Waschtag

Das muss ich jetzt noch mal loswerden: Ich schaffe es einfach nicht, das Höhenprofil in meinem Wanderführer richtig zu lesen.

Heute z. B. habe ich darauf geguckt und dachte: Ach, sieht halt ein bisschen hügelig aus, aber im Großen und Ganzen nicht schlimm. Zack, eine Stunde später weiß ich nicht mehr, ob ich ein- oder ausatmen soll. Es ist immer so ein Diagramm: Unten stehen die Kilometer und der Balken nach oben zeigt, wie hoch es hinausgeht. Und jetzt kann es gerne mal 200 Höhenmeter nach oben gehen – aber wenn das auf einer Strecke von 10 km passiert: nicht schlimm. Passiert das Gleiche aber auf einer Strecke von drei Kilometern, dann stirbt man einfach. Irgendwie kontrolliere ich nie so richtig die unteren Zahlen, sondern gucke immer nur: Der Hügel sieht klein aus, der Hügel sieht groß aus. Schön dumm!

Aber was ich immerhin schon weiß: Wenn die Hügel am Anfang vom Tag auf dem Diagramm kommen, ist es viel, viel besser, als wenn sie am Ende kommen. Denn es gibt noch eine komische Sache: Egal wie lange man geht, die letzten zwei Kilometer – die sind immer scheiße. Da denkst du, das hört nie auf. Gehst du 34 km, sind 32 km kein Problem, und exakt ab Kilometer 32 willst du einfach nur noch aufhören. Das Gleiche funktioniert aber auch, wenn du nur 16 km gehst. Und irgendwie kann man sich nicht selber verarschen. Ich habe schon probiert, indem ich mir innerlich immer gesagt habe: Heute gehe ich 34 km. Aber irgendwie denkt der Körper: Ich bin doch nicht bescheuert. Wir sind gerade zwei Kilometer vor dem Ziel, ich fahre jetzt mal runter.

Aber dann hatte ich heute zwei sehr besondere Begegnungen.

Zuerst habe ich Alain getroffen. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs von Belgien. Eigentlich wollte er es mit seiner Tochter zusammen machen, aber sie hat Long COVID und kann sich fast nicht bewegen und ist unglaublich müde, die ganze Zeit. Deswegen ist er einfach losgefahren und hat gesagt, er bringt die Reise nach Hause. Das heißt, er macht jeden Tag eigentlich genau das Gleiche wie ich für euch, nur viel ausführlicher: Er macht jeden Tag unzählige Videos, manchmal auch Zoom, und bringt so seiner Tochter Frankreich nach Hause. Und irgendwie verreist sie so doch ein bisschen mit ihm. Ich fand das irgendwie total schön und habe sie natürlich auch gegrüßt.

Die zweite besondere Begegnung war heute vor dem Intermarché. Dort stehen nämlich immer öffentliche Waschmaschinen. Das ist echt super, das könnte man in Deutschland auch mal machen. Auf jeden Fall, weil ich noch ein bisschen Zeit hatte, bevor ich in meine Unterkunft gehen konnte, habe ich gedacht: Jetzt wasche ich mal alles durch, was ich so habe. Weil so richtig, richtig sauber wird das ja mit Handwäsche immer nicht.

Gestern habe ich übrigens meine Wanderklamotten und mich selber auch (inklusive Haare) mit Geschirrspüli gewaschen, weil es in der Pilgerherberge nichts anderes gab. Ich kann sagen: funktioniert super! Man riecht halt ein bisschen wie sauberes Geschirr.

Na ja, heute sollte auf jeden Fall alles dran sein, also alle Kleider, die ich habe. Das heißt, ich wollte nur meine lange Hose anziehen und das eine Ersatzshirt, was ich sowieso bald wegschmeißen will.

Da Sonntag war, war natürlich niemand auf dem Parkplatz, alles leer. Also schlüpfe ich schnell aus all meinen Sachen raus, stehe kurze Zeit nackt auf diesem Parkplatz rum – und in dem Moment kommt ein Auto zur Tankstelle, die offensichtlich auch eine Do-it-yourself-Tankstelle ist.

Und wie das so ist, wenn man schnell machen will: Man ist so richtig, richtig langsam. Ich ziehe meine Hose hoch, ein Mann steigt aus dem Auto. Ich ziehe mein Hemd an. Er tut so, als hätte er mich nicht gesehen, und ich tue auch so.

Wenigstens bin ich jetzt mit komplett gewaschenen Klamotten in der Unterkunft. Und so schnell werde ich das wahrscheinlich nicht noch mal machen – oder ich gucke vorher, ob da irgendeine Tankstelle in der Nähe ist!

Schön, dass du dabei bist!

Florian

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5 Kommentare zu „Waschtag“

  1. Das mit Alain finde ich richtig schön.
    So verreist seine Tochter doch wenigstens virtuell mit ihm.

    Und die Waschstory ist auch gut.
    War ja eigentlich auch nicht mißzuverstehn,
    warum Du da mal kurzfristig ziemlich nackt unterwegs warst.

    Ich bin grad in Berlin und hab mir heute „Spaziergang“ nach Syrakus“ angeguckt.
    Und der Schriftsteller, der das gleichnamige Buch geschrieben hat, hat wohl mal gesagt, er mag das Gehen, weil man dabei selbständig denken kann.
    Da hab ich an Dich gedacht.

    Liebe Grüße aus der Hauptstadt!
    Morgen besuche ich noch die Gorilladame, die im gleichen Jahr geboren ist wie ich.

    1. Stimmt ja, liebe Eva. Du hast ja jetzt auch immer immer Ferien. Dann wünsch ich dir ganz viel Spaß in Berlin. Und grüß. Die Gorilladame. Ich freue mich auf jeden Fall immer sehr über deine Kommentare.
      die liebsten grüße
      florian

    1. Na, das freut mich ja. Das ist ein bisschen für Belustigung sorgt. Es ist auch manchmal ein bisschen kurios. Aber im Großen und Ganzen fühle ich mich sehr wohl. Gerade wart ich ein bisschen, dass der Regen aufhört.

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