Jeder

So, heute Morgen schön mein Zelt zusammengepackt. Irgendwie habe ich länger geschlafen als gedacht. Ist ja auch nicht so schlimm. Auf jeden Fall ist es erst 7:30 Uhr, als ich aus dem Wald hinausspaziere. Ich habe auch kein Wasser mehr. Das war schon in der Nacht ein bisschen ein Problem. Da hatte ich zwar noch Wasser, habe aber immer nur in ganz kleinen Schlucken getrunken. Es ist doch seltsam: Wenn man etwas nicht hat, wie sehr man es dann braucht. Aber es sind ja nur noch 10 km bis zum kleinen Supermarkt, wo ich mir endlich Wasser und ein frisches Baguette kaufen kann.

Und tatsächlich: In zwei Stunden – vielleicht ein bisschen mehr – habe ich den Ort erreicht. Doch bunte Stühle kündigen schon den geschlossenen Supermarkt an. Was für eine Enttäuschung! Jetzt gibt es nichts mehr bis zu meiner nächsten Unterkunft, die 17 km weit weg ist. Und da gibt es nur Abendessen und Frühstück, aber sonst nichts – dabei wollte ich doch noch Süßigkeiten kaufen.

Im Ort treffe ich übrigens Titus wieder. Aber er hat schon gefrühstückt und geht schon weiter, während ich mit meinem halben Baguette von gestern und meiner Salami mein trauriges Frühstück bestreite. Das Gute an altem Baguette ist: Es wird wie Kaugummi, und dadurch hat man mehr davon, weil man länger kauen muss. Naja, hilft ja alles nichts, also weiter geht es.

Irgendwie ist Frankreich viel hügeliger, als ich mir das vorgestellt habe. Es geht die ganze Zeit hoch und wieder runter. Kurz vor meinem Ziel treffe ich wieder Titus, der schon wieder ganz viel Essen vor sich liegen hat. Ein bisschen neidisch bin ich schon, aber ich bin ja jetzt auch bald da. Und weil er heute wieder im Zelt übernachtet, geht er noch ein bisschen weiter. Wir haben uns aber auf ein Getränk für übermorgen in Dijon verabredet. Da freue ich mich schon drauf.

Also laufe ich weiter und komme an einer Bank vorbei, auf der ein älterer Herr sitzt. Er winkt mich zu sich und fragt, wo ich hinwill.

Ich sage natürlich, mal wieder, nach Santiago, und frage ihn, ob er hier wohne. Er lacht kurz und sagt: „Jetzt ja. Aber eigentlich komme ich aus Amerika. Irgendwann bin ich mit meinen Eltern nach Frankreich gekommen.“

Er hält inne und sieht mich an. „Was ist mit deinen Eltern?“

Ich sage, meine Mama wohne in Hamburg und mein Papa in München – er sei aber leider schon gestorben. Er fragt mich, wie sie heißen. Ich sage: „Dagmar und Helmut“, auch wenn ich die Frage ein bisschen seltsam finde.

„Und wie haben sie sich kennengelernt?“, will er wissen.

Mir fällt auf, dass ich kein Wort darüber weiß. Ich finde die Frage aber auch irgendwie komisch und leicht übergriffig und zucke nur mit den Schultern. Und weil ich das nicht einfach so auf mir sitzen lassen will, frage ich einfach das Gleiche zurück.

Der alte Mann lächelt leise, blickt ins Leere und beginnt zu erzählen:

Es war einer jener heißen Spätsommerabende in Michigan, an denen man eigentlich nur auf der Veranda sitzen und die Fliegen zählen konnte, die eine nach der anderen an den klebrigen Fliegenfängern hängen blieben. Oder man ging in das einzige Diner der kleinen Stadt Coldwater Junction.

Allein der Name war absurd. Denn das Flussbett, das dieser kleinen Stadt vor wer weiß wie langer Zeit einmal ihren Namen gegeben hatte, war längst eine Straße, und das Wasser war in den endlosen Weizenfeldern der Umgebung versiegt.

