Das Erste, was ich erzählen möchte, ist, dass ich heute Morgen wieder einen ganz kurzen Moment von vollkommenem Glück hatte. Das passiert sehr selten; den ersten hatte ich vor acht Jahren auf meinem ersten Jakobsweg.
Ich versuche es mal zu beschreiben, auch wenn es sich so ganz nicht in Worte fassen lässt. Also, es ist ein Gefühl wie ein Déjà-vu, so kann man die Flüchtigkeit vielleicht beschreiben. Und so weht das Glück dich dann an, oder wie ein Geruch, der plötzlich da ist und dann verfliegt.
Und heute Morgen bin ich also unterwegs, die Sonne ist am Aufgehen, der Himmel sieht toll aus, ein gelber Heißluftballon steigt in die Höhe und der Weg vor mir verliert sich in eine hügelige, offene Landschaft. Und plötzlich ist es da, vielleicht für drei bis vier Sekunden: das Gefühl wie eine Erinnerung, dass alles stimmt und alles gerade an seinem Platz ist, es keine Verbesserung gibt und ich mit allem zusammen genau an dem Ort bin, an den alles gehört – ein Moment vollkommenen Glückes.
Das erste Mal, als ich das hatte, habe ich einfach laut „Danke“ gesagt, keine Ahnung, an wen oder was. Dann laufe ich weiter und es klingt noch nach. Ich glaube, es hat auch mit gestern zu tun, aber genau sagen kann man das nicht.
Ich werde gegen Mittag von Richard eingeholt und zusammen beschließen wir, heute keine einzige Abkürzung zu nehmen, sondern 34 km zu laufen. Mittags schauen wir uns eine Kathedrale an und treffen Maria wieder, wo ich fast sicher war, sie würde die Abkürzung nehmen. Deswegen habe ich ihr ein paar Katzenfotos gemacht, weil in der Kathedrale von Rominou angeblich so viele davon sind. Wir sehen aber nur welche aus Stein.
Wir verabreden uns zum Essen für heute Abend und dann laufen ich und Richard weiter. Er hat mir ja erzählt, dass er auch schon in Vietnam war. Das wäre aber vor meiner Geburt gewesen, und deshalb frage ich ihn heute noch danach. Es stellt sich heraus, dass er im Vietnamkrieg war, ’68–’69. Deswegen kann er auch nicht mehr gut hören, weil er die Artillerie bedient hat.
Mich beschäftigt das, und ich frage ihn, ob es okay ist, wenn ich mehr darüber wissen will. Ich frage ihn, ob er noch heute davon träumt, und er sagt ja, und auch, dass er Feuerwerk und so etwas nicht ertragen kann. Und er meint, es ist wie mit dem Jakobsweg: Die einzige Aufgabe besteht darin, aufzustehen, zu laufen und anzukommen. Und im Krieg ist es kämpfen, nicht sterben und nach Hause zu kommen. Das macht mich ganz schön still. Auch, dass er sagt, dass er damals dachte, er tut das Richtige, weil er seiner Regierung vertraut hat, und im Nachhinein fühlt er sich sehr schlecht damit. Auch als er nach Hause gekommen ist, haben ihn alle gehasst.
Am Nachmittag kommen wir an unserem Ziel an und trinken erst mal ein Bier, also ich natürlich Panaché. Dann suchen wir ein Restaurant und Richard sucht aus, und er will unbedingt in ein vietnamesisches Restaurant gehen, weil er das Essen so mag.
Ich finde die Idee super, und am Abend sitzen Maria, Richard, Deadly und ich alleine in einem lustigen vietnamesischen Restaurant, wo ich sinnloserweise einen Tisch reserviert habe, denn wir sind die einzigen Gäste. Wir reden, lachen und diesmal ist Vietnam das Gegenteil von Krieg.
Maria sagt sogar, dass sie vielleicht noch länger auf dem Weg laufen wird, und darüber freue ich mich auch sehr, denn sie ist eine wirklich lustige Frau. Und ich habe ein bisschen das Gefühl, wir vier sind wie die Katzen von Aristocats: etwas runtergekommen, aber das Beste, was man kriegen kann.
Schön, dass du dabei bist. Florian
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Es ist einfach so so schön. Ich fühle alles mit was du schreibst und freue mich.
Oh das ist aber schön und freut mich sehr Carolina 🥰
…das stimmt!
Ich freue mich abends immer schon auf deine neuen Erlebnisse.
hey hallo Maria freue mich schon dich morgen wieder zu sehen also virtuell :))) florian
Wie sehr ich Deine Texte liebe!! Danke.
❤️