Huhn und Hahn

Jetzt, nachdem alle weg sind, fühlt sich der Weg wieder fremd an. Gerade habe ich das Gefühl, dass ich nichts mit den anderen zu tun haben möchte und lieber alleine laufen will.

Heute Morgen bin ich also gestartet und zum ersten Mal seit Tagen konnte man wieder ein bisschen die Sonne aufgehen sehen. Aber es war kalt. 9 Grad, und ständig blies mir der Wind entgegen.

Normalerweise hätte ich heute nur 20 km vor mir gehabt, aber irgendwie war ich schon um 11 Uhr mit den 20 km fertig. So beschloss ich, einfach noch 8 km weiterzulaufen.

Nach 20 km komme ich also in der Stadt Santo Domingo de la Calzada an. Dort besichtige ich die Kirche, die in einem Käfig ein Huhn und einen Hahn beherbergt. Diese Geschichte muss ich kurz erzählen:

Irgendwann im Mittelalter ist eine Familie aus Deutschland nach Santiago gepilgert.

Die Eltern haben mit ihrem Sohn hier in der Stadt in einem Wirtshaus Rast gemacht. Die Wirtsleute hatten eine schöne Tochter, die sich sofort unsterblich in den Sohn verliebt hat. Dieser jedoch hat die Avancen der Wirtstochter zurückgewiesen. Daraufhin war diese so erbost, dass sie heimlich einen silbernen Becher in das Gepäck des Sohnes gesteckt hat, um ihn bei der Abreise der Familie des Diebstahls zu bezichtigen. Das Gepäck wurde untersucht und der Becher gefunden. Nach einem kurzen Prozess wurde der Sohn zum Strang verurteilt, und das Urteil wurde noch am gleichen Tag vollstreckt. Da den Eltern nichts anderes übrig blieb, wollten sie ihre Pilgerreise fortsetzen, aber vorher noch ihren Sohn beerdigen.

Doch als sie ihn vom Galgen abnehmen wollten, atmete er und lebte. Daraufhin gingen sie zum Fürsten der Stadt und sagten ihm, es sei ein Wunder geschehen, ihr Sohn würde noch leben. Der Fürst war gerade am Essen, verspottete die Eltern und sagte, ihr Sohn wäre genauso lebendig wie die gebratenen Hühner, die auf seinem Teller lagen. Daraufhin sprangen die Hühner auf, tanzten, gackerten und waren wieder quicklebendig.

Seitdem werden in der Kirche ein Huhn und ein Hahn als Zeichen dieses Wunders gehalten, und sie sind auch zum Wahrzeichen der Stadt geworden.

Ich laufe meine restlichen 8 km zu Ende und habe heute die Wahl zwischen einer gut bewerteten christlichen Pilgerherberge mit 40 Plätzen, wo alle zusammen kochen, auf Matratzen auf dem Boden schlafen und gemeinsam essen und beten, oder einer schlecht bewerteten Pilgerunterkunft mit 20 Betten, ebenfalls mit gemeinsamem Essen. Ich entscheide mich für die schlechte, weil ich keine Lust auf das Beten und das gemeinsame Heiligsein habe.

Tatsächlich habe ich ein kleines Zimmerchen für mich alleine ohne Fenster in der Herberge, in der es saukalt ist, genauso kalt wie draußen. Unten gibt es allerdings einen Kamin, vor den ich mich setze.

Wahrscheinlich laufe ich jetzt erst mal ein bisschen zwischen den Etappen, weil ich gerade keine Lust auf Trubel habe.

Ich will das Alleinsein jetzt erst mal aushalten.

Und ich habe das Gefühl, ich möchte Maria, Dudley und Richard nicht so schnell ersetzen.

Schön, dass du dabei bist.

Florian

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5 Kommentare zu „Huhn und Hahn“

  1. Hallo Florian,
    wieder einmal: Vielen Dank fürs Mitnehmen … Durch alle Gemütslagen!
    Hab morgen einen guten Start in den Tag!
    Viele Grüße aus dem Düssel-Dorf

  2. Wie gut du für dich entscheidest! 👍
    „Zwischen den Etappen wandern“ erweckt wieder das Bild des die Nase und das Kinn keck in den Wind stellenden Hüpfeschrittkönners. Hühüpf und liebe Grüße ☀️

  3. Hallo Florian,
    wieder einmal ein schöner Bericht. Ich bin eher immer der alleine Wanderer Typ. Aber so ist jeder unterschiedlich. So in 11 Tagen bin ich in Spanien. Was ich nicht verstehe, aber anscheinend sonst jeder, was bedeutet „zwischen den Etappen laufen“?
    Weiterhin eine guten Weg.
    Grüsse Uwe

    1. lieber Uwe der Jakobsweg hat ca 32 klassische Etappen das sind meistens größere Ortschaften es gibt aber auch kleine Orte dazwischen mit Herbergen
      Das heißt dann zwischen den Etappen zu laufen

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