Das Diner klammerte sich an die löchrige Straße, die nur noch selten befahren wurde, seit vor zehn Jahren der Highway 57 fertiggestellt worden war. Der ständige, heiße, staubige Wind hatte der einst so verheißungsvoll leuchtenden Neonreklame von „Lack & Desire’s Diner“ ziemlich zugesetzt, und mit einem leisen, abgesackten Brummen kämpfte sie gegen die Abenddämmerung an.

Sie stellte ihr Fahrrad an der Hintertür des Diners ab und strich sich noch einmal die Schürze glatt. In der Radkappe, die ein nagelneuer, schicker Buick Riviera vor ein paar Jahren hier verloren hatte, als er die Auffahrt zum Highway verpasst hatte, und die sie liebevoll an die Holzwand gehängt hatte, sah sie sich an. Auch wenn der Flugrost dem einst so blanken Chrom etwas von seiner Strahlkraft genommen hatte, richtete sie ein letztes Mal ihre Frisur, bevor sie die Tür öffnete und das Diner betrat.

Schon während sie rief: „Mary, ich bin da! Du kannst gehen, ich schließe dann ab!“, ließ sie ihren Blick durch den Raum wandern. Sie stellte fest: Es gab keine Überraschungen.

Bob und Emily Callahan standen gerade auf. Sie waren wie jeden zweiten Mittwoch gekommen, zusammen mit ihren ziemlich verwachsenen Kindern Tommy und Ruby – wobei es Tommy ein bisschen mehr erwischt hatte, so dachte sie jedenfalls, denn er kam ganz nach seinem Vater. Auch Walter, der vor Jahren mal als Zahnarzt gearbeitet hatte, schob sich gerade das letzte Stück Apple Pie in seinen zahnlosen Mund. Und an den Tresen klammerte sich wie immer Butch, den alle eigentlich nur „Baseball“ nannten, wegen der Kopfbedeckung, die er immer mit dem Schirm nach hinten trug.

Sonst bot sich genau der Anblick, den das Diner in all seiner Gebrechlichkeit versprach.

Nur etwas passte nicht, dachte sie. Und es dauerte eine Weile, bis es ihr auffiel.

Ganz hinten in der Ecke saß ein junger Mann. Fast schien der Raum zu kippen, so ungewöhnlich war es.

Natürlich versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. Der Tresen musste gewischt werden. Sie ging hinüber zum Papierkorb bei der Jukebox, auch wenn sie wusste, dass er wie immer leer sein würde. Verstohlen sah sie auf dem Rückweg hinter die Theke zu dem jungen Mann rüber. Aber er machte keinerlei Anstalten zu bestellen. Was ihr sofort auffiel, war seine Kleidung: Sie war von einer solchen Schlichtheit, ohne im Geringsten ärmlich zu wirken. Seine ganze Ausstrahlung war – sie konnte es nicht genau beschreiben –, nicht unzufrieden, aber auch nicht glücklich, so als hielten sich beides vollkommen die Waage. Und dennoch hatte sie das Gefühl, dass ihm etwas fehlte. Aber es hätte alles sein können.

Baseball legte seine zwei Dollar auf den Tresen, drehte seine Mütze nach vorne, zwinkerte ihr mit seinem schiefen Lächeln zu und machte eine Art Salut-Bewegung, bevor er dem Ausgang entgegenwankte. Das Schellen der Glocke über der Tür verriet, dass er gegangen war.

Und als sie auch Walters „Du hast so hübsche Zähne“ ertragen hatte und sein Teller abgeräumt war, saß nur noch er an seinem Tisch. Und sie stand hinter dem Tresen.

Das Diner hatte eigentlich noch zwei Stunden offen, und sie hatte gehofft, wie immer nach dem letzten Gast abschließen zu können, um früher nach Hause zu gehen. So konnte es auf keinen Fall weitergehen. Also fasste sie sich ein Herz, ging zu dem jungen Mann rüber und fragte: „Möchten Sie bestellen? Brauchen Sie irgendwas?“

Der Mann drehte den Kopf zu ihr. Seine Augen verrieten ihr, dass er offensichtlich keine Ahnung hatte, was sie ihn gerade gefragt hatte.

