich das eigentlich mache. Das gehört einfach dazu, und ich glaube, das ist auch okay so.
Magst du mir erzählen, was gestern bei dir schwer war? Und wie lange willst du eigentlich unterwegs sein – hast du dir ein Ziel gesetzt, oder schaust du, wie weit du kommst?
Ich bin mir jedenfalls sicher: Du schaffst das. Der erste Monat ist oft der zäheste, weil der Körper sich noch dran gewöhnen muss und man noch nicht so richtig weiß, wie man sich das Laufen einteilt. Das wird leichter.
Gute Wanderschaft auch dir, und schreib gern, wie es weitergeht.
Florian
Guten Morgen aus Metz, konnte es gar nicht bestimmen, woran es genau lag. Vielleicht waren es viele Faktoren, Wetter, Sturm und das nun Frankreich vor mir liegt. Ich kann die Sprache nicht und habe auch ein etwas zwiespältiges Verhältnis. Hat mit meinem früheren Job zu tun. Gehe jetzt immer fast 40 km, denn da hat man was zu tun.
Das es bei dir weiter südlich so kalt ist, hätte ich nicht vermutet.
Wünsche dir weiterhin einen guten Weg und viele Pilgerbrüder-schwester.
Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn man die Sprache nicht spricht und dann noch gemischte Erinnerungen aus der Vergangenheit mitschwingen, fühlt sich so ein Grenzübertritt schnell mal wie eine große Hürde an. 40 Kilometer am Tag sind ein enormes Pensum – da hast du definitiv genug zu tun! Pass aber gut auf dich und deine Füße auf, nicht dass der Weg zur Flucht wird. Manchmal hilft diese körperliche Auslastung ja aber auch sehr gut, um den Kopf einfach mal auf Durchzug zu stellen.
Hach so schön, dass ihr einen Teil des Weges zusammen gehen konntet!!!
Nach Wochen zusammen im Fiat Panda, kann Euch beide nichts schocken 😉
Genieß das leichtere Gepäck und ein bisschen mehr Pilger auf dem Weg.
Danke, dass Du uns so schön mitnimmst!
ja das war wirklich toll