Tag 61

Heute Morgen habe ich mir wirklich fast den Arsch abgefroren. So kalt war es, 6 Grad, aber ich denke nur kurz an meinen Allerwertesten. Und zwar, bis ich an den Fluss komme: Das Wasser dampft, das Morgenrot kündigt die Sonne an! Es sieht einfach atemberaubend aus. Eigentlich bin ich als Erster aus der Unterkunft um 7 Uhr, aber ich lasse nach und nach die Leute an mir vorbeiziehen, weil ich mich einfach nicht sattsehen kann. Doch dann nehme ich die Beine in die Hand und zack, bin ich wieder ganz vorne. Lohn der langen Reise.

Heute geht es bergauf und bergab, ohne wirklich steil zu sein. Ich laufe ein bisschen durch eine bizarre Landschaft. Überall stehen kleine, verkrüppelte Eichen rum. Der Weg ist gesäumt von aufgeschichteten Steinmauern und ab und zu gibt es auch einen Unterschlupf, der aussieht wie ein Iglu aus Steinen. Und tatsächlich ist, glaube ich, die Bauweise genau gleich: Steine werden ringsrum aufgeschichtet in immer kleiner werdenden Kreisen, bis sie sich zum Dach verjüngen.

Genau zur Plat-du-Jour-Zeit komme ich an einem kleinen Städtchen an, wo es auch ein herrliches Mittagessen gibt. Als Nachtisch gibt es eine kalte Pfirsichsuppe mit einem Traum von Vanillenockerln in der Mitte, sowas Leckeres habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Ich überlege sogar, den Nachtisch noch einmal zu bestellen, aber dann ist es mir doch zu peinlich.

Weiter geht es durch die Krüppeleichen, bis ich schließlich nach 28 km in meiner Unterkunft ankomme. Dort treffe ich Antonio aus Treviso in Italien und wir reden eigentlich den ganzen Abend zusammen. Er kann fünf Sprachen und ist jeden Monat für eine Woche unterwegs. Mehr erlaubt seine Frau nicht. Er war auch mal mit seiner Frau wandern, aber die hat nach drei Tagen gesagt, sie macht das nicht mehr mit, und ab da musste er zwei Rucksäcke tragen. Jetzt darf er einmal im Monat alleine.

Tatsächlich habe ich heute auch noch ein paar Unterkünfte gebucht, weil mir Antonio ein bisschen Angst gemacht hat, dass er schon zweimal gar nichts bekommen hat. Also ran ans Telefon – und ich kann es auf Französisch am Telefon. Darauf bin ich auch ein bisschen stolz.

Auch der Herbergsvater spricht Englisch und sogar ein ganz bisschen Deutsch, und ihn frage ich, was es mit den Mauern auf sich hat. Er erklärt mir, dass der Boden hier so unfruchtbar ist, dass nur eine ganz dünne Schicht über dem Kalkfelsen liegt. Und wenn die Bauern irgendwas anbauen wollten, mussten sie erstmal die ganzen Steine aus dem Boden holen. Und was sollte man damit tun, als sie einfach an der Seite aufzuschichten zu endlosen Mauern? Damit hatte man die Steine weg und auch noch seinen Acker abgegrenzt. Trotzdem gehört dieser unfruchtbare Boden mit zu den teuersten Böden in Frankreich, weil hier nämlich die schwarzen Trüffel wachsen. 15 km weiter gibt es wohl auch den größten Trüffelmarkt in ganz Frankreich.

Dann gibt es noch ein schönes Abendessen mit allen zusammen, es wird viel gelacht und irgendwann ziehe ich mich in meine Höhle zurück. Denn jeder hat eine kleine Bettkammer und das ist mehr Privatsphäre als in den letzten Wochen.

Schön, dass du dabei bist!
Florian

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1 Kommentar zu „Tag 61“

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