In diesem Moment klickte die Jukebox im Hintergrund, und Muddy Waters sang ziemlich verrauscht und zerkratzt seinen Hit You Need Love. Wie um sich an irgendetwas zu erinnern, drehte der Mann den Kopf leicht in Richtung der Jukebox, verharrte einen kurzen Augenblick – und dann war der Blick wieder verschwunden.

Sie war verunsichert, auch wenn es nicht unheimlich wirkte. Er war einfach wie nicht da. Sie konnte es gar nicht richtig beschreiben.

Sie ging wieder zurück hinter ihren Tresen. Und beide sahen sich an.

Da spürte sie, dass er etwas brauchte. Weil ihr einfach nichts Besseres einfiel, es aber genau in ihrem Wesen lag, nahm sie den kleinen Eispickel und brach zwei ordentliche Stücke aus dem großen Eisblock in der Truhe. Sie tat sie in ein Glas und füllte es mit Wasser. Dann marschierte sie selbstbewusst zu ihm rüber, stellte es vor ihn hin und wartete.

Keine Reaktion.

Wieder sah er sie fragend an. Sie wusste selbst nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grund machte sie eine kleine Pantomime: Sie führte ihre Hand zum Mund, öffnete ihn halb und tat so, als schütte sie ein unsichtbares Glas Wasser in sich hinein.

Er sah sie an. Dann sah er auf das Glas. Er verstand nicht wirklich, was sie von ihm wollte, und trotzdem nahm er das Glas in die Hand, hob es langsam an die Lippen und trank einen Schluck.

In diesem Moment passierte es. Seine Augen weiteten sich leicht. Es war, als würde er zum allerersten Mal in seinem Leben spüren, was für ein bodenloser, tief sitzender Durst in ihm geschlummert hatte. Das kalte Wasser lief seine Kehle hinunter, und er trank das Glas in einem einzigen Zug aus.

Mit jedem Schluck, den er nahm, spürte sie, was es bedeutete, wirklich gebraucht zu werden.

Das Glas war leer, und beide standen sich verdattert gegenüber. Wie lange, das war unmöglich zu sagen. Aber auf einmal – so als wäre in einem dunklen Raum das Licht angegangen – änderte sich alles.

Sie rannte wieder hinter die Theke. Sie kramte in den Kühlfächern, hielt schließlich eine Milchtüte in die Höhe und schaute ihn erwartungsvoll an. Er schaute zurück und – ohne zu wissen warum – nickte er.

Sie strahlte. Dann zauberte sie eine Tafel Schokolade hervor, schlug sie heftig gegen die Milchtüte, und wieder folgte ihr fragender Blick. Und von ihm: ein lachendes Nicken.

Sie warf beides in den Mixer und ließ das neue Gerät laut losheulen. Sie rannte rüber zu seinem Tisch, und noch in dem Moment, als sie den Becher vor ihn hinstellte, griff er schon danach. Kurz sah er sie noch einmal an. Sie machte wieder die kleine Handbewegung, und er stürzte den Schokoladen-Shake in sich hinein.

Nie hätte er geahnt, dass es genau das war, was er brauchte.

Auch sie spürte es. Aber dafür war fast überhaupt keine Zeit, denn sie war schon wieder mit Apfelkuchen beschäftigt, mit Sahne und Streuseln auf einem Teller, und schon wieder zu ihm gerannt. Sie wollte den Teller gerade auf den Tisch stellen, als er schon danach griff.

In dem Moment, als sich ihre Hände berührten, klickte die Jukebox erneut, und von den Beatles schrammelte es herüber: „All you need is…“

Und genau in diesem Augenblick leuchtete die Neonreklame von „Lack & Desire’s Diner“ auf einmal wie neu, bevor sich ihr flackerndes Summen leise in der Nacht von Michigan verlor.

Ich bin ganz schön verdutzt und frage: „Und was waren ihre Namen?“

Er sagt: „Nicht-Haben und Brauchen.“

„Und wie heißen Sie?“

Er lacht kurz und sagt: „Ich heiße Jeder.“

Dann gehe ich weiter.

Bilder des Tages

Da bin ich

Travelers' Map wird geladen …
Wenn du dies siehst, nachdem deine Seite vollständig geladen wurde, fehlen leafletJS-Dateien.

1 Kommentar zu „Jeder“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen