2 Becher Erdbeereis

Der Tag fängt eigentlich ziemlich früh an. Um 5:50 Uhr werde ich wach, liege noch ein bisschen in meinem Zelt und starre an die Decke, bevor ich mich zur Morgentoilette aus meinem Zelt hinausschäle. Und da wird es magisch, genau jetzt. Die Sonne geht auf und taucht meinen Nachtwald in ein unbeschreibliches Rot. Jeder redet vom Sonnenuntergang. Dabei ist der Sonnenaufgang eine der schönsten Sachen, die ich kenne. Er ist wie frisches Wasser, nachdem man wirklich richtig durstig war – nur eben als Licht.

So, jetzt packe ich alles zusammen und verstaue es in meinem Rucksack. Das dauert bis ungefähr 6:50 Uhr. Ich weiß auch nicht, irgendwie müsste das doch schneller gehen. Um 7 Uhr bin ich auf der Straße. Schöne Musik angemacht und los geht es. Die ersten zwei Kilometer sind ja eigentlich umsonst, weil ich gestern ja früher gestoppt habe. Das ärgert mich ein bisschen. Also nicht, dass ich früher gestoppt habe, aber dass sie umsonst sind. Das heißt, meine eigentliche Wanderung beginnt erst zwei Kilometer später. Also 20 Minuten später – 20 Minuten umsonst gelaufen, grrr.

Als ich mir 6 km später (was ja eigentlich nur vier sind) mein ehrliches Pilgerfrühstück mache – aus einem Wurstzipfel, das klingt so schön wie in alten Geschichten, einem Stück Käse und einem Kanten Brot –, das ich alles mit dem von Jonas geschenkten Opinel zurechtschneide, denke ich daran, dass ich heute wirklich in Trier ankomme. Gefühlt meine erste Etappe auf einer langen, langen Reise. Ich habe die Eifel überquert. Das ist schon was! Wie viel es wirklich ist, wird sich später am Abend noch zeigen.

Irgendwie wandert es sich leicht, obwohl es heute 29 Grad sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich zwei Stunden vor dem Ziel einen kleinen Bach sehe, lange mit mir hadere, mich dann umgucke, meinen Rucksack abstelle, mich splitterfasernackt ausziehe und in den Bach hineinlege. Herrlich erfrischend! Die letzten Kilometer verfliegen ziemlich schweißtreibend im Flug.

Heute werde ich bei einer Familie sein, bzw. bei Thomas und Hedi, die sich bei mir gemeldet haben, als ich in die Facebook-Gruppe „Ein Dach für Pilger“ geschrieben habe, dass ich noch eine Unterkunft für Trier suche. Weil ich aber erst um 16 Uhr dort ankommen darf und ich schon um 14 Uhr in der Stadt bin, gehe ich in ein Eiscafé und bestelle einen ehrlichen Becher Erdbeereis. Und irgendwie, weil es heute so ein besonderer Tag ist, mache ich etwas, was ich noch nie gemacht habe: Ich gehe in das nächste Eiscafé und bestelle mir wieder einen ehrlichen Becher Erdbeereis. Noch kurz bei Rossmann ein paar Sachen eingekauft, und dann geht es auch schon zu Thomas und Hedi.

Und was soll ich sagen? Diese Unterkunft ist etwas ganz Besonderes, denn die große Leidenschaft von Thomas und Hedi ist es, Gastgeber zu sein. Nachdem ihre Kinder ausgezogen waren, hat eine Tochter von ihnen gesagt: „Warum macht ihr denn nicht aus den Zimmern Gästezimmer für Pilger?“ Sie war nämlich auch schon gewandert und hat ihren Eltern von der Dankbarkeit erzählt, die sie empfunden hat, wenn sie in der Fremde aufgenommen wurde. Und so bekomme ich ein Gästezimmer bei den beiden.

Ich werde in Empfang genommen und habe sofort ein kaltes Getränk in der Hand. Die beiden setzen sich zu mir und fragen ehrlich interessiert nach meinem Weg, meinem Leben und nach mir. Dann führt mich Thomas hoch in ein herrliches, kleines Gästezimmer, das schön kühl ist, zeigt mir das Bad und über der Ablage auf dem Waschbecken stehen Dutzende von kleinen Cremes, Tinkturen und Puder. Alles, was man als Pilger so braucht. Da gibt es Blasenpflaster, kühlende Creme – ja, sogar Sonnenmilch ist da. Es ist wirklich unglaublich. Ich mache mich ein bisschen frisch, wasche meine Wäsche, hänge sie auf und dann gehe ich noch mal runter. Schon wieder habe ich ein kaltes Getränk in der Hand. Es riecht nach frisch Gebackenem und der Esstisch ist wahnsinnig liebevoll gedeckt.

Wir sitzen jetzt draußen zu viert, denn es ist noch eine Radpilgerin hier abgestiegen, die eine Lebensgeschichte hat, die man sich nicht ausdenken kann. Sie war schon zweimal für vier Monate auf dem Jakobsweg, hat in einem Laster gewohnt und auch ein Jahr völlig ohne Geld gelebt. Im Winter hat sie dann in Treppenhäusern geschlafen und im Sommer containert – das heißt, sich Essen aus den Containern vom Supermarkt geholt. Und weil ihr das gut gefallen hat und es auch ein bisschen ihre Überzeugung war, hat sie die nächsten 8 Jahre mit so wenig Geld wie möglich gelebt, was so um die 150 € im Monat sind. Irgendwie bin ich sehr beeindruckt, auch wenn ich es selber auf gar keinen Fall so machen möchte. Aber jemand, der die Sehnsucht nach dem einfachen Leben mit allen Konsequenzen durchsetzt, ist schon bemerkenswert.

