Mütz und Fabian

Gerade sitze ich im Bus nach Vigo von Ponferrada aus. Das war er also, mein letzter Lauftag für 5 Tage.

Und was für ein schöner Tag das war! Noch vor 2 Tagen habe ich ja geschrieben, ich habe gerade keine Lust auf andere Pilger, weil ich ja sowieso nicht mit ihnen weiterlaufen werde, und wieder einmal war der Weg schlauer als ich.

Ich bin also heute Morgen gestartet um 8:15 Uhr und laufe zum höchsten Punkt des gesamten Jakobsweges auf 1450 m. Und während ich durch die kühle Morgenluft laufe, geht langsam die Sonne auf. Über den Bergen liegt noch der Nebel und auf dem Gras glänzt der Raureif silbern. Ich habe schöne Musik und schaue auf den Horizont beim Laufen, der sich langsam von einem dunklen Lila in ein tiefes Rot verwandelt. Ich bin richtig gut gelaunt und froh.

Und so laufe ich durch den erwachenden Tag. Als ich mich so gegen 9 Uhr einmal umdrehe, sehe ich Karsten, den ich ab jetzt nur noch Mütz nenne, weil ihn alle seine Freunde so nennen. Er kommt fröhlich auf mich zu und sagt, dass er schon 2 km lang hinter mir her läuft.

Wir gehen jetzt zusammen. Ich habe ja gedacht, der Weg geht für mich zu Ende, aber durch Mütz weiß ich, dass ich falsch lag. Er ist einfach so offen und trotz, oder gerade wegen, einer privaten, sehr herausfordernden Situation hat er sich so in diesen Weg hineingeschmissen, dass ich es sogar etwas beneide. Er hat genau eine Minute gebraucht, um zu wissen, dass er den Weg gehen möchte, hat seine Sachen gepackt und war 2 Wochen später am Anfang seines Weges, ohne einen Funken Ahnung zu haben, was ihn erwartet. Er ist eigentlich ein introvertierter Mensch, dem es nicht leichtfällt, über seine Gefühle zu reden, aber er hat sich vorgenommen, dieses Muster auf dem Weg zu durchbrechen, und das macht er auch.

Und so spüre ich bei ihm, was es bedeutet, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Ich sehe einem Menschen beim Aufblühen zu und das ist das Kostbarste, was man erleben darf. Er sagt dann unterwegs noch, dass er es unglaublich schön findet, mit mir zu reden und zu laufen, und es macht mich glücklich, dass ich derjenige sein darf.

So vergeht die Zeit im Flug und wir bummeln und reden. Als wir gerade an einem kleinen Stand Pause machen und Banane mit Orangensaft essen, was gegen eine Spende angeboten wird, kommt mit seinem Jutebeutel der 23-jährige Fabian den Weg heruntergeschlendert und jetzt laufen wir zu dritt weiter.

Auch Fabian ist ein wirklich herzensguter Mensch und er hat eine sehr schöne Eigenschaft: Er kann echt staunen und vorbehaltlos das, was er toll findet, zum Ausdruck bringen. Wie ein Spiegelschwamm nimmt er das, was er sieht, und gibt es wieder, und auf so eine normale und schöne Weise, dass man ihn gerne um sich hat.

Als wir darüber sprechen, was wir am Leben lieben, sage ich Essen und Reisen und er seine Freunde. So ist er deshalb auch ein Vorbild für mich, denn Freunde sind wirklich sehr wichtig und ich werde sie nicht vergessen.

Wir haben es nicht eilig anzukommen und essen noch mal Churros mit Schokolade. Und wie ich so dasitze und die beiden betrachte, finde ich es ein wenig schade, dass ich nicht den Weg mit ihnen zu Ende gehe. Obwohl ich gestern noch dachte, jetzt ist es ja eigentlich schon vorbei.

Ich muss an ein Graffiti denken, das ich vor 2 Tagen fotografiert habe: „Don’t try to be sure, cause after there is no space.“

Schön, dass Du dabei bist, Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

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10 Kommentare zu „Mütz und Fabian“

  1. Was für ein schöner „Abschiedstag“ für dich, was für berührende Begegungen, lieber Florian! Die hast du, weil du selbst ein so zugewandter, einfühlsamer und offener Mensch bist. Und wie schön, dass du du das jeden Tag mit uns teilst 🥰
    Ich wünsche dir schöne Tage mit Deiner Familie.
    Herzliche Grüße aus Berlin von Petra

  2. „Don’t try to be sure, cause after there is no space.“

    Habe ich jetzt lange drüber nachgedacht über den Satz.
    Klingt gut. Aber.

    Einerseits und so wie Du ihn unter dem Eindruck von Mütz und Fabian verstanden hast, stimmt er natürlich: Nicht abschließen mit einem Eindruck, einem Urteil, einer Bewertung. Dann ist nämlich der Deckel drauf.
    Offen bleiben dafür, daß das noch mehr ist, als was man auf den ersten Blick und das erste Gefühl wahrgenommen hat. Vielleicht kommt noch was, womit man nicht gerechnet hat, was man nicht erkannt hat, was einem so neu ist, daß es unsichtbar blieb.

    Kennen wir doch auch von Intendantenwechseln und neuen Kollegen und dem ersten Gedanken „geht gar nicht“….und zwei Jahre später freut man sich, wenn man wieder zusammen was machen darf.

    Aber andererseits….sich sicher fühlen macht einen ja auch offener und risikofreudiger und bereiter für Überraschungen.
    Wenn ich mich selber sicher fühle, dann kann ich mein Herz weiter öffnen und das Hirn auch und fühle mich nicht angegriffen von Anderem und Fremdem und Ungewohntem, sondern bereichert.

    Na, immerhin hat der Spruch bei mir eine Menge Space geöffnet, da kannst Du sicher sein.
    🙂

    Schöne Zeit mit Deinen Familienfrauen!!!

  3. PS:

    Porto ist eine tolle Stadt!

    Da saß ich bei einem Gastspiel im November am Strand und aß Stockfisch und mein Mann simste, im Hofgarten fröre gerade der Teich zu.

    Und dann hat sich die ganze Produktion zum Abschied im Hafenviertel bei einem köstlichen Fischessen an hervorragendem Wein betrunken.

    Ich habe Porto in bester Erinnerung.
    😉

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