Als ich aufstehe, riecht das ganze Haus schon nach frischem Kaffee. Ich gehe runter. Wie könnte es anders sein? Es ist ein herrlicher Frühstückstisch gedeckt. Ich bekomme sogar ein Frühstücksei. Sehr glücklich verabschiede ich mich von den beiden und gehe noch mal zum Dom, extra für euch, weil er jetzt natürlich total schön leer ist morgens, und dann wandere ich bei herrlichem Sonnenschein aus Trier raus. Ehrlich gesagt, ich kann Thomas verstehen. Trier hat mich sehr gut aufgenommen und empfangen. Ich bin ab jetzt auch Trier-Fan.
An der Mosel entlang wandere ich immer weiter und bin ganz schön froh, dass ich mir am Frühstückstisch noch ein Brötchen gemacht habe, denn es hat nichts offen und es gibt auch keine Lädchen. Also um 12 Uhr mein Brötchen mit Schinken und Käse gegessen. All meine Hoffnungen liegen jetzt auf Mannebach, und dort soll nämlich heute eine Kirmes stattfinden. Ich sehe schon gezuckerte Äpfel und Gummibärchen vor mir.
Bei einer Kirche habe ich die Hoffnung, meinen heutigen Stempel abzusahnen, damit ich auch ja nachweisen kann, dass ich den ganzen Weg gelaufen bin. Ich treffe eine Frau, die Franziska heißt, und frage, ob es einen Stempel gibt. Sie sagt, hier gebe es keinen, aber in irgendeinem anderen Dorf, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, weil ich nicht durchlaufe.
Wir kommen ins Gespräch. Sie ist auch schon mal den Jakobsweg gelaufen, mit ihrer Freundin, aber nur 120 km, und sie haben sich das Gepäck nachschicken lassen, aber das war herrlich. Nur einmal hätte sie sich verlaufen, und da hat sie wirklich Angst bekommen, weil keiner mit ihr geredet hat. Die Spanier seien manchmal auch ein bisschen komisch, und da hatte sie ein bisschen Angst und habe an ihren Mann gedacht, der alleine zu Hause sitzt. Aber dann ist doch alles gut gegangen.
Es ist ein nettes Gespräch und am Ende wünscht sie mir viel Glück auf meiner Reise. Wir verabschieden uns, ich laufe weiter und dann fährt sie noch mal mit dem Auto an mir vorbei. Ich winke, sie bleibt kurz stehen und drückt mir 10 € in die Hand. Sie sagt, das ist ihr Notgroschen und dass ich ihr doch bitte in Santiago eine Kerze anzünde. Ich verspreche es und sie fährt weiter.
Sie musste ein wenig lächeln. Jetzt waren die 10 Euro, die sie immer dabei hatte, doch endlich mal ihrer Bestimmung zugekommen.
Als sie mit ihrem weißen Toyota, den ihr Mann gekauft hatte und der ihren so geliebten Citroën DS, die „Göttin“, ersetzt hatte, um die Biegung der kleinen Dorfstraße fuhr, sah sie Florian im Rückspiegel noch einmal winken, und dann war er verschwunden. Sie dachte an ihren Mann, der nicht durch ein neueres Modell ersetzt wurde, sondern, als er kaputtging, auf dem Schrottplatz der Menschen langsam zerfiel.
Was für eine verrückte Idee: bis nach Santiago laufen von Düsseldorf aus und auch noch im Zelt übernachten.
Viel würden ihm die 10 Euro wohl nicht helfen, aber vielleicht ein warmes Abendessen oder zumindest eine Brotzeit am Mittag. Dann bog sie in die Einfahrt ihres Hauses, das recht schön gelegen am Ortseingang von Mannenbach lag – das letzte Haus in der kleinen Straße, die dann zum Feldweg wurde.
Ja, früher hätte sie auch verreisen wollen. Italien vielleicht oder auch Spanien, aber irgendwie war es nie dazu gekommen. Nicht schlimm, aber …
Sie öffnete die Tür, setzte sich auf die kleine Bank im Flur, zog ihre Schuhe aus und schlüpfte in die weichen Samthausschuhe, die sie damals in der Stadt gekauft hatte bei einem ziemlich schicken und überaus modernen Schuhgeschäft. Das musste in den 80ern gewesen sein.
Sie erinnerte sich noch genau, wie der schmucke Schuhverkäufer vor ihr auf die Knie ging und sie etwas aufgeregt zu ihrem Mann schaute, der aber völlig desinteressiert auf Wanderschuhe starrte.