Und dass ich gesagt habe, Thomas und Hedi sind „gerne Gastgeber“, ist eigentlich untertrieben, denn es kommt ein Drei-Gänge-Menü auf den Tisch, wie ich es schon lange nicht mehr gegessen habe. Überbackenes Ciabatta mit gegrilltem Ofengemüse, Mozzarella-Kügelchen, Kräutern und Olivenpaste. Als Hauptgericht ein unglaublich frischer Salat mit selbstgemachten Spinat-Käse-Klößen, dazu Parmesan, und als Nachtisch noch ein kleines Erdbeertörtchen mit frischer Erdbeersoße. Mir wird noch ein Viez serviert vom absolut Trier-begeisterten Thomas, der mir erklärt, dass ich jetzt bald an ganzen Streuobstwiesen vorbeikomme – mit den kleinen Äpfeln, aus denen dieser Apfelwein gemacht wird, der süß gespritzt mit Limonade getrunken wird.

Es gibt auch noch einen Espresso, und Hedi erzählt mir nicht ganz ohne Stolz, dass schon ein paar Pilger die Pilgerschaft nach dem Besuch bei ihnen beendet haben, weil sie meinten, das sei der perfekte Schlusspunkt.

Ich werde trotzdem noch 2390 km weitergehen, aber jetzt liege ich erst mal glücklich in meinem Bett.

Ein Hoch auf die Gastfreundschaft!
Mit das Schönste, was man erleben kann.
Schön, dass du dabei bist.
Florian!

Bilder des Tages

Da bin ich

Travelers' Map wird geladen …
Wenn du dies siehst, nachdem deine Seite vollständig geladen wurde, fehlen leafletJS-Dateien.

7 Kommentare zu „2 Becher Erdbeereis“

  1. Du hast gestern das erste Mal an Deine Badewanne gedacht.
    Und ich habe heute gedacht, wie unglaublich viel Input Du schon nach Deiner Wanderung durch die Eifel mitbringst, die ja, seien wir ehrlich, das kleinste Stück sein wird. Man sollte alle SchauspielerInnen mal auf eine solche Wanderung schicken. Soviele unterschiedliche Menschen, die einem die Tür und das Herz öffnen. Soviele Geschichten und Träume. Soviel Anteilnahme und Verständnis. Ich denke, soviel Material zur Menschendarstellung, zur Situationserfassung, zum Begreifen und Vermitteln findet man doch in keiner noch so großen Materialmappe und auch nicht bei noch so vielen mehr oder weniger klugen Gesprächen in unserer Blase.
    Ich glaube nicht, daß wirklich 99% aller Menschen gut sind. Aber wenn man mit Dir durch die Welt wandert, könnte man es tatsächlich glauben lernen. Und auf jeden Fall hat, wie gut Menschen sind, immer viel damit zu tun, wie gut man ihnen begegnet.
    Ich wünsch Dir einen weiteren schönen Tag mit tollen Menschen.
    Und freu mich schon aufs den nächsten Eintrag.
    Und übrigens: Ich glaube, Klaus hat Recht.
    🙂

    1. Liebe Eva,
      du kommentierst immer so schön. Das freut mich wirklich sehr. Habe auch das Gefühl. Ich nehme euch alle und auch dich besonders auf die Reise mit
      Gute Nacht, gute Nacht!

  2. Rainer Philippi

    Lieber Florian, jetzt folge ich Dir seit Beginn Deiner Pilgerreise, genieße die Erlebnisse, die Berichte und die FOTOS Deiner Wanderung, ohne Kommentar. Ich bin einfach zu erschöpft vom Auszug aus Düsseldorf, vom letzten eigenhändigen Umzug mit einem Transporter, dem Einpacken, den Erinnerungen u meiner Unfähigkeit, Dinge zu entsorgen; oder hinter sich zu lassen, wie Du das z.Z. tust. Und dem Nachsinnen darüber, dass der letzte Umzug, den dann wohl meine Frau oder meine Kinder organisieren werden, der wirklich finale sein wird…. Ich will nicht weiter jammern über das Aufräumen der Wohnung, insbesondere des Kellers, der vollgestellt war mit Dingen von gefühlt mindestens drei Vormietern, vom Versuch, alles so zu hinterlassen, wie ich es selbst gerne vorgefunden hätte.
    Ich hatte am Wochenende Besuch von meiner Frau, „meinem“ Sohn und „Schwiegertochter“, so dass ich Deine Ankunft in Trier erst jetzt zur Kenntnis genommen habe. Und siehe da: Du warst ganz nahe an meiner Kindheit in der Christophstraße 19…Hättest einen Blick auf das Türmchen werfen können, wo ich zum Schrecken unsere Nachbarn runtergerutscht bin…. Grüß mir mein Moselland u weiter beglückende Erfahrungen auf dem Weg. Ich freue mich schon auf den nächsten Eintrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen