Gestartet bin ich ja im hässlichen Euskirchen und Richtung Bad Münstereifel aufgebrochen, und das Schönste will ich euch jetzt erzählen. Das sind zwei Begegnungen und eine kleine Überraschung.
Die erste Begegnung fand an einem kleinen Ort recht nah bei Münstereifel statt. Ich war schon lange gelaufen, immer an der Erft entlang, als ich plötzlich zur rechten Hand eine kleine Eisdiele sah. Und was gibt es Besseres bei heißem Wetter als ein schönes, kühles Eis? Also hineingelaufen – und wen wundert es? Es stehen schon zwei Personen an: ein älterer Mann und eine junge Frau. Der ältere Mann fragt mich: „Auf normaler Wanderung oder auf dem Jakobsweg?“ Und nicht ganz ohne Stolz sage ich: „Auf dem Jakobsweg.“
In dem Moment dreht sich die junge Frau um und sieht mich strahlend an. „Der Jakobsweg“, sagt sie und zeigt auf ihre Arme, „da bekomme ich Gänsehaut.“ Sie erzählt mir, dass sie mit ihrem Mann auch schon den Jakobsweg gelaufen ist und wie viele schöne Begegnungen sie hatte. Während sie redet, habe ich das Gefühl, sie ist wieder dort. Sie strahlt mich an und fragt, was für ein Eis ich möchte. Ich sage: „Zitrone.“ Und sie: „Nur eine Kugel? Ja, die Bescheidenheit der Pilger.“ Das rührt mich. Wir verabschieden uns – sie heißt übrigens Nicole –, und mit einer geschenkten Kugel Eis wandere ich weiter.
Heute werde ich ja privat beherbergt. Sigi von gestern aus dem Pfarrheim hat mir eine Telefonnummer gegeben und mir die Unterkunft mit Nachdruck und strahlenden Augen ans Herz gelegt. Als ich ankomme, werde ich von Claudia in Empfang genommen, die eine sehr angenehme Stimme hat und genauso sympathisch ist wie ihr Lebensgefährte Steff. Der sitzt auf dem Balkon und radiert Notizen aus einem Buch, das er aus dem Bücherschrank hat, damit er es besser lesen kann. Die beiden nehmen seit drei Jahren Pilger auf und wurden schon von ihren Bekannten gefragt, ob sie nicht Angst hätten, weil sie die Leute ja nicht kennen würden. Da sagt Steff etwas sehr Schönes: „Die kennen uns ja auch nicht.“ Und das stimmt. Man muss einfach aufeinander vertrauen.
Wir unterhalten uns. Ich erfahre, dass Claudia in einem Chor singt und heute ein neues Stück anfangen wird. Eine Uraufführung. Steff ist schon ein Jahr pensioniert und schmeißt jetzt den Haushalt. Scherzhaft nennt er Claudia den Außenminister. Und er macht nicht nur den Haushalt, sondern auch eine ganz hervorragende Bolognese-Soße mit Pasta. Wir philosophieren noch etwas über Sellerie und wie man ihn essen kann, ohne dass es einem zu viel wird, und trinken dabei den von mir gekauften Rotwein. Es ist ein wundervoller Abend. Zum Abschluss gehe ich noch auf die kleine Kirmes im Ort und kaufe mir einen Liebesapfel.
Am nächsten Morgen verabschieden mich die beiden sehr herzlich, und leichten Schrittes gehe ich Richtung Blankenstein, meinem heutigen Ziel. Auf der Hälfte des Weges ist plötzlich mitten in einem kleinen Dorf ein Café, das freitags, samstags und sonntags aufhat. Ich bestelle ein Frühstück, und sofort habe ich Gesellschaft. Und zwar von dem Besitzer Fatih. Er hat sich vor 18 Monaten kurz nach der Immobilie erkundigt und gesagt, dass er vielleicht ein Café aufmachen wolle, und seitdem lag ihm das Dorf in den Ohren, dass er es unbedingt machen müsse. Und in der Tat: Es ist wirklich wunderbar. Alle haben sich hier versammelt, und er erzählt mir: Wenn es nachmittags Kuchen gibt, stehen die Leute bis auf die Dorfstraße. Kein Wunder bei dieser Gastfreundschaft! Und es braucht eben auch einen Ort, wo man sich zusammenfinden kann.