Sie wandte sich wieder dem Schuhfachverkäuferprinzen zu, der, obwohl sie feste Schuhe suchte, ein Paar samtblaue Furlane vor sie stellte und sagte: „Nehmen Sie diese, Signora. In Venedig nennen wir sie Veneziane. Sie wurden für Gondolieri gemacht – sie rutschen nicht auf feuchtem Holz und hinterlassen keine Kratzer.“
Noch einmal schaute sie etwas nervös zu ihrem Mann, nur um dann schnell wieder bei dem zu sein, der sie Signora genannt hatte, und lächelnd nickte sie.
Sie stand auf, öffnete die Tür des Schrankes, nahm einen Kleiderbügel heraus und hängte die leichte Sommerjacke ordentlich darauf. Dabei blieb sie mit dem Blick an dem hängen, was ihr Mann nur die „alte Kraxe“ genannt hatte: ein blauer Rucksack, den sie sich nach dem Studium gekauft hatte, der aber nie gebraucht wurde, genauso wenig wie ihr Sprachstudium. Es lagen einfach zu viele Kinder und zu viel Leben dazwischen.
In das Café auf dem Markusplatz, wo livrierte Kellner überteuerten Cappuccino servierten und unter freiem Himmel auf Violinen gespielt wurde.
Sie wollte zu Florian.
Eigentlich hätte sie auch mit dem Auto fahren können, aber jetzt stand sie an der Bushaltestelle und musste ganz dicht mit der Nase an den Abfahrtsplan gehen, damit die Buchstaben in der Dämmerung nicht verschwammen: 19:37 Uhr, nur bis Abzweig Sinzerfeld.
Und bevor sie wusste, wie es weitergehen sollte, wurde sie von zwei Scheinwerfern geblendet. Quietschend hielt der Bus an und zischend öffnete sich die Tür.
Sie stieg ein und setzte sich erst einmal hin, um ihr Portemonnaie aus der alten Kraxe herauszusuchen und einen Fahrschein zu kaufen.
Sie öffnete die kleine Tasche am Hüftgurt und versuchte, es herauszufischen, aber ihre Finger griffen ins Leere. Sie öffnete die Tasche auf der anderen Seite, und das traurige Schauspiel wiederholte sich – nur, dass ihr jetzt das Blut in den Kopf schoss.
Sie leerte den ganzen Rucksack. Was hatte sie überhaupt mitgenommen? Wer braucht in Italien schon einen Fahrradponcho oder Hausschuhe? Immerhin hatte sie auch eine Zahnbürste dabei, aber warum in aller Welt hatte sie überhaupt keine Kleidung eingepackt?
Aber es gab kein Zurück. Sie musste sich still verhalten, denn sie war eine Schwarzfahrerin, eine Verbrecherin, unterwegs zur Kreuzung Sinzerfeld.
An der Endstation machte der Busfahrer die Türen auf und ging hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Als das Feuerzeug endlich anging, hörte er ein Knarren hinter sich und sah etwas, das sich einen Regenponcho über das Gesicht gehängt hatte und mit Rucksack aus dem Bus schlich. Er schüttelte nur den Kopf, sah auf seine Uhr, warf verärgert die Zigarette auf den Boden, stieg in den Bus, ohne sie auszutreten, und fuhr ab.
Sie wusste gar nicht, wie viel kriminelle Energie offensichtlich in ihr steckte und dass Tarnung ein viel zu lange verborgenes Talent von ihr war – obwohl sie es eigentlich schon immer geahnt hatte, wenn sie daran dachte, wie selten sie auch sonst bemerkt wurde.
Da saß sie nun um 20:31 Uhr an dem Abzweig Sinzerfeld und starrte auf die noch rauchende Zigarette am Boden.
Und nicht nur, weil es cool war, sondern weil sie auch mal gelesen hatte, dass Zigaretten das Hungergefühl unterdrücken, hob sie den Glimmstängel – nein, die Fluppe, ach egal, einfach die Zigarette – auf und nahm einen ordentlichen Zug.
Also, eine Sache funktionierte, die andere nicht: Sie sah absolut uncool aus bei dem Hustenanfall, den sie bekam und der ihr die Tränen in die Augen trieb. Allerdings war ihr schlagartig so übel, dass jedes Hungergefühl verschwunden war.
