Ich bin nicht Schuld

Heute war der blaue Tag.
​Der startete allerdings erst mal mit Wolken und angenehmen Temperaturen. Heute laufe ich alleine los, weil wir alle unterschiedliche Unterkünfte haben. Ich also raus und biege in die noch dämmerige Straße ab und laufe hoffentlich einem schönen Sonnenaufgang entgegen.
​Jetzt müsste ich auch gleich an der Bäckerei sein, und links von mir sehe ich schon einen Silberstreif am Horizont. Moment mal, links? Neeeiiiinnn, so eine Scheiße! Ich bin 15 Minuten genau in die falsche Richtung gelaufen. Wie ich das hasse! Also umdrehen und den ganzen Bums wieder zurück.
​Nach 30 Minuten bin ich wieder bei meiner Unterkunft, und erst jetzt geht es richtig los, und zwar ordentlich genervt. Alle anderen sind natürlich schon weg und der Bäcker hat auch nur noch ein Baguette aus wabbeligem Hamburgerteig. Egal, jetzt sind es ja nur noch 31 km.
​Was mich aufrecht hält, ist die Blau-Challenge, die Maria und ich heute bestreiten, und ich freue mich, als ich sogar eine kleine Lücke in den Wolken entdecke, aus der mir der frühe Morgen entgegenflutet.
​Heute geht es rauf und runter und nach ungefähr 20 km will ich meine Mittagspause in einem kleinen Dorf machen. Kurz bevor ich dort ankomme, laufe ich an einem Straßenarbeiter vorbei. Ich grüße natürlich mit einem freundlichen „Bonjour“ und will weiterlaufen, als er mich anhält und fragt: „Tu marches sur le chemin de Compostelle?“ Oder so ähnlich, also ob ich den Jakobsweg laufe. Und als ich Ja sage, zwinkert er mir zu, tritt zur Seite und zeigt auf einen grasigen Weg, der einen Hügel hinunterführt.
​Obwohl ich eigentlich auf der Straße bleiben soll, laufe ich den Weg runter und bedanke mich noch mal bei dem nun herzlich lachenden Kerl. 15 Minuten laufe ich den Berg runter, bis ich auf eine Straße stoße und der Jakobsweg nach rechts weiterläuft. Ich schaue auf meine Karte und mir bleibt der Mund offen stehen: Ich habe einen großen Bogen geschnitten und so den Weg um 3 km verkürzt.
​Jetzt sind plötzlich alle hinter mir. Und das Beste ist: Ich sage nichts, und am Nachmittag bin ich wie ein Geist. Alle sind fassungslos, wie ich das geschafft habe. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, denn schuld hat ja der Straßenarbeiter. Ich genieße nur meine unglaublichen Fähigkeiten in den Augen von Richard, Deadly und Maria.
​Maria zeltet heute wieder und wir drei sind in einer wunderbaren Unterkunft. Es gibt tolles Essen, heute sogar das erste Mal Fisch.
​Morgen werden wir etwas später starten und ich laufe einfach den alten Hasen hinterher, dann muss ich nicht nachdenken und kann mich nicht verlaufen. Morgen ist übrigens Schwarz die Farbe der Foto-Challenge. Und es sind nur noch 3 Tage bis Saint-Jean-Pied-de-Port und ich habe den dritten großen Abschnitt meiner Pilgerreise hinter mir.
​Schön, dass du dabei bist.
Florian

Bilder des Tages

Da bin ich

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4 Kommentare zu „Ich bin nicht Schuld“

  1. Oh, auf die Ergebnisse bei Schwarz bin ich schon gespannt.
    Blau war wieder schön.

    Und der Straßenarbeiter hat ja eigentlich nur den Fehlstart korrigiert.
    Guter Mann. 🙂

    Sind die anderen in Saint-Jean-Pied-de-Port am Ziel?

    Morgen einen guten Start! Und ein knuspriges Baguette!

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