Er erzählt mir noch eine nette Geschichte. Und zwar war letzte Woche eine Harley-Davidson-Motorradgang bei ihm und hat gefrühstückt. Er hat gefragt, ob sie, wenn sie gehen, nicht alle ihre Motorräder gleichzeitig anmachen könnten. Tatsächlich haben sie es gemacht. Er hat Gänsehaut bekommen, und sie haben sich gefragt, warum sie nicht selber schon mal darauf gekommen sind. Aber Fatih meinte, das Patent gehöre nun ihm.
Gut gestärkt gehe ich weiter und komme nach einer Weile an eine Kreuzung. Rechts geht mein Weg lang. Links ist eine kleine Brücke, auf der ein Mann steht und in den kleinen Bach guckt. Ich beschließe, einfach mal auf die Brücke zu gehen und zu schauen, was es zu sehen gibt, und genau das sage ich ihm auch. Er heißt Hermann und fängt sofort an zu erzählen: „Das ist doch nicht zu glauben, dass so ein kleiner Bach so ein großes Unglück über die ganze Gegend bringen konnte.“ Das ist mir nun schon öfter begegnet, als ich hier durch die Eifel laufe. Vor fünf Jahren gab es das, was hier nur „die Flut“ genannt wird. Ein Regentag, der alle kleinen Bäche in reißende Flüsse verwandelt hat.
Hermann erzählt mir, dass auf dieser Brücke, wo wir stehen, Autos übereinandergetürmt waren und dass er ein wenig weiter oben noch Sachen vor dem Wasser retten wollte. Es ist dann aber so schnell gestiegen, dass er sich am Zaun festhalten musste und nur mit Mühe und Not entkommen ist. Ein Dorf weiter unten seien sogar drei Menschen gestorben, und noch weiter unten … er kann gar nicht darüber nachdenken. Und der alte Hermann hat Tränen in den Augen. Dann erzählt er mir aber noch stolz von seiner Forellenfarm, und seine Augen leuchten wieder.
Ich verabschiede mich, komme noch an einer Kapelle vorbei, wo ich eine Kerze für uns alle anzünde, und schließlich komme ich in der Jugendherberge in Blankenstein an. Und was soll ich euch sagen? Es ist eine Burg.
Ganz Burgherr wasche ich noch meine Wäsche in der Dusche, hänge sie in meinem kleinen Zimmer auf und werde jetzt gleich eine Pizza essen gehen.
Schön, dass du dabei bist!
Florian
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Es wundert mich zwar nicht,ich kenn Dich ja ein bißchen,
aber es freut mich trotzdem sehr,
daß Du schon in der ersten Woche so schöne Begegnungen hast.
Manchmal, wenn man sich in irgendwelchen Kommentarspalten festgelesen hat,
die wie ein schlimmer Unfall sind…man kann sich von dem schrecklichen Anblick nicht losreißen und will gleichzeitig nicht nur fassungslos hinstarren,sondern irgendwas irgendwie wieder gut machen….
möchte man ja an diesem Land und seinen Bürgern verzweifeln.
Aber wenn man jetzt so mit Dir auf dem Pilgerweg durch die Eifel stapft,
da schöpft man wieder Hoffnung bei soviel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft und Anteilnahme.
Das tut gut!
☀️
🌸
Da hast du recht Eva. Mir tut es auch ganz gut, ein bisschen von den Nachrichten Weg zu sein
Guck, so klein ist die Welt: Dort war ich als Schülerin auf Klassenfahrt. In Klasse 7 muss das gewesen sein – ist also schon ein paar Tage her. In der Eifel scheint sich seitdem aber nichts verändert zu haben. 😄
Ich wünsche dir weiterhin schöne Begegnungen und viele freundliche Gesichter!
Da danke ich dir und manchmal ist es ja auch schön, wenn Sachen auch bleiben 🌸