Plötzlich wieder Scheinwerfer, und ein Käfer blieb stehen. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt und aus der Dunkelheit des Innenraumes klang es: „Hey Mädel, wo willst du hin? Ich fahre nach München.“
Mädel! Was dachte sich der Kerl? Als ob eine anständige Dame wie sie einfach so in das erstbeste Auto einsteigen würde. Aber dann fiel ihr die Zigarette in ihrer Hand wieder ein, und mit einem schiefen Lächeln dachte sie: Anständige Damen rauchten schließlich auch keine fremden Kippen von Bushaltestellen. Sie stieg ein.
Es dauerte nicht lange, und als die Nutten sich vor der großen Stadt die Füße platt standen, war sie eingeschlafen.
„So Mädel, du hast mich wirklich gut unterhalten“, lachte der Kerl, und sie sah nur einen großen, feuchten Fleck auf ihrer Schulter, den die Nacht und der Schlaf aus ihrem Mund hatten herausrinnen lassen. Sie versuchte möglichst souverän und lässig zu wirken, als sie in München vor dem Bahnhof fast aus dem Käfer fiel. Verführerisch lächelnd bedankte und verabschiedete sie sich, was einen neuen Lachanfall aus dem Inneren des Käfers zur Folge hatte. Offenbar gehörte ein verführerisches Lächeln nicht zu ihren verborgenen Talenten.
Der Käfer wendete, und als er noch einmal an ihr vorbeifuhr, öffnete sich noch mal kurz das Fenster und eine Stimme sagte: „Mädel, du musst schon auf dein Zeug aufpassen.“ Und sie nahm das, was eine Hand aus dem Fenster streckte, entgegen und schaute verdutzt und gänzlich unkriminell dem Käfer hinterher – und auf die fünfzig Mark, die sie in den Händen hielt.
In der großen Bahnhofshalle kaufte sie sich zuerst eine Brezel, denn die Übelkeit war weg. Sie nahm die Brezel entgegen, biss hastig in sie hinein, bedankte sich mit vollem Mund und reichte den 50-Mark-Schein mit einem „bütöschön“ über die Theke.
„Bisd debbad, hosd as ned gloana?“
Sie war ratlos und fragte mit vollem Mund noch mal nach: „wü bütte?“
„Mei God, du bisd woi s’easchde Moi in da Schdod, Mädl, loss as Gejd moi schdegga.“
Verzweiflung. Sie versuchte es noch mal mit ihrem Nicht-Talent, dem verführerischen Lächeln.
Wieder die gleiche Reaktion: ein prustendes Lachen, dann Stille und dann ein ziemlich barsches:
„Schleich di. Schaug, dass d‘ weida kimmst.“
Auch wenn sie keinen Ton verstanden hatte, es war klar: Sie sollte gehen, und das tat sie auch.
Sie ging die Bahnsteige ab, an denen die Züge bereitstanden, ihre Passagiere in die entlegensten Ecken der Welt zu fahren.
Augsburg z. B. oder Passau oder Nürnberg. Oder Venezia.
Sie blieb wie angewurzelt stehen. Hausschuhe, Cappuccino, Florian, Markusplatz, und in ihrem Kopf die Stimme des Schuhverkäufers: „Nehmen Sie diese, Signora.“
Schnell rannte sie zum Fahrkartenschalter: „Einmal Fahrkarte für den Zug auf Gleis 7!“
„Imma schee langsam, Fräilein, wejche Klass mechtns’n foahn: oans, zwoa oda drei?“
„Was?“
„Des hoassd, biddschee, oans, zwoa oda drei.“
„Nein, sieben, sieben, Venezia, sieben!“
Sie hörte eine blecherne Stimme in ihrem Rücken: „Eurocity 328 nach Venezia, bitte einsteigen, Türen selbsttätig.“
Noch einmal schrie sie dem Mann hinter dem Schalter ein verzweifeltes „Sieben!“ entgegen, dann rannte sie und sprang in den Zug, dessen Türe sich krachend hinter ihr schloss.
Der Zug setzte sich ruckartig in Bewegung und sie taumelte voran, an den vollbesetzten Abteilen vorbei durch den schmalen Gang.
In einem Abteil war nur eine ältere Dame, aber auf der kleinen Tafel, in der die Reservierungszettelchen steckten, wurde deutlich, dass auch dieses Abteil spätestens in Innsbruck voll besetzt sein würde.
Sie hatte keine andere Wahl, denn auf dem Gang stehend wäre sie noch mehr aufgefallen. Also öffnete sie die Tür und versuchte, sich so selbstverständlich wie möglich hinzusetzen.
Die Dame lächelte ihr freundlich zu: „Grüß Gott.“
Wie vom Donner gerührt starrte sie die eigentlich ganz normal wirkende Dame an.
Diese beugte sich leicht vor und wiederholte noch einmal: „Grüß Gott.“
Und mit dem Mut der Verzweiflung reckte sie ihren Kopf gen Abteildecke und rief doch recht laut: „Gott, ich grüße dich!“ Und weil sie sich nicht zu helfen wusste, bekreuzigte sie sich dreimal, um ihre Inbrunst zu unterstreichen, und setzte dann einfach ihre Geheimwaffe ein, um die Situation aufzulockern: das verführerische Lächeln.
Die ältere Dame hatte den Mund halb geöffnet, die Augen jedoch weit aufgerissen, stand auf und verließ das Abteil.
Ihr Herz hämmerte und sie fand insgeheim, genau so müsse es sein auf der Flucht – als Vagabundin, als eine, die schwarzfährt.
Ja, genau, eine, die schwarzfährt. Sie hatte ja auch für diesen Zug keine Karte. Leise öffnete sie die Tür und sah nach links: nichts. Nach rechts: nichts, nur ein Schaffner, der die erste Abteiltür am Ende des Ganges aufriss und „Fahrkarten, bitte!“ hineinschrie. Also höchstwahrscheinlich schrie er nicht, aber in ihrem Kopf war es das lauteste Geräusch.
Noch 5 Türen. Also nur raus und vom Schaffner weg – in die Arme des plötzlich aufgetauchten zweiten Schaffners am anderen Ende des Ganges gelaufen.
Sie stolperte zurück in das Abteil und zog hastig die Vorhänge an den Türen zu, in vollem Bewusstsein, das würde sie nicht retten. Die einzige Hoffnung war, sich schlafend zu stellen, und sie schloss die Augen und in einem Akt der Verzweiflung öffnete sie ihren Mund halb und ließ Speichel einen kleinen See der Glaubwürdigkeit auf ihrer Schulter bilden.
Nur noch drei Türen rechts, zwei Türen links. „Die Fahrkarten, die Fahrkarten, bitte, bitte.“ Noch eine Tür, dann …
Eine blecherne Stimme: „Nächster Halt Innsbruck. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“ Und ruckelnd kam der Zug zum Stehen.
Menschen strömten raus und Trauben warteten vor dem Zug, einzusteigen.
Ihr Ganovenhirn raste. Was würde sie tun, wenn sie sie wäre, nur in cool? Denn eins war klar: Nicht nur Leute kamen in das Abteil, sondern auch Grenzbeamte, sobald sie die nächste Station, Brenner, erreichen würden. Schon hörte sie die ersten Schritte der Zugestiegenen, und dann wurde die Tür zu ihrem Abteil aufgerissen und sie sah Herren- und Damenschuhe, die Platz nahmen auf den Sitzen, unter denen sie jetzt lag und nach oben gegen die Federung starrte und sich fast nicht traute zu atmen.
Sie spürte, wie ihr Herz sich langsam beruhigte, und nach einer gefühlten Ewigkeit konnte sie auch nicht mehr auf dem Rücken liegen. Also drehte sie sich, so leise sie konnte, auf die Seite und hätte laut geschrien, wenn ihre Hand ihr nicht zu Hilfe gekommen wäre, die sich fest auf ihren Mund presste.
Sie sah in die braunen Augen eines Mannes, der, gut frisiert, mit ordentlicher, aber abgetragener Kleidung, sie ängstlich anschaute und zusammengekauert unter den gegenüberliegenden Bänken des Abteils lag.
Zaghaft hob er die Hand, und ihre löste sich vom Mund und winkte zurück, und so wurden sie Komplizen. Und jetzt begann das verborgene, lautlose Ballett der Hände und Münder.
Er fuchtelte wild herum, deutete auf sich, aber nicht mit einem Finger, sondern mit der ganzen Hand, deren Finger und Daumen oben zusammenliefen, und formte irgendetwas mit seinen Lippen.
Sie versuchte, es zu entziffern.
„Ich sonne Antonio.“
Das ergab überhaupt keinen Sinn.
Sie bedeutete ihm, langsamer zu sprechen. Kurze Unterbrechung, weil die Füße der Passagiere sich bewegten, dann noch mal:
„Ich sonne Antonio.“
Und plötzlich verstand sie: Er war Italiener!
„Io sono Antonio.“
Er war Antonio, ihre Augen leuchteten, und jetzt endlich, nach Jahren, konnte sie das sagen, was sie sich während ihres Studiums schon immer gewünscht hatte.
Und ihr Mund formte:
„Mi chiamo Francesca.“
In diesem Moment war sie die blöde Franziska endgültig losgeworden und war, was sie immer sein wollte: die mutige, leidenschaftliche, verschwörerische Francesca, Komplizin von Antonio mit den braunen Augen.
Und Antonio verstand sofort. Ein Lächeln huschte über seine Lippen und er sagte:
„Sono felice, sei così bella.“
Und bevor sie rot werden konnte, beschloss Francesca, die Unerschrockene, ihn zu ärgern und ihre absolute Geheimwaffe, ihr Nicht-Talent, einzusetzen, und sie sendete ihm ihr verführerischstes Lächeln.
Antonio aber sah sie nur an, machte mit der Hand eine Bewegung, als ob er etwas fangen würde, und drückte sie auf sein Herz.
Sie musste kurz nach oben an die Polsterung starren, sonst wäre sie geplatzt vor Glück.
Nach endlos kurzen Stunden, in denen sie sich durch seine Augen sah, kam der Zug in Santa Lucia, Venedig, an. Und als die Fahrgäste ausstiegen, mischte sich auch ein unauffällig auffälliges Komplizenpaar, Hand in Hand – natürlich nur als Tarnung –, unter den Strom der den Zug verlassenden Touristen.
Hunger hatten sie, aber wollten doch nicht essen, und so fanden sie in einer kleinen Seitenstraße abseits des Getümmels am Nachmittag ein kleines Zimmerchen, das eine Signora wissend lächelnd ihnen ohne viele Fragen überließ. Und Franziska dankte innerlich der Stimme aus dem Käfer.
Das Zimmer war spartanisch eingerichtet mit Bett, Tisch und Stuhl und roch nach Holz und Salz.
Die braunen Augen standen vor ihr und zwei Lippen murmelten „Francesca“, als sie spürte, wie die Kleider ihre Körper verließen und sie ineinander eintauchten.
Und sie schmeckte das Salz in der Luft auf seiner Haut und wurde atemlos und wieder atemlos, bis sie umschlungen einschliefen.
Als Francesca erwachte, wedelte ein 20-Mark-Schein vor ihrer Nase und Antonio sagte mit einem breiten Grinsen: „Qualcosa di fantastico, qualcosa di fantastico!“
Francesca musste kichern und dachte an die Nacht.
Er aber warf ihr die Kleider zu, konnte es nicht abwarten, bis sie sich angezogen hatte, und stürmte Hand in Hand mit ihr los.
Es dauerte, bis er ihr endlich bedeutete, sie solle stehen bleiben und die Augen schließen. Dann fühlte sie nur noch seine große Hand, die sie bestimmt in eine Richtung zog.
Francesca war glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Es war, als würde sie sogar Geigen hören, so vollkommen war alles. Und die Geigen wurden lauter und lauter, bis er stehen blieb und sie die Augen öffnete. Vor ihr standen drei Männer mit Violinen, Kaffeestühle und zwei Cappuccino auf einem kleinen Tisch. Sie schaute hoch: Sie war angekommen, endlich! Sie stand auf dem Markusplatz vor dem Café Florian.
Wie im Taumel nahm sie noch wahr, dass Antonio einem Fotografen seine letzten 20 Mark zusteckte. Dann spürte sie ihn hinter sich, und zwei kräftige Arme umschlangen sie, um sie nie wieder loszulassen. Dann blitzte es.
Das weiße Licht schien für einen Sekundenbruchteil die ganze Welt zu verschlucken.
Und als der Blitz aus ihren Augen verschwand und sie wieder scharf sehen konnte, stand Franziska im Flur. Sie ging langsam zu dem kleinen Fenster, das auf Kipp stand, schloss es und zog die Vorhänge zu. Noch ein letztes Mal schaute sie auf den blauen Rucksack im Schrank, den ihr Mann immer nur die „alte Kraxe“ genannt hatte.
Dann schloss sie leise die Tür des Schrankes und ging ins Bett.
Ja, ich bin dann in Mannebach angekommen. Die Kirmes bestand aus einem Wagen, der Bier verkauft hat, und einer Hüpfburg. Keine Äpfel, keine Gummibärchen. Wenigstens gab es im Brauhaus ein Schnitzel für mich.
Morgen geht es 28 km weit und auf der Strecke gibt es keine Verpflegung. Das heißt, hoffentlich kann ich mir beim Frühstück morgen heimlich etwas wegstecken.
Schön, dass du dabei bist!
Florian
Bilder des Tages
Da bin ich
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Was eine Reise nach Italien